Bei ihnen erstreckt sich die fünfte Jahreszeit über das ganze Jahr: Die Spiegelhalters haben ihre Liebe zur Fasnet zum Beruf gemacht. Während Tochter Kathrin Fastnachtsartikel über ihren Online-Shop vermarktet, arbeiten Vater Edgar und Sohn Michael noch ganz traditionell – in ihrer eigenen Holzschnitzerei für Fastnachtsmasken. Eine Kunst, die nicht mehr viele beherrschen, wie Helmut Kubitschek als Landesinnungsmeister weiß.

Bei Helmut Kubitschek ist noch alles Handarbeit.

 

Drei Wochen vor Fastnacht sind die meisten Masken an den Narren gebracht, doch auf dem Fußboden der Hugstetter Holzwerkstatt reiht sich immer noch eine Maske an die andere: Langnasige Hexen, grimmige Teufel und zähnefletschende Wölfe warten auf die letzten Abholer.

 

Zudem lagern hier Modelle von jeder Maske, die Vater Spiegelhalter jemals gemacht hat. Und das sind nicht wenige: Vor 40 Jahren hat er seine erste Maske geschnitzt, die der Castellberger-Driebelbisser aus Ballrechten-Dottingen.

Das Geschäft mit der Maskerade.

 

In Handarbeit, wie er es einst von seinem Vater, einem Maskenschnitzer aus St. Peter, gelernt hat. An der Technik hat sich seitdem nicht viel geändert. Die Masken werden traditionell aus Lindenholz gefertigt, das Edgar und Michael Spiegelhalter im Freiburger Forst holen, mit dem eigenen mobilen Sägewerk zerkleinern und trocknen. Gibt es noch keine Vorlage, fertigen sie den ersten Entwurf aus Ton nach den Vorstellungen der Zunft. Wenn die Narren damit zufrieden sind, werden die Konturen nach und nach aus dem Holz herausgearbeitet. Den nächsten Schritt zeigt Sohn Michael, der mit Pinsel und Airbrushpistole den hellen Holzmasken Farbe verleiht. Bis eine Maske ihren letzten Schliff bekommt, vergehen so anderthalb bis zwei Tage.

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Und so hat Handarbeit auch ihren Preis: Während eine einfache Hexenmaske bei Edgar Spiegelhalter um die 300 Euro kostet, kann der Preis bei Sonderwünschen schnell auf bis zu 500 Euro klettern. Etwa, wenn Masken mit beweglichem Kiefer, ausladenden Zähnen oder echten Tierhörnern gewünscht werden. „Machbar ist alles, doch manche Wünsche sind preislich nicht umzusetzen“, weiß der 63-Jährige. „Je mehr Schnickschnack, umso teurer wird es.“

 

Deutlich günstiger ist das Fastnachtsoutfit einen Stock tiefer, in Kathrin Spiegelhalters Karnevalsshop. Sexy Nonnenkutten, Ärztekittel oder winzige Clownsanzüge für Babys – die 31-Jährige hat rund 10.000 Artikