Von der jüdischen Kaufmannsfamilie Springer Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut, um hochwertige Möbel zu fertigen, Mitte der fünfziger bis Mitte der siebziger Jahre genutzt, Garne zu produzieren und dann von einer Beschlägehandlung am Leben erhalten, ist die Fabrik für Handwerk, Kultur und Ökologie an der Habsburgerstraße heute neben ihren Werkstätten vor allem für ihr feines Kulturprogramm bekannt. Verantwortlich dafür ist das Vorderhaus, das sich in den vergangenen 25 Jahren zu einer der führenden Kabarettbühnen der Region entwickelt hat. Um das gebührend zu feiern, haben sich die Veranstalter für die Jubiläumssaison ein besonderes Programm einfallen lassen: Acht Tandems, in denen je ein renommierter Kabarettist wie Georg Schramm, Florian Schroeder oder Jess Jochimsen einen unbekannten Nachwuchskünstler vorstellt.

Vorderhaus

 

„Wir feiern gerne und tun dies deshalb eine ganze Spielzeit lang“, freut sich Geschäftsführer Martin Wiedemann. Künstler wie Georg Schramm seien bereits von Anfang an dabei gewesen und mit dem Vorderhaus gewachsen. Und so stehen in dieser Spielzeit sowohl langjährige Gastspieler als auch junge Talente auf der Kleinkunstbühne. Dafür braucht es eine Verbundenheit zum Haus, die für Wiedemann nicht von ungefähr kommt. „Wir sind keine Abspielstätte, sondern eine Gaststätte. Wir behandeln unsere Künstler wie Gäste.“ Und das scheinen sowohl die Gäste auf als auch vor der Bühne zu schätzen: Zu den rund 220 Vorstellungen im Jahr kommen regelmäßig 30.000 Zuschauer.

Georg Schramm im Tandem mit Team Struppi, 13. Oktober, 19 Uhr

 

Dabei hat das Vorderhaus längst nicht jeden Trend der vergangenen Jahre mitgemacht, um sich die Gunst des Publikums zu sichern – Improtheater, Poetry-Slam & Co. sucht man im ansonstem vielfältigen Kulturprogramm vergeblich. „Wir haben es lieber klassisch und wollen dem Comedy-Boom nicht nachgeben“, erklärt Wiedemann. Andere Inhalte seien hingegen irgendwann obsolet geworden, wie die mehr als zehn Jahre laufende Reihe „Pink Culture“, bei der homosexuelle Künstler das Publikum begeistert hatten.

Tandem: Sarah Hakenberg im Tandem mit Pigor & Eichhorn, 20. Oktober, 19 Uhr

 

Doch nicht nur Programm und Künstler sind mit dem Vorderhaus gewachsen, auch viele Zuschauer sind der großen Kleinkunstbühne treu geblieben – und mit ihr in die Jahre gekommen: Das Stammpublikum ist um die 50 Jahre alt.

 

Deutlich jünger sind die Besucher der von Ute Lingg organisierten Veranstaltungen: Ein Kindermädchen, das von Schnüren gezogen über die Bühne schwebt, ein zotteliges Ungeheuer namens Grüffelo oder ein Schiff der Träume, das über die Bühne segelt – das begeistert Kinder ab drei Jahren beim Figurentheater. Mit jährlich sechzig Vorführungen konzentriert sich die Kinderkultur auf dieses Genre, das laut Lingg „zu Unrecht lange Zeit als Kasperletheater abgestempelt worden ist“.

Tandem: Thomas Reis im Tandem mit Signe Zurmühlen, 16. November, 20.30 Uhr

 

Nicht jedem Trend folgen und dennoch die Offenheit gegenüber Neuem bewahren – wenn sich Wiedemanns Geburtstagswunsch erfüllt, wird sich das auch in Zukunft nicht ändern: „Ich wünsche mir, dass wir unser Niveau bewahren und die Lust am Experimentieren nicht verlieren.“

 

Heute Abend im Vorderhaus:
Georg Schramm und Team & Struppi, 19 Uhr

Text: Tanja Bruckert / Fotos: Tanja Bruckert, Vorderhaus, Achim Kaeflein, Foto Behrbohm Augsburg, David Baltzer