Vor rund 200 Jahren organisierte der Freiburger Stadtarchivar Ferdinand Weiß das Armenwesen in Freiburg neu und vereinigte die damals mehr als 100 Stiftungen unter einer Stiftungsverwaltung. Heute befinden sich unter deren Dach noch sechs selbständige Stiftungen. Lothar A. Böhler ist Direktor dieser Kommunalen Stiftungen und damit verantwortlich für ein Finanzvolumen von über 50 Millionen Euro jährlich und rund 550 Mitarbeiter. Damit zählt die Stiftungsverwaltung zu den größten Trägern sozialer Einrichtungen und Förderer in Freiburg. 2012 feiert Böhler sein 20-jähriges Dienstjubiläum. Die chilli-Autoren Lars Bargmann und Kai Hockenjos baten ihn zum Gespräch.

 

 

Konzentriert die Verwaltungen im kommenden Jahr mitten in der Stadt: Lothar A. Böhler. Fotos: Kai Hockenjos

 

 

chilli: Herr Böhler, nächstes Jahr sind Sie 20 Jahre im Amt…

 

Lothar A. Böhler: … und ich darf noch vier weitere Jahre ausüben. Mir macht es immer noch großen Spaß mit und für Menschen zu arbeiten. Stiftungsarbeit ist Menschenarbeit! Wer Menschen nicht liebt, kann nicht in Stiftungen arbeiten.

 

chilli: Vor vier Jahren wurden Sie von Teilen der Gewerkschaften angegangen, weil Sie den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TvöD) ihrer Beschäftigten aufkündigten und einen Haustarif installierten. Wie ist die Lage heute?

 

Böhler: Heute hat unsere Lösung Modellcharakter. Innerhalb der Stiftungen gilt:  Erträge müssen vorrangig für Stiftungszwecke ausgegeben werden und nicht für Personal- und Verwaltung. 36 Prozent der Mitarbeiter, haben jetzt einen Haustarifvertrag mit einem Leistungsentgelt von wohlgemerkt 3,5 Prozent gegenüber 1,5 Prozent im TvöD. In Zahlen: Unsere beste Kraft hat dadurch rund 2.000 Euro mehr verdient. Nicht Anwesenheit, sondern Leistung muss bezahlt werden und das müsste auch im öffentlichen Dienst so sein.

 

chilli: Wie hoch sind ihre jährlichen Erträge und wo kommen diese her?

 

Böhler: Die Stiftungen erzielen je nach Zinslage jährlich rund 7,5 Millionen Euro aus dem Grundstücks- und Immobilienbesitz.  Immobilien haben in der Stiftungshistorie immer eine große Rolle gespielt, sie bilden die Basis, um unsere Stiftungszwecke zu erfüllen. Aktuell verwalten wir über  1700 Erbbaurechte und etwa 1100 Miet- und Pachtverhältnisse.  Mehr wären natürlich noch  besser!

 

chilli: Warum haben Sie acht Fußballfelder Bauland auf den Gutleutmatten in Haslach verkauft?

 

Böhler: Die Kleingärten brachten uns jährlich rund 2.500 Euro. Hätten wir die Flächen auf Erbbaurechtsbasis vergeben, wären wir erst 2089 im Plus gewesen. Jetzt bekommen wir bis 2018 rund 5,5 Millionen Euro von der Stadt, die wir in Altenhilfe- und Pflegeeinrichtungen, in die Kinder- und Jugendhilfe  reinvestieren.

 

chilli: Sind diese Hilfen für die Altenpflege mittlerweile ein Fass ohne Boden?

 

Böhler: Pflege wird teurer, das ist klar.  Auch wir müssen, um wirtschaftlich zu bleiben, die Pflegeplätze reduzieren. Aber wir werden weiterhin Altenhilfe inmitten der Stadt anbieten, wie hier im Heiliggeiststift, obwohl es für diese 1A-Lage unzählige Investoren gäbe. Pflege gehört ins Gemeinwesen.

 

 

 

chilli: Wie hat sich die Pflegesituation im Laufe ihrer Amtszeit geändert?

 

Böhler: Früher blieben die Menschen 20 bis 30 Jahre im Heim. In unserem neuen Pflegeheim „Haus Katharina Egg“ bleiben sie gerade mal ein Jahr. Kürzlich fuhr hier ein 90-Jähriger im Auto vor und wollte sich mal über Betreutes Wohnen informieren. Früher haben sich die Leute mit Mitte 60 diese Frage gestellt.

 

chilli: Wie schwer wiegt der Kraftakt der Sanierung des Adelhauser Klosters in Euro?

 

Böhler: Bis alles fertig ist rund 15 Millionen, das hat 2011 viel Zeit und Kraft gekostet. Diesen Aufwand zu betreiben, ist nur in der Adelhausenstiftung möglich, der es wirtschaftlich weit besser geht als zum Beispiel  der Heiliggeistspitalstiftung.

 

chilli: Was kommt 2012 auf Sie zu?

 

Böhler: Wir werden unsere vier Verwaltungsstandorte im Adelhauser Kloster konzentrieren. Wir müssen mehr Transparenz schaffen, mehr ins Bewusstsein der Bürger,gelangen. Dann sind wir mitten in der Stadt und können dort das Thema kommunale Stiftungen noch sichtbarer machen.

 

Info: Die Stiftungsverwaltung

Die älteste und größte Stiftung unterm Dach der Stiftungsverwaltung Freiburg ist die Heiliggeistspitalstiftung, die erstmals 1255 urkundlich erwähnt wird. „Das Wohl der Armen ist oberstes Gesetz“, heißt es in einer Urkunde des Heiliggeistspitals, in dem seit dem Mittelalter Arme und Kranke Aufnahme fanden. Daran hat sich bis heute im Grundsatz nichts geändert. Dazu gibt es noch die Waisenhausstiftung, die Adelhausenstiftung, die Dr.-Leo-Ricker-Stiftung, die Franz-Xaver-und Emma-Seiler-Stiftung und die Michal-Denzlinger-Stiftung unterm Dach.