Wie fühlt es sich an, acht Wochen lang im eisigen Grönland einen Film zu drehen? Der amerikanische Regisseur Mike Magidson verrät es im chilli-Interview. Um seinen neuen Film „Inuk“ vorzustellen, kam Magidson gestern ins Friedrichbau-Kino nach Freiburg.

 

chilli: Herr Magidson, die grönländische Landschaft in Ihrem Film wirkt einerseits wunderschön, andererseits extrem menschenfeindlich. Wie haben Sie das während der Dreharbeiten erlebt?

Mike Magidson: Genau so. Natürlich ist die Landschaft einfach nur überwältigend. Aber sie ist eben auch wild, fast schon brutal – man kann sich die Kälte kaum vorstellen. Und dann stehst du da, in einer riesigen Wüste aus Eis und Schnee, und fühlst dich verloren in der Weite. Das ist ein schönes Gefühl.

 

“Die Kälte geht auf die Psyche.” Foto: Steve Przybilla

 

chilli: Hat die Kälte auch Ihre Ausrüstung beeinflusst?

Magidson: Die Frage bekomme ich oft gestellt. Tatsächlich ist es wohl so, dass es der heutigen Ausrüstung in der Kälte besser geht als beispielsweise in der Wüste, weil sich da die Staubkörnchen überall reinsetzen. Die extremen Temperaturen machen den Kameras aber nichts aus. Wir hatten eher damit zu kämpfen, dass Leute ausgerutscht sind und dabei einige Blenden zu Bruch gingen (lacht).

 

chilli: Also alles halb so schlimm?

Magidson: Na ja, die Kälte hat uns schon beeinflusst – uns viel mehr als die Technik. Nach einer Weile geht das auf die Psyche. Wir waren ja nicht nur damit beschäftigt, einen Film zu drehen, sondern vor allem damit, uns warm zu halten und in dieser Umgebung zu überleben – übrigens auch abends in unseren Zelten. Es war, als wäre man 24 Stunden in der Kühltruhe.

 

chilli: Wie lief ein typischer Dreh-Tag in Grönland ab?

Magidson: Ich habe mit Laien-Schauspielern gedreht, weshalb kein Tag wirklich typisch war. Aber mir war es extrem wichtig, dass ich nicht irgendwelche Profis habe, die Einheimische spielen, sondern dass es wirklich authentisch rüberkommt – und das geht nur, wenn du Leute hast, die von dort kommen. Also haben wir oft große Pläne gemacht und konnten dann doch nichts umsetzen, weil das Wetter nicht mitspielte. Deshalb waren die Tage vor allem lang.

 

Magidson im Friedrichsbau. Foto: Steve Przybilla

 

chilli: Wie haben Sie sich verständigt?

Magidson: Einer der Film-Autoren ist Franzose und er spricht Inuit. Er hat dann immer genau zugehört, um sicherzustellen, dass die Schauspieler auch ihren Text richtig sagen. So konnte ich mich voll und ganz auf die Bewegungen und die Gefühle konzentrieren.

 

chilli: Haben Sie auch selbst gefischt?

Magidson: Die wichtigsten Grundnahrungsmittel haben wir mitgebracht. Aber zu viel konnten wir auch nicht schleppen, weil wir keine Schneemobile hatten – nur Hunde. Also ja: Wir hatten eine Gruppe von Jägern, die diese Rolle nicht nur im Film gespielt, sondern auch tatsächlich ausgeführt hat. Also gab’s abends Fisch.

 

chilli: Sie haben bisher ausschließlich Dokumentarfilme gedreht. Da ist „Inuk“ also gar nicht so anders, wenn die Schauspieler eigentlich gar keine sind?

Magidson: Im Grunde ja. „Inuk“ ist zwar ein Spielfilm, aber ich wollte Leute, die das, was sie vor der Kamera verkörpern, auch sonst leben. Die Gesten, die Bewegungen, die Sprache – das hätte kein Außenstehender gekonnt. In Grönland gibt es sowieso nicht viele Schauspieler.

 

chilli: In „Inuk“ treffen zwei Extreme aufeinander: das moderne Stadtleben und die traditionelle Lebensweise. Haben Sie das in Grönland auch erlebt?

Magidson: Absolut. Ich hatte zuvor schon zwei Dokumentarfilme zu diesem Thema gedreht und wusste daher, was mich erwartet. Wenn man die alte Kultur sieht, die auch heute noch gelebt wird, fühlt es sich an, als lese man einen Roman. Besonders bei den Älteren spürt man noch ihre Wurzeln: Sie reden ganz anders als wir – weniger, bedeutungsvoller. Und dann sind da plötzlich die Jugendlichen in den Städten, die auch in Paris oder in Freiburg leben könnten.

 

chilli: Der Hauptdarsteller fühlt sich zwischen den Welten hin- und hergerissen. Kennen Sie das Gefühl selbst auch?

Magidson: Ich kenne das sogar sehr gut. Ich komme aus San Francisco, lebe aber seit 15 Jahren in Paris. Als Auswanderer bewegt man sich immer zwischen den Welten. Von daher weiß ich genau, wie sich die Suche nach der eigenen Identität anfühlt.

 

“Man kann sich die Kälte kaum vorstellen” Foto: Neue Visionen

 

chilli: Welche kulturellen Unterschiede sind Ihnen aufgefallen?

Magidson (lacht): Europa ist nicht so wild und brutal wie Grönland – oder die USA. Ich glaube wirklich, dass Europa in vielen Bereichen weiter entwickelt ist als meine Heimat, zum Beispiel was das Gesundheitssystem angeht. Da ist Amerika zwar auf dem richtigen Weg, aber es gibt noch viel zu tun.

 

chilli: Wie hat das Publikum auf den Film reagiert?

Magidson: Viel stärker als erwartet! Wir wollten eigentlich nur einen ganz normalen Film machen, aber die Resonanz war fantastisch. Bis jetzt waren wir ungefähr auf 40 Filmfestivals weltweit und haben 22 Preise gewonnen. Wer eine große Hollywood-Produktion erwartet, wird mit unserem Film nicht glücklich werden. Aber einmal in eine fremde, unbekannte Welt eintauchen? Bitteschön!

 

chilli: Wird Ihnen immer noch kalt, wenn Sie sich den Film ansehen?

Magidson (lacht):  Zum Glück nicht. Ich spüre eher so etwas wie eine innere Wärme, weil die ganzen positiven Gefühle, die beim Dreh da waren, plötzlich wieder hochkommen.

 

chilli: Vielen Dank für das Interview.

 

Steve Przybilla

 

Info: Kinostart von “Inuk” ist morgen, 7.2. Weitere Infos gibt es pünktlich zum Start bei unserer Filmkritik des Tages.