Der Historiker Michael Berger über soziale Bewegungen

Viel Bewegung, viel Geschichte: Die Jugendlichen in den 20ern, Frauen, Studenten, Ökoaktivisten, Hausbesetzer. Der Freiburger Historiker Michael Berger, 75, war mit dabei – nicht nur als Zuschauer. Er hat 1975 den linken Buchladen Jos Fritz mitbegründet, noch heute gibt er Kurse an Uni und PH über „Das Kapital“ von Karl Marx. Dominik Bloedner hat sich mit ihm unterhalten.

 

chilli: Wann spricht man von einer sozialen Bewegung?
Berger: Wenn ein soziales Anliegen formuliert wird, das früher nicht präsent war. Die Bewegung kommt spontan, verbreitet sich schnell und wächst stetig, sie hat keine festen Strukturen, kein starres Programm. Meist ist sie wie die Anti-AKW-Bewegung eine Ein-Punkt-Organisation. Sicher, es gibt charismatische Persönlichkeiten wie Dutschke. Aber der hatte keine Entscheidungsmacht, nur eine moralische Autorität.

chilli: Wann enden Bewegungen?
Berger: Wenn sich eine Institution bildet. Oder wenn das Anliegen erfüllt wird. Die Studentenproteste in den 70ern ebbten ab, als es eine Hochschulreform gab. Aus der Umweltbewegung ist eine grüne Partei, Mülltrennung und Solarenergie geworden. Oder Bewegungen scheitern wie die der Frauen. Deren Stellung hat sich zwar verändert, sie dürfen wählen, es gibt Gleichstellungsbeauftragte. Aber wurde das Ziel erreicht, wenn Frauen nur fünf Prozent der Professoren stellen? Die Friedensbewegung scheiterte, weil sie unerfüllbare Ziele hatte.

chilli: Ist Südbaden eine Protesthochburg? Die Hausbesetzer spielten zeitweise in der ersten deutschen Liga.
Berger: Das war importiert, diese Bewegung kam aus Frankfurt und Berlin. Die Forderung, Wohnraum zu erhalten, war ein Angriff auf das schlechte Gewissen der bürgerlichen Gesellschaft. Erstaunlich war, wie lange die Bewegung hier geduldet wurde. Der Protest gegen das geplante AKW in Whyl gab den Anstoß für vieles. Heute ist er zum Mythos geworden, vieles wird verklärt.

chilli: Gibt es derzeit Bewegungen?
Berger: Nein, auch wenn Occupy das in Anspruch nimmt. Doch das strahlt nicht in die Gesellschaft aus. Aber Bewegungen können immer wieder kommen und sie waren erstaunlich wirksam. Alle gesellschaftlichen Veränderungen gehen auf sie zurück. Man denke nur daran, was die Arbeiterbewegung in fast zwei Jahrhunderten hier in Europa erreicht hat.

Text & Foto: Dominik Bloedner