8 Jahre chilli in Freiburg – Zeit, für einen kurzen Rückblick: Die chilli-Redakteure Felix Holm, Daniel Weber und Lars Bargmann haben acht Jahrgänge chilli nach den spektakulärsten Geschichten durchstöbert. Vieles war noch in Erinnerung, das eine oder andere überraschende Fundstück war aber auch darunter. Die besten Storys haben wir hier versammelt.


April 2004:
„Der Daniel Dosentrieb der Neuzeit“

In der Premierenausgabe bringen wir ein Portrait des Dosenkünstlers Heinz Soucek. Die Initialzündung zu seiner Dosenkunst (www.dosenbilder.de) fällt ins Jahr 2000. Die Tour de France rollt durch Freiburg und Soucek sammelt danach Hunderte Dosen an der Strecke auf. Heute ist der auch in Amerika inzwischen bekannte Freiburger jeden Montag auf chilli-freiburg.de mit einer kultigen Videokolumne präsent.


November 2004:
„Zwischen Parkplatzsex und Sado-Maso-Kerker“

Das chilli unternimmt einen Streifzug durchs Freiburger Rotlicht-Milieu, zeigt den Straßenstrich an der Richard-Fehrenbach-Gewerbeschule, die Bordelle in der Tulla- und Wiesentalstraße. Und wir interviewen die Hure Melli: „Die Freiburger sind absolut verklemmt, das sind alles Moralisten, jeder will die Prostitution nutzen, aber keiner damit zu tun haben.“

 

 


Februar 2005: „Kunstobjekt Körper“
Wir sprechen in unserer Titelgeschichte samt waghalsigem Titelbild mit Roland Zwicknapp und Ralf Fees vom Visavajara in der Rathausgasse. Heute sitzt das „Atelier für Piercing, Branding, Bodymodifikation, Tattoo und Performance“ deutlich größer in der Gartenstraße. „Es ist jetzt ein richtiges Loft, das wir wie eine Galerie aufgebaut haben“, sagt Zwicknapp. Es gebe aber immer noch von „zart bis hart alles, vom normalen Piercing bis zur Zungenspaltung“.


Juni 2005: „Heiße Deals“
2005 ist der Drogenhandel in Freiburg fest in den Händen der Albaner. 80 Prozent des Stoffes kommen aus den Niederlanden. Hauptumschlagplätze außerhalb privater Wohnungen sind der Stühlinger Kirchplatz und der Colombipark. Wir interviewen anonym einen Dealer und einen Konsumenten.

 

 

 

 


April 2006: „Flurstück 3315/1“
Die Titelgeschichte handelt von einem Grundstücksdeal in Ballrechten-Dottingen. chilli hat exklusive Informationen, wonach bei der Freiburger Staatsanwaltschaft Anzeigen gegen die Bürgermeister Christof Nitz und Martin Singler liegen. Der Staatsanwalt stellt das Verfahren wegen Prozessbetrug und falscher uneidlicher Aussage „wegen geringer Erfolgsaussichten“ ein. Mehrere baden-württembergische Tageszeitungen drehen die Geschichte nach.


September 2006: „Partyleben gibt’s eher weniger“
Am Rande einer Geschichte über die Freiburger Fußballschule wollen wir auch einen dort lebenden Jugendlichen interviewen. Weil die Ferien bevorstehen, sind fast alle Talente ausgeflogen. Nur einer nicht. Der schüchterne 17-Jährige stellt sich: „Das Beste wäre natürlich eine Laufbahn als Profi, das ist von jedem hier der Traum.“ Knapp sechs Jahre später ist aus dem Jungen ein Mann geworden, und sein Traum wahr: In der Champions-League darf er sich gegen Messi und Co. beweisen. Sein erstes Interview hat Ömer Toprak damals dem chilli gegeben.


März 2007: „Per Download zum Doktor“
Für die Titelgeschichte im März sprechen wir – anonym – mit einem Studenten, der seine Hausarbeiten gegen Bares von Ghostwritern schreiben lässt. In der Uni liest man mit. Vier Jahre später hat der Fall Guttenberg „die Sensibilität für das Thema noch einmal erhöht“, erzählt Dozent Stefan Höppner: „Auch im Kollegium ist es ein großes Thema, ein Plagiat verstößt gegen unser Berufsethos.“

 

 


Oktober 2007: „Drehort Freiburg“
Wir zeigen Freiburg als Kulisse. In jenem Herbst werden Kinofilme wie „Black Forest“ oder „Schattenwelt“ sowie zwei Fernsehfilme in der Stadt gedreht. Freiburg ist auch heute noch in, wie Kristina Müller, Leiterin des Location Office, erzählt: „Das letzte große Filmprojekt war der ARD-Film ,Manche mögen’s glücklich‘, den wir vor der TV-Ausstrahlung auch im Kino gezeigt haben.“ Bald soll wieder eine große Produktion in der Stadt laufen. „Ich darf aber noch nichts verraten“, so Müller. Filme weit weg von den immer wiederkehrenden Bächle und den malerischen Altstadtkulissen entstehen übrigens in der Reihe „Freiburger Fenster“ in der Medienwerkstatt in der Wiehre, die schon seit vielen Jahren von Wolfgang Stickel geleitet wird: „Bei uns geht es aber in erster Linie um Dokus.“


Juni 2008: „Bestechlichkeit im Bau“
Im Freiburger Gefängnis ermittelt der Staatsanwalt – gegen einen Wärter wegen Bestechlichkeit und Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Entsprechende chilli-Informationen bestätigt Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier. Der Gefängniswärter hatte einem Häftling 1500 Euro geliehen, damit der das Geld als Startkapital für Einbrüche verwendet und eine hübsche Rendite dabei herausspringt.

 

 


Dezember 2008: „Der Ex-Terrorist aus Freiburg“
Nach 26 Jahren wird der gebürtige Freiburger Christian Klar aus der Justizvollzugsanstalt Bruchsal entlassen. Das hatte am 24. November das Oberlandesgericht Stuttgart entschieden. Spätestens am 3. Januar soll der ehemalige RAF-Terrorist freikommen. Klar wird am 19. Dezember entlassen, exakt am Erscheinungstag unserer Dezemberausgabe. Was morgen in den Tageszeitungen stehen wird, ist heute schon bei uns zu lesen. Ein Leser kündigt sein Abo, weil wir Klar „ein Podium gegeben“ haben.


März 2009: „Internationaler Fußball am Abgrund“
Die Vereine FC Portugiesen, SC Croatia und Türkgücü Freiburg kämpfen ums nackte Überleben. Ihre bisherige Heimat, der Platz am Dietenbachgelände, wird vom Freiburger FC übernommen. Wo soll man hin? Und wer soll das bezahlen? Zwei von ihnen haben es geschafft: Die Portugiesen und die Türken kicken in der Kreisliga A. Nur die Kroaten stehen kurz vorm Aus: „Es geht nur noch darum, überhaupt zu bestehen, wie lange das noch geht, weiß ich nicht“, sagt Vereinsgründer Blago Dzajkic, „ich persönlich habe jedenfalls kaum noch die Kraft.“


Dezember 2009: „Amt für öffentliche Willkür?“
Oberstaatsanwalt Maier bestätigt die chilli-Informationen: „Ja, bei uns liegt eine Strafanzeige gegen den Leiter des Freiburger Ordnungsamts vor, wir haben die Kripo gebeten, zu ermitteln.“ Behördenchef Walter Rubsamen wird Strafvereitelung im Amt vorgeworfen. Von einem ehemaligen Mitarbeiter. Schon vor gut vier Jahren hatte Rubsamen Schlagzeilen gemacht. Nach einem Bericht des heutigen chilli-Chefredakteurs Lars Bargmann in der BZ über die Kritik am Führungsstil des Amtsleiters hatte die BILD die Recherchen aufgegriffen und am nächsten Tag getitelt: „OB schickt Behördenchef auf Psycho-Couch“. Nun sieht sich Rubsamen erneut mit Vorwürfen konfrontiert, die er nicht kommentiert. Die Liste der Anschuldigungen ist lang: Der gelernte Jurist würde Willkür im Amt herrschen lassen, bei bestimmten Veranstaltungen, etwa dem Freiburg-Marathon, anordnen, dass bestimmte Stände an der Strecke gaststättenrechtlich nicht kontrolliert werden, bei anderen wiederum eine Bußgeldlawine lostreten. Mehrere Mitarbeiter berichten uns, dass zuweilen Akten aus Ordnern fehlen, „manche kopieren sich ihre Seiten mittlerweile, bevor sie zum Chef gehen.“ Das Verfahren wird eingestellt, der Leserbriefkasten quillt über.


Mai 2010: „Die 50 wichtigsten Freiburger“
Zum ersten Mal veröffentlicht ein Freiburger Medium eine Rangliste noch lebender Freiburger. Als wichtigsten Mann zeichnet die Redaktion den Selfmade-Millionär, Mäzen und Menschenfreund Eugen Martin aus. Martin stirbt am 15. Dezember 2010 nach einer Herzoperation. Wenn wir Recht hatten, dann ist die damalige Nummer zwei heute der wichtigste Freiburger. Und das kann man vom Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle wohl durchaus behaupten.


Juni 2010: „Erpressung nach Erotik“
Wir berichten über eine Freiburgerin, die nach erotischen Abenteuern eine Schwangerschaft vortäuscht und einen Geschäftsmann erpresst. 120.000 Euro zahlte der Mann bis zur Veröffentlichung. Der Anwalt der Erpresserin droht mit einer Einstweiligen Verfügung und fordert eine Unterlassungserklärung. Wir bringen die Geschichte. Nach der Veröffentlichung melden sich viele Leser, nur der Anwalt nicht.

 

 


Oktober 2010:
„Wär‘ das machbar, Herr Nachbar?“

Halb Freiburg redet über die Stadionfrage: Das chilli geht weiter und gibt zusammen mit dem Freiburger Architekten Mathias Haller schon mal eine mögliche Antwort: Haller baut im Auftrag der Redaktion die Heimstatt des SC an der Schwarzwaldstraße so um, dass die geforderten Logen unterm Dach der Haupttribünen hängen, die Nordtribüne zur Dreisam hin verschoben und höher ist, und er baut noch ein Sporthotel vis-à-vis des unglücklich platzierten Verwaltungsgebäudes. Beim SC reagiert die Chefetage „not amused“. Nach viel Hin und Her ist der Umbau im Gemeinderat heute, eineinhalb Jahre später, die favorisierte Lösung.


Februar 2011: „Die Macht der Information“
In der Titelgeschichte fordern mehrere Fraktionen im Rathaus mehr Transparenz bei den Aufsichtsratssitzungen von städtischen Gesellschaften. Angesichts des Erfolgs von wikileaks hängt das chilli www.freiburg-wikileaks.de ans Netz – bislang ein digitaler Rohrkrepierer. Wir sprechen auch mit dem Freiburger Theodor Reppe, der sich schon 2006 www.wikileaks.de gesichert hatte. Nachdem das Original nach Enthüllungen gesperrt war, konnten sich Millionen User auf Reppes Seite informieren. Ende Februar verhandelte das Dresdner Amtsgericht aber plötzlich wegen versuchter Erpressung gegen Reppe und wirft ihm vor, einen Internetversandhändler mit der Drohung erpresst zu haben, Daten über dessen Unternehmen zu veröffentlichen. Im Oktober 2011 spricht der Richter Reppe schuldig und verurteilt ihn zu einer Geldstrafe von 7000 Euro. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, da Reppe Rechtsmittel einlegt.

Februar 2011: „Kiez-Größe kauft Arena-Bar“
Das chilli berichtet, dass die Hamburger Kiezgröße Z. Hansen das Haus mit der leerstehenden Oben-ohne-Bar gekauft hat und es in ein Bordell umbauen will. In nachrichtlichem Ton schildern wir, wie die Erzdiözese entrüstet ist, das Baurechtsamt sich schwertut und die Konkurrenz sich süffisant gibt. Im Ältestenrat der Stadt Freiburg echauffiert sich mit dem chilli in der Hand ein Fraktionsvorsitzender. Er hatte nicht gemerkt, dass oben auf der Seite „Satire“ stand.


April 2011: „Eine irrsinnig abenteuerliche Geschichte“
chilli interviewt exklusiv „Mister Tagesthemen“ Ulrich Wickert. Im September 2010 hatten wir exklusiv den früheren Arbeitsminister Walter Riester im Redaktionsgespräch.

April und Dezember 2011: Interviews mit Streich und Sorg
Eine Vorahnung? Als klar wird, wer beim SC Freiburg Robin Dutt nachfolgt, schnappt sich das chilli nicht den damals medial allgegenwärtigen Cheftrainer Marcus Sorg, sondern seinen Co Christian Streich. Es ist dessen erstes Zeitungsgespräch als Profitrainer. Darin spricht Streich auch über die Möglichkeit, eines Tages Cheftrainer zu werden: „Das wird man, wenn die Leute im Verein glauben, dass man das werden sollte.“ Acht Monate später, im Dezember, befindet sich der SC im Tabellenkeller und jetzt kommt Sorg im chilli-Interview zu Wort. „Angst um meinen Job habe ich keine“, sagt er. Es ist Sorgs Abschiedsinterview – zwei Wochen später wird er gefeuert und von Streich beerbt.

 

 


Mai 2011: „Chaostage beim USC“
Die Basketballer des USC kommen nicht aus den Negativschlagzeilen: Sportlich geht es bergab, zudem laufen hinter den Kulissen dubiose finanzielle Machenschaften. Das chilli trifft sich bei der Recherche mit dem freien Journalisten Werner Semmler. Der hatte in einem Blog berichtet, dass er exklusive Informationen darüber habe, dass gegen den USC eine Anzeige beim Staatsanwalt liegt. chilli deckt auf, dass Semmler selber die Anzeige erstattet hat. Semmler droht dem chilli vor Erscheinen des Stückes mit Konsequenzen. Wir drucken.


März 2012: „Der Kinderwunscherfüller“
Ein Freiburger bietet sein gesundes Sperma Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch im Internet an. Als chilli-Redakteur Felix Holm den Samenspender Andreas Kuck zum Interview trifft, ist der siebenfache Vater medial noch unbekannt. Nur einen Monat später hat eine seiner Spenden einem weiteren Paar zum Elternglück verholfen und die Wochenzeitung „Der Sonntag“ den Artikel nachgedreht. Das chilli hält es ähnlich wie Kuck: Wir freuen uns über den Text-Nachwuchs – und leisten gerne auch weiterhin kostenlose Themenspenden.

Text: Lars Bargmann, Felix Holm, Daniel Weber