Vom 26. bis zum 31. März sind die Augen der internationalen Klaviermusikszene gänzlich auf Freiburg gerichtet. Zu Ehren des 1985 im Alter von 68 Jahren verstorbenen russischen Pianisten Emil Gilels richtet die nach dem Künstler benannte Foundation ein Festival aus. Dabei treten in Person von Martha Argerich, Evgeny Kissin, Grigory Sokolov und Lilya Zilberstein vier der namhaftesten Tasten-Virtuosen der Gegenwart auf. Zudem geben Zilberstein und die ebenfalls höchstrangig einzustufenden Pianisten Dmitri Bashkirov und Robert Levin Meisterkurse für ausgewählte Schüler aus aller Welt. Vorsitzender der Foundation ist Gilels ehemaliger Schüler Felix Gottlieb, der von 1995 bis 2011 selbst als Professor an der Freiburger Hochschule für Musik lehrte. Mit chilli-Redakteur Felix Holm sprach er über Gilels, das Festival und Freiburgs Bedeutung als Klavierstadt.

chilli: Herr Gottlieb, Sie haben Emil Gilels persönlich gekannt. Heute gilt er als einer der größten Pianisten des 20. Jahrhunderts. Was zeichnete ihn aus?
Gottlieb: Was kein anderer hatte, war sein Klang. Unter seinen Händen hat das Klavier gesungen wie bei niemandem sonst. Zudem gab es viele Pianisten mit einem umfangreichen Repertoire – das von Gilels aber war grandios. Und er war ein Mensch, der sein Leben auf der Bühne verbracht hat, dort war das Zentrum seines Lebens. Auch wenn ich sein Schüler war, so war er doch für mich in erster Reihe ein großer Pianist und dann erst Pädagoge. Seine Größe als Künstler ist mir erst richtig klar geworden, als ich nach seinem Tod über seine Familie Zugang zu alten Dokumenten erhalten habe, darunter auch eine handschriftliche Konzertographie aus den Jahren 38 bis 70. Sieht man das, wird einem erst bewusst, was für eine Karriere er hatte. Teile dieser Dokumente sind übrigens auch in einer Ausstellung beim Festival zu sehen.

Festival-Organisator Felix Gottlieb war Schüler von Emil Gilels in Moskau, tourte 20 Jahre lang als Pianist durch die Welt.



chilli: Und wie war Gilels als Person?
Gottlieb: Bescheiden, zurückhaltend, entgegenkommend. Ich möchte nur kurz eine Geschichte erzählen, wie er seinem deutschstämmigen Lehrer Heinrich Neuhaus im Jahr 1941 das Leben gerettet hat. Der war in die Lubjanka (Gefängnis für politische Gefangene in Moskau, d. Red.) gekommen, wo auch Menschen zu Tode gefoltert wurden. Gilels hat sich daraufhin bei einem Auftritt vor Stalin, Churchill und Roosevelt direkt an Stalin gewendet, um Neuhaus freizubitten. Stalin hat ihn gewarnt und gesagt: „Stellen Sie diese Frage nie wieder!“ Gilels hat es dennoch gewagt und Neuhaus so schließlich freibekommen.

chilli: Wird Gilels Werk heute noch gebührend wahrgenommen?
Gottlieb: Die Künstler, die auf unserem Festival auftreten und lehren, gehören alle zur absoluten Weltspitze und waren für uns, die Organisatoren, allesamt erste Wahl. Keiner von ihnen hat gezögert, hier zuzusagen. Das zeigt die Achtung und Ehre, die sie vor Emil Gilels heute noch haben. Und unsere Veranstaltung ist als Hommage an diesen großen Künstler zu verstehen.

chilli: Auf welchen der Künstler freuen Sie sich denn am meisten?
Gottlieb: Ich schätze alle vier – und sie sind so unterschiedlich. Wenn ich eine Teilnahme besonders erwähnen möchte, dann ist es die von Grigory Sokolov. Er hat Dank der Fürsprache von Gilels, der damals Vorsitzender der Jury war, den renommierten Tschaikowsky-Wettbewerb gewonnen. Man konnte damals noch nicht ahnen, wie weit das Talent Sokolovs sich entwickeln würde, aber Gilels hat die Dimension seines Talentes jedenfalls als Erster erkannt.

chilli: Neben den Konzerten werden beim Festival auch sogenannte Meisterkurse mit weltbekannten Musikern angeboten.
Gottlieb: Ja, für ausgewählte Teilnehmer, die aus der ganzen Welt anreisen. Das Alter war bei der Anmeldung übrigens unerheblich, der Jüngste ist 15 Jahre alt, der Älteste etwa 30. Sie kommen alle aus unterschiedlichen Nationen und nehmen enorme Strecken auf sich: Wir haben Meisterschüler aus China, Japan, Brasilien oder auch Neuseeland, aber natürlich auch aus Europa. Tatsächlich war der Andrang auf die Kurse riesig, sie sind längst ausgebucht und hätten doppelt belegt werden können.

chilli: Also trifft in diesen Tagen die aktuelle Weltspitze auf die zukünftige?
Gottlieb: Das zu sagen, ginge zu weit. Aber Talente werden mit Sicherheit dabei sein – wer sich überzeugen will, hat dazu die Möglichkeit. Interessierte Zuhörer können beim Unterricht hospitieren.

Emil Gilels (1916–1985) zählte schon zu Lebzeiten zu den bedeutendsten Pianisten
des 20. Jahrhunderts.



chilli: Welche Bedeutung hat das Event für den Ruf Freiburgs in der Piano-Szene?
Gottlieb: Die Freiburger Hochschule galt lange als Hochburg für Pianisten und hat nach wie vor ein sehr gutes Renommee. Durch das Festival, das ab sofort alle zwei Jahre stattfinden soll, kann der Ruf natürlich wachsen. 2016 wäre Gilels 100 Jahre alt geworden – mal schauen, was bis dahin passiert.

chilli: Zum Abschluss: Warum sollten auch Laien dem Festival einen Besuch abstatten?
Gottlieb: (lacht) Aus der Liebe zur Klaviermusik! Innerhalb von einer Woche vier der größten Musikerpersönlichkeiten der Neuzeit quasi frei Haus geliefert zu bekommen – was will man mehr?

chilli: Herr Gottlieb, vielen Dank für das Gespräch!

Fotos: fho / Lauterwasser

Infos & Termine:

27.3., 9.30 Uhr:
Meisterkurs mit Lily Zilberstein
28.3., 9.30 Uhr:
Meisterkurs mit Dmitri Baskirov
29.3., 9.30 Uhr:
Meisterkurs mit Dmitri Baskirov
29.3., 20 Uhr:
Konzert mit Martha Argerich & Lilya Zilberstein*
30.3., 9.30 Uhr:
Meisterkurs mit Robert Levin
31.3., 9.30 Uhr:
Meisterkurs mit Robert Levin
31.3., 20 Uhr:
Konzert mit Evgeny Kissin*

*Alle Konzerte finden im Großen Saal der Freiburger Musikhochschule statt