Wie die Freiburger Übersetzerin Adelheid Zöfel in ihre Autoren schlüpft

Der kleine Grether-Innenhof wirkt heimelig: Zwischen viel Grün und Treppen, die zu den oberen Etagen des Neubaus und der ehemaligen Gießereihalle führen, sind ein paar Stuhlreihen aufgestellt, davor, auf einer kleinen Erhöhung, steht ein kleiner Tisch. Daneben ist eine Leselampe mit Deckenfluter aufgebaut – wie zu Hause, neben dem Sofa. Sie ist die einzige Lichtquelle, und später wird die Frau, die dort sitzt und vorliest, sagen, dass sie sich gefühlt habe wie in einem leuchtenden Ufo in der Dunkelheit des Raums.

 

Doch jetzt liest sie, aus einem Buch mit dem Titel „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“. Die junge, schwarze Autorin Taiye Selasi hat es geschrieben und sie, die Freiburgerin Adelheid Zöfel, hat das Werk aus dem Englischen ins Deutsche übertragen. Kongenial, findet die Moderatorin. Und das hört die Übersetzerin natürlich gerne. Das ist schließlich das Ziel ihrer Arbeit.

 

Was sie vorliest, passt indessen nicht so recht zu der heimeligen Atmosphäre bei der Grether Nachtlese. Es geht um einen Mann, der barfuß stirbt. Allein, im begrünten Innenhof seines Hauses in einem Vorort von Accra. Der weiß, dass er sterben wird, es aber nicht merkt. Der Arzt ist und nicht auf die Anzeichen des nahenden Herzinfarkts reagiert.

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Die ersten 100 Seiten des Buchs thematisieren seinen Tod, mit Rückblenden auf sein Leben, seine erste Frau, seine vier Kinder. Erst jetzt wird ihm bewusst, dass er sie nur als Kinder kannte und dass sie, längst erwachsen, in alle Himmelsrichtungen verteilt sind: Nach seinem Weggang haben sie nie mehr zueinander gefunden.
Adelheid Zöfel hat die Passagen so gut ausgewählt, dass ein Einstieg in diesen komplexen Roman über eine dysfunktionale Familie bestens gelingt. Doch das versteht sich von selbst. Schließlich kennt sie das Buch mit der eigenwilligen Sprach- und ungewöhnlichen Ausdruckskraft in- und auswendig: Vier Monate lang hat sie sich intensiv mit der Autorin beschäftigt, ja mit ihr gelebt. Und wenn es keine Abgabetermine gäbe und sie kein Geld verdienen müsste, dann würde sie „noch in 100 Jahren“ an der Übersetzung feilen.

 

Übersetzungen, sagt die 68-Jährige, seien wie Ehen: Man lasse sich mit Haut und Haaren auf sein Gegenüber ein, fühle sich ein, spreche mit ihm, höre ihm zu, versuche, seine Botschaften zu entschlüsseln. So mache sie es mit jedem Buch: Sie schlüpft in die Rolle des Autors, eigne sich seinen Text an, seine Sicht der Dinge, seinen Platz in der Welt. Das sei zwar anstrengend, doch sie habe wie in jeder Ehe dabei auch viel Spaß. Aber auch Momente, in denen sie nicht wisse, wie es weitergehen soll.

 

Dabei ist gebürtige Tübingerin schon lange in der englischen Sprache ebenso zu Hause wie in der Muttersprache. Nach ihrem Studium in Freiburg und Berlin ist sie, um sich „dem Sog des Beamtentums zu entziehen“, in die USA gegangen, nach Berkeley. Dort hat sie sich fünf Jahre lang mit kleineren Übersetzungsarbeiten über Wasser gehalten, bis sie sich 1982, bereits in London lebend, an ihre erste große literarische Übersetzung wagte. Seither hat sie ungefähr 150 dieser „Übersetzungsehen“ hinter sich gebracht, unter anderem mit Büchern von Nicholas Sparks.

 

Die meisten führte sie in Freiburg, wohin sie 1988 zurückkehrte. Sie hat diese Rückkehr nicht bereut: Hier fand sie viele Übersetzerkollegen, mit denen sie über das Literaturbüro in regelmäßigem Austausch steht. Denn nicht immer habe sie solche Glücksfälle wie Selasi. Oft helfe es schon weiter, wenn man eine schwierige Passage anderen laut vorlese. Nicht nur sich selbst. Auch wenn sie das immer macht, um den Fluss zu hören, den Rhythmus, die Melodie. Ob sie mit dem Klang des ursprünglichen Texts übereinstimmt. Es ist Nacht geworden. Das Ufo schwebt von dannen.

 

Text: Erika Weisser / Foto: Privat

 

Buchcover: Diese Dinge geschehen nicht einfach so
Taiye Selasi
Diese Dinge geschehen nicht einfach so
400 Seiten, Taschenbuch
Fischer, 2014
10,99 Euro