Es ist eine stolze Summe: 40 Millionen Euro investieren die Robert-Bosch-Stiftung und die Bosch GmbH in ein neues United World College (UWC). Das internationale Oberstufen-Internat für Vorzeigeschüler entsteht auf dem malerischen Areal der 1345/1346 gegründeten Kartaus am östlichen Schlossberg in Freiburg. Es ist das einzige in Deutschland. Wo einst stille Andacht herrschte, bevölkern jetzt Bagger, Bauarbeiter und Kräne das traditionsreiche Kartäuserkloster.

Baubürgermeister Martin Haag findet die Ansiedlung des UWC in Freiburg wie „einen Sechser im Lotto“, sagte er neulich bei einer Baustellenbesichtigung auf dem Gelände, das seit 1894 der Heiliggeistspitalstiftung gehört. Es hatte mehrere Investoren gegeben, die Interesse am seit 2008 leerstehenden, marod-barocken Gebäude-Ensemble hatten, das zuletzt ein Altenpflegeheim beherbergte. Das von UWC-Absolvent und BZ-Herausgeber Christian Hodeige ins Spiel gebrachte UWC hat schließlich das Rennen gemacht, rund 1,5 Millionen Euro auf den Tisch von Stiftungsdirektor Lothar Böhler gelegt und sich für 75 Jahre zu einer Zahlung eines sechsstelligen Erbpachtzinses verpflichtet.

Freiburger Kartaus kurz vor der Aufhebung.
Pünktlich im August zum Wintersemester 2014 will das UWC die ersten 100 Schüler begrüßen – musste aber erst einmal unfreiwillig den Fuß vom Gas zu nehmen: Erst war es die Kritik von Christdemokraten und anderen Stadträten, die mit den Bebauungsentwürfen des Kölner Architektenbüros Kulka (Neubau von zwölf Wohnhäusern) und des Freiburger Büros von Matthias Hotz (Sanierung des Klosters und Pförtnerhauses fürs Schulgebäude, Bau der Mensa) nicht einverstanden waren: Die CDU hatte gemerkt, dass die nicht dem Ergebnis des Wettbewerbs entsprachen. Hernach wurden die Wohnhäuser vom Denkmal abgerückt. Dann fanden Archäologen bedeutsame Überbleibsel von Kapelle und Sakristei, weswegen auch der Bau des Mensagebäudes einen neuen Ort brauchte. Derweil mussten auch die gefundenen Gebeine mehrerer Mönche geborgen werden. Der Druck auf den ohnehin ambitionierten Zeitplan „ist dadurch nicht geringer geworden“, sagte Bosch-Stiftungssprecher Stefan Schott. Bertram Jenisch vom für Denkmalschutz zuständigen Regierungspräsidium bezeichnete die jetzt gefundene Lösung als die verträglichste: „Es ist immer ein Kompromiss zwischen neuer Nutzung und Denkmalschutz. Wir haben aber alle Register der Dokumentation gezogen.“ Ein Teil der gefundenen Gräber und Mauern werden konserviert und dann aber überdeckt. Der Rohbau der würfelförmigen Wohnhäuser soll im August stehen, erklärt Bauleiter Wilfried Wörner. Mit dem Bau der Mensa samt im Hang aufsteigendem Auditorium soll im Juli begonnen werden.

50 der 200 Elft- und Zwölftklässler aus 70 Nationen werden Deutsche sein, eine deutsche Viertelquote gilt auch bei der Lehrerschaft. Ein Schwerpunkt der Ausbildung wird auf Nachhaltigkeit und Umwelttechnik gelegt. Das können sich die Sprösslinge gleich vor Ort anschauen: Das College in der Kartause setzt auf ein Holzpellet-Blockheizkraftwerk, das Wärme und Energie liefert. Zudem soll eine Solaranlage Sonnenstrom produzieren. Das energetische Konzept entspricht Freiburger Standards – bei denkmalgeschützten Gebäuden ein besonderer Kraftakt.

Das United World College in Freiburg ist weltweit das 14. und einzige in Deutschland. Der Spatenstich erfolgte am einem historischen Datum: Am 23. September 2012 wäre Robert Bosch 150 Jahre alt geworden. Er hatte die Stiftung ins Leben gerufen. Die Idee zu den sozial engagierten Colleges hatte indes der renommierte deutsche Pädagoge (und Bosch-Freund) Kurt Hahn, der übrigens auch die Internatsschule Birklehof in Hinterzarten gegründet und das Internat Schloss Salem mit aufgebaut hatte.

Das erste UWC entstand in Wales, die anderen liegen heute in Bosnien-Herzegowina, Costa Rica, Hongkong, Indien, Italien, Niederlanden, Norwegen, Kanada, Singapur, Swasiland und den USA. Mehr als 3000 Schülerinnen und Schüler lernen jedes Jahr an den Colleges. Präsidentin der UWCs ist Ihre Majestät Königin Noor von Jordanien. Ehrenpräsident und Schirmherr ist Staatspräsident a. D. Nelson Mandela. Die Auswahl der Schülerinnen und Schüler und deren Finanzierung über Stipendien übernehmen die weltweit rund 130 Nationalen Komitees sowie die Länder, in denen die Colleges situiert sind.

Das Freiburger Rathaus will zwei Stipendien bezahlen. Die UWC-Bewegung bringt jeweils für zwei Jahre begabte Jugendliche aller Nationalitäten, Kulturen und Schichten zueinander. Ziele sind Völkerverständigung, Toleranz und Nachhaltigkeit. Der Abschluss ist das International Baccalaureate, das als Abitur anerkannt wird. Plätze für Freiburger Jugendliche sind nicht reserviert. Von Anfang Mai bis zum 15. Dezember können sich die Schüler bei der Deutschen Stiftung UWC bewerben.

Text: Lars Bargmann / Foto: Augustinermuseum Freiburg