Die Mörder lachen. Nicht nur in besonders zynischen Filmen, sondern auch im echten Leben. Sie inszenieren Gewaltorgien, stellen sie zur Schau und feiern sich dabei selbst: IS-Krieger richten ihre Opfer mit sichtlichem Vergnügen vor laufender Kamera hin, Anders Breivik, der 2011 in einer Stunde 69 Jugendliche erschoss, johlte bei jedem Treffer wie bei einem Fußballtor, SS-Leute amüsierten sich bestens bei Massen-Erschießungen von Juden. Der Freiburger Kulturtheoretiker Klaus Theweleit erarbeitet in seinem neuen Buch „Das Lachen der Täter“ ein Psychogramm der Tötungslust, in dem er diesem Phänomen nachgeht. chilli-Redakteurin Erika Weisser sprach mit ihm.

 

Klaus Theweleit: „Tendenziell steckt das in allen Körpern.“ Foto: © Privat

 

chilli: Herr Theweleit, der Aspekt des Lachens als Ausdruck von Lustgewinn und Spannungsausgleich beim Töten taucht in der bisherigen Täterforschung kaum auf. Wie sind Sie darauf gekommen?
Theweleit: Ich bin nicht darauf gekommen. In der Täterforschung ist dieser Aspekt durchaus zu finden; dieses Lachen wurde sehr oft reportiert. Es hat sich bisher nur kaum jemand richtig damit auseinandergesetzt. Es ist ja auch schwer zu verstehen, weil man davon ausgeht, dass das Lachen auf der entspannten, lustigen Seite des Lebens passieren soll. Den Tätern, den Tötern, geht es offenbar um mehr als Entspannung. Für sie ist der Tötungsakt eine Art „Verlebendigungsakt“. Ihr fragmentierter Körper wird dadurch wieder „heil“, und ihre Erleichterung darüber kann sich eben in diesem Lachen äußern.

 

chilli: Was verstehen Sie unter einem fragmentierten Körper?
Theweleit: Ein Körper in der Dauerangst, in seine psychischen Bestandteile zu zerfallen. Er wird zusammengehalten durch Drill, Gehorsam, Uniform, Unterordnung. Er unterdrückt eigene Gefühle und hält andere von sich fern. Es ist ihm nicht möglich, die eigenen Grenzen ohne Angst zu überwinden, wie es normalerweise etwa im Liebesakt, in der Vermischung mit anderen Körpern geschieht.

 

chilli: Womit wir bei Ihren „Männerphantasien“ aus den Jahren 1977/78 angekommen wären. Darin beschreiben Sie den soldatischen Mann, dessen angedrillter Körperpanzer den Zusammenbruch fürchtet und zu dessen Erhalt er Gewaltakte braucht. Morden, weil der Körper es will?
Theweleit: Weil er es braucht. Weil er Lusterlebnisse, ekstatische Situationen braucht, so wie jeder Körper. Doch dieser Körperpanzer ist so zugerichtet, dass er seinen Lustgewinn aus Gewaltakten und, im Extremfall, aus dem Töten bezieht. Das ist aber nicht unbedingt sein alltäglicher Dauerzustand.

 

chilli: Steckt diese fragmentarische Körperlichkeit in allen Männern?
Theweleit: Tendenziell steckt das in allen Körpern. Ich gehe ja in „Männerphantasien“ von der Figur des „Nicht-zu-Ende-Geborenen“ aus. Und das sind wir ja erst einmal alle. Wir müssen uns alle aus der Symbiose mit der Mutter (oder einer anderen Person) heraus entwickeln. Und wenn man dabei genügend Unterstützung erfährt, kann man auch eine eigenständige Person mit der Empfindung eigener Körpergrenzen werden.

 

chilli: Und wenn nicht?
Theweleit: Wer nur negative Zuwendung und/oder Gewalt erfährt, entwickelt kein ausgeglichenes und eigenständiges Ich. Er bleibt in diesem unfertigen Zustand und funktioniert nur durch extreme Abgrenzung, durch den Panzer, auf den die Ich-Funktion übergeht. In kriegerischen Situationen oder wenn die Mär von einer angeblich höheren Religion, einer überlegenen Rasse, von der Rettung einer hochwertigeren Kultur dazukommt, können diese Männer zu Killern werden. Wobei Ideologien zweitrangig und untereinander austauschbar sind. Anders Breivik ist genauso patriarchalischer Muslim wie norwegisch-christlicher Antisemit oder germanisch-sektiererischer SS-Mann. Diesen ist gemeinsam, dass sie zum Spannungsausgleich – zur „Homöostase“– nur durch die jubilierende Vernichtung anderer gelangen.

 

chilli: Herr Theweleit, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Text: Erika Weisser & Foto: © Privat

Klaus Theweleits neues Buch „Das Lachen der Täter“

 

 

 

 

Klaus Theweleit
Das Lachen der Täter: Breivik u.a. – Psychogramm der Tötungslust
246 Seiten, gebunden
Residenz Verlag, 2015
22,90 Euro