Menschen ziehen sich vor anderen Menschen aus und posieren. Was manch einer im ersten Moment mit roter Beleuchtung und zwielichtigen Gestalten verbinden mag, findet in einem Freiburger Jugend- und Kulturzentrum einen anderen Rahmen. Alle zwei Wochen trifft sich eine freie Zeichengruppe zum Aktzeichnen in den Tiefen des „Artik“ am Siegesdenkmal. Die Gruppe setzt sich aus Hobbyzeichnern zusammen, die aus Interesse an der Darstellung des menschlichen Körpers der Veranstaltung beiwohnen. Die Modelle werden speziell angeworben und sind oft genauso unerfahren wie die meisten „Künstler“. Aber was macht den Reiz am Aktzeichnen aus, und was bewegt Menschen dazu, sich gegen Bezahlung von einer Gruppe stundenlang anstarren zu lassen?

Aktzeichnen

 

„Also weißt du, du brauchst nichts zu machen, was du nicht willst. Magst du dich hier ausziehen oder sollen wir noch mal rausgehen?“ Diese Gesprächsschnipsel sind mit das Erste, was einem auf dem Weg durch die unterirdischen Gänge des Freiburger Kunstzentrums „Artik“ entgegenschallt. Auf der Suche nach der freien Aktzeichengruppe fallen mehrere schwere Türen ins Schloss. Vor dem Raum entsteht kurzes Zögern – was wäre, wenn das Modell sich gerade umzieht? – doch dann wird eingetreten.

 

Gekachelter Boden, alte Sofas, niedrige Decke, Neonsonne. Irgendwo probt eine Band. Die Stimmung ist entspannt, das Mädchen bereits nackt, aber noch in eine Decke gehüllt. Die Leiterin der Gruppe stellt ihr letzte Fragen. „Magst du auf der Couch liegen oder auf dem Boden sitzen? Brauchst du Wärmestrahler?“ Es treffen die letzten Zeichner ein. Mit dem Modell sind es nun neun. Eine überschaubare Gruppe, ganz privat.

 

Ein Blick in die Runde offenbart: Die Zeichengruppe besteht vorwiegend aus jungen Studierenden. Da sitzt der Aktzeichen-Erstling, der ohne Zeichenmaterial (das hat ja niemand gesagt!) gekommen ist und nun mit überschlagenen Beinen, nervös wippend auf seinem Stuhl herumrutscht. Ein oder zwei mehr oder weniger erfahrene Bleistiftkünstler haben sich dagegen bereits in Arbeitshaltung begeben und inspizieren umsichtig ihre Utensilien. Der professionell anmutende Zeichner ist dagegen gerade mit riesigen Blöcken in speziell dafür vorgesehenen Taschen durch die Tür getreten und beginnt nun, seine eigenartigen Kohlestifte gekonnt mit dem Fingernagel zu spitzen.

Aktzeichnung

 

Die Zeichner heben die Blicke. Es geht los. Das Modell lässt die Decke fallen. Sie steht so im Raum, wie Gott sie schuf – und wirkt dabei sehr selbstsicher. Kein kurzes Kichern, kein Räuspern, nicht einmal ein halbwegs nervöses Herumrutschen auf dem Stuhl. Die versammelten Künstler starren abwechselnd auf die Nackte oder ihren Block.

 

Steffi heißt die zu Zeichnende, und sie hat es sich auf einem Teppich am Boden bequem gemacht. Im Halbkreis davor angeordnet und mit etwa einem Meter Abstand beginnen die Künstler, eifrig ihre Stifte auf dem Blatt zu schaben. Angekündigt wurden für den Anfang Posen von zwei Minuten Länge. Ein Blick über die Schultern der Anwesenden offenbart ein wiederkehrendes Muster: Zunächst werden die groben Umrisse der vom Modell vorgeführten Verrenkungen aufs Blatt gebracht. Kaum will der Zeichnende jedoch zu detaillierten Schattierungen ansetzen, gibt die Leiterin auch schon den Posenwechsel bekannt. Verwirrt linsen einige der Teilnehmer auf die Werke ihrer Mitzeichner. Viel weiter sind die auch nicht gekommen.

 

Nach einiger Zeit werden die Stellungen des Modells länger und die Striche der Künstler zunehmend sicherer. Stets sitzend drapiert die Studentin Mal ums Mal ihre Arme und Beine neu. Das Modell-Stehen hat etwas meditatives, meint Steffi: „Als Modell musst du stehen bleiben. Du kannst nicht herumgehen, du wirst nicht von Musik oder Gesprächen abgelenkt. Alles was du hörst ist das Kratzen der Stifte, und so kann man sich endlich mal wieder auf sich selbst konzentrieren.“ Außerdem gefällt es der Mittzwanzigerin, die gern anonym bleiben möchte, in unmittelbarer Weise am künstlerischen Schaffensprozess beteiligt zu sein.

Aktzeichnen mit Stift & Papier.

 

Nach eineinhalb Stunden zeigen alle ihre Ergebnisse, und zusammen mit dem (wieder bekleideten) Modell werden die Leistungen der anderen inspiziert. Es wird gelobt und verglichen. Für das Aktmodell ist es interessant zu sehen, was die Zeichner aus dem eigenen Körper machen und wie sie den eigenen Körper sehen. Sie empfindet das Vorlage-Sein sogar als sehr aufbauend für das eigene Selbstbewusstsein: „Es herrscht Interesse am Körper, selbst wenn er nicht den heutigen Schönheitsidealen total entspricht.“

 

Sexualität spielt für die Zeichner keine Rolle mehr. „Sobald man beginnt, existiert der Körper als Zeichenvorlage, nicht mehr als ein sexuelles Bild“, meint Jörg. Der Rest der Gruppe stimmt ihm zu. Selbst bei Modellen, die der Zeichner persönlich als äußerst attraktiv ansehe, wäre der sexuelle Aspekt vergessen. Es wird dann aber doch eingeräumt, dass intensiver Blickkontakt mit dem Aktmodell zu beidseitiger Verwirrung und einer „irgendwie peinlichen Situation“ führt.

 

Auch das Modell fühlte sich nicht angestarrt oder peinlich berührt. „Natürlich ist man am Anfang aufgeregt“, gibt die braunhaarige Studentin zu, „aber am besten überspielt man das einfach und lässt die Decke ganz selbstbewusst fallen.“ Jedenfalls würde sie die Blicke der Zeichner jederzeit starrenden Blicken in einer Bar vorziehen.

 

Nachdem die Stifte weggelegt werden, fällt die fehlende Kleidung des Modells in einer anderen Art und Weise ins Auge. So bekleiden sich die meisten direkt danach wieder. Es soll allerdings auch Modelle geben, die sich in ihrer natürlichen Form so wohl fühlen, dass sie in der Pause nackt mit den Zeichnenden Muffins essen, erzählt uns eine Künstlerin.

 

Dann ist der Kurs vorbei. In den Tiefen des Artiks beginnen alle damit, zusammenzupacken. Zeichenutensilien werden verstaut, Blöcke zusammengeklappt, Stühle gerückt und Tische verschoben. Wiederum fallen mehrere Türen ins Schloss, bis endlich wieder Tageslicht zu sehen ist. Entspannte Unterhaltungen werden lauter und man verabschiedet sich.

 

Text: Johanna Wagner & Benedikt Merkle / Fotos & Zeichnung: © B. Merkle