Der gar nicht mehr so neue Baubürgermeister ist nun anderthalb Jahre im Amt. Martin Haag (parteilos) sprach mit chilli-Chefredakteur Lars Bargmann über das Gute und das weniger Gute in dieser Zeit, über große Projekte wie die Gutleutmatten und kleinere Grünflächen, über den Wechsel seiner rechten Hand in die freie Wirtschaft und den personellen Engpass im Dezernat.

chilli: Herr Haag, bei welchen Bau-Themen können Sie in Anspruch nehmen, dass sie seit Dienstantritt deutliche Schritte nach vorne gemacht haben?
Haag: Wir sind in vielen Projekten gut vorangekommen, auch wenn man sich trotzdem wünscht, dass das eine oder andere schneller geht. Aber gerade bei großen Projekten muss man auch mal eine Frage mehr stellen, genauer hinschauen und das kostet Zeit. Trotzdem geht es gut voran. Das gilt für die Entwicklung des Güterbahnhofs, wo wir einen Durchbruch erzielt haben, das gilt aber auch für das neue Wohngebiet Gutleutmatten in Haslach …

chilli: … wo die Stadt aber ihrem Zeitplan gut ein Jahr hinterherhinkt …
Haag: Das liegt aber noch in einer Zeit begründet, für die ich nicht verantwortlich bin. Wir sind zudem beim Stadttunnel deutlich weitergekommen, haben den Umbau des Rotteckrings vorangebracht, insgesamt bin ich schon zufrieden.

Dezernent mit Personalsorgen: Martin Haag fordert im nächsten Doppelhaushalt neue Stellen.

 

chilli: Wie sieht der aktuelle Fahrplan für die Gutleutmatten aus, wo mehr als 500 neue Wohnungen gebaut werden sollen, was sehr wichtig für die Stadt ist?
Haag: Wir wollen mit dem Bebauungsplan zum Jahreswechsel in die Offenlage, und ich erwarte da auch keine großen Probleme mehr, weil wir mit dem Thema intensiv in der Bürgerschaft waren. Ich denke, wir werden in der zweiten Jahreshälfte 2013 mit der Erschließung loslegen.

chilli: Wird es spezielle, günstigere Grundstücke für die Baugenossenschaften und die Freiburger Stadtbau geben?
Haag: Da kann ich noch keine Details nennen, aber wir werden zusammen mit der Offenlage auch die Eckpunkte für die Vermarktung der Grundstücke klären. Es steht schon fest, dass wir 30 Prozent für öffentlich geförderten Wohnungsbau reservieren lassen wollen, dann soll es ein größeres Kontingent für Baugruppen und Genossenschaften geben und der Rest für den freien Markt.

chilli: Am Güterbahnhof hielt die Stadt jahrelang an einer reinen gewerblichen Nutzung fest. Die Vermarktung reiner Gewerbeflächen lief aber längst nicht so gut wie gemutmaßt. Jetzt kann es bis zu 25 Prozent Wohnungsbau geben. Wie bewerten Sie den Kompromiss?
Haag: Wir haben nach wie vor großes Interesse an einem starken Gewerbegebiet. Aber auch an anderen Stellen in der Stadt, etwa an der Bahnhofsachse, gibt es inzwischen sehr gute Flächen für Dienstleister. Auf dem Güterbahnhof haben wir jetzt einen guten Mix zwischen gewerblicher Nutzung im Norden und entlang der Gleise und gleichzeitig ein Mischgebiet im Kernbereich mit Wohnungen. Das ist ein richtiger Schritt.

chilli: Ist das der erste größere Erfolg ihrer Amtszeit, dass man nun von einer Monokultur auf dem Areal weg ist?
Haag: Stadtentwicklung der Zukunft ist, nicht mehr Wohnen und Arbeiten zu trennen, sondern sie zu verbinden. Es geht dabei nicht darum, wie viel Geld die Eigentümerin (Aurelis Real Estate GmbH, d. Red.) verdient oder nicht verdient. Ich habe immer gesagt: Was würden wir denn machen, wenn es unser Gebiet wäre – was ist stadtpolitisch richtig? Ein „Vauban des Gewerbes“ ist heutzutage kein monofunktionales Gewerbegebiet, sondern ein urbanes Mischgebiet. Es wird für den Erfolg aber maßgebend sein, was für erste Projekte wir da jetzt kriegen. Die müssen sitzen.

chilli: Bisher gibt es ja nur einen Teilbebauungsplan, wird jetzt für den ungleich größeren Rest ein kompletter Bebauungsplan gemacht?
Haag: Das ist unser Ziel.

chilli: Inklusive der Flächen entlang der Gleise, die eisenbahnrechtlich noch gar nicht entwidmet sind?
Haag: Ein großer B-Plan setzt die Entwidmung voraus.

chilli: Die nötige Akte dazu lag unseren Informationen zufolge jetzt ein Jahr lang unberührt beim Eisenbahnbundesamt (EBA) auf dem Tisch …
Haag: Das will ich nicht kommentieren. Aber jetzt muss das in Angriff genommen werden.

chilli: Wie wollen Sie die städtebauliche Qualität sichern?
Haag: Wir haben mit der Eigentümerin beim städtebaulichen Vertrag eine ganze Reihe von Qualitätssicherungsmaßnahmen vereinbart …

chilli: … die sogenannte Liste der Grausamkeiten für den Verkäufer …
Haag: (lacht) … wir haben die Aurelis sicher an ein paar Stellen hart angepackt. Wohnen und Gewerbe in einem, Mehrfachbeauftragungen von Architekten, Fassadenwettbewerbe, besondere Energiestandards und vieles mehr. Das erleichtert vielleicht nicht die Vermarktung, bringt aber die nötige Qualität.

chilli: Keine leichte Frage ist auch die nach einem neuen Stadion für den SC Freiburg. Da ist es sehr ruhig geworden.
Haag: Wir prüfen derzeit mit einem neuen Gutachten den alten Standort Schwarzwaldstraße und werden Ende des Jahres Ergebnisse präsentieren. Da gibt es auch eine gemeinderätliche Begleitgruppe, damit nicht der Eindruck entsteht, dass da irgendjemand die Karten nicht vollständig auf den Tisch legen würde …

chilli: … war das der Eindruck bei der Freyler-Studie, die in der großen Version – bei laufendem Betrieb – eine Bauzeit von elf Jahren und Kosten in Höhe von mehr als 50 Millionen Euro berechnete?
Haag: Bei mir nicht, aber manche dachten, die Studie solle nur dafür sorgen, den SC in seiner Position zu unterstützen.

chilli: … nämlich die, dass alles andere als ein Neubau wirtschaftlicher Nonsens wäre.
Haag: Die logische Konsequenz aus der Studie ist, dass wir uns jetzt anschauen, wie man Bauzeiten und das ganze Projekt optimieren kann.

chilli: Käme es zu einer Neubau-Entscheidung, dann hat sich die Mehrheit im Gemeinderat bereits gegen die Hirschmatten ausgesprochen, die Kleingartenanlage Hettlinger hat den massiven Nachteil, dass der SC nicht komplett dahin ziehen könnte und somit am jetzigen Standort kein Geld mit der Vermarktung der Flächen verdient werden könnte. Der Flugplatz wäre eine Option …
Haag: Momentan steht der nicht zur Verfügung.

chilli: Wenn da kein Flugbetrieb wäre, wäre das verkehrlich, von der Parkplatzsituation, von der Messe-Tram und aus anderen Gründen doch optimal. Eigentlich müsste der Baubürgermeister sagen, das ist ein perfekter Standort.
Haag: Alles richtig, aber die Flächen müssen eben auch verfügbar sein.

chilli: Wie bewerten Sie die interfraktionelle Forderung nach einem neuen Stadtteil im nördlichen Rieselfeld? Bei der die Grünen, die Sie maßgeblich ins Amt gehievt haben, nicht mitgemacht haben.
Haag: Alle Fraktionen sind inzwischen der Meinung, dass wir ohne ein neues, größeres Baugebiet nicht weiterkommen. Das schließt die Grünen ausdrücklich mit ein. Wir brauchen ein neues Gebiet, um genügend Dampf aus dem Kessel zu nehmen und mehr Wohnungen zu bauen. Die Fläche Rieselfeld-Nord ist aber auch nicht innovativ, sondern eine bekannte Fläche. Da gibt es aber auch eine Reihe von Problemen. In der zweiten Jahreshälfte 2013 werden wir dem Gemeinderat dazu einen Vorschlag machen, ob und wie wir uns das vorstellen können. Allerdings dauert es sicher mindestens sechs bis acht Jahre, bis eine solche Fläche zur Verfügung steht. Bis dahin brauchen wir auch weiter die Innenentwicklung.

chilli: Was sagen Sie zur Debatte um die Kleingärten an der Wonnhalde? Das sind gut 18 Fußballfelder, die plötzlich für eine Wohnnutzung aufs Tapet kamen …
Haag: Da war ich überrascht. Das ist aber für uns momentan kein Thema. Im Übrigen brauchen wir auch stadtnahe Grünflächen.

chilli: Wie bewerten Sie, dass Ihre rechte Hand Bernd Rösch Ihnen den Rücken zudreht und zu einem privaten Bauträger geht? Sie mussten Rösch sofort von allen Aufgaben im Baudezernat entbinden, die möglicherweise für dessen künftige berufliche Tätigkeit von Belang sein könnten …
Haag: Ich bedauere das. Rösch hat hervorragende Arbeit geleistet. Ich kann mir vorstellen, dass das Geld da eine Rolle gespielt hat. Bei den Themen Geld und auch Handlungsfreiheit sind uns engere Grenzen gesetzt als einem Privaten.

chilli: Ist Ihr Dezernat insgesamt personell zu schwach aufgestellt?
Haag: Wenn Sie das quantitativ meinen, ja. Das hat ja auch ein aktuelles Organisationsgutachten ausgesagt. Wir beantragen im nächsten Doppelhaushalt neue Stellen. Wenn wir Bürgerbeteiligung, große Projekte, Innenentwicklung und das normale Tagesgeschäft machen wollen, brauchen wir mehr Personal. Nehmen wir als Beispiel das Rieselfeld-Nord. Das können wir mit der Struktur gar nicht stemmen. Dafür brauchen wir ähnlich wie im Rieselfeld oder im Vauban eine eigene Projektgruppe. Sonst legt uns das hier den Laden lahm.

chilli: Herr Haag, vielen Dank für dieses Gespräch.

Text: Lars Bargmann / Foto: Albert-Josef Schmidt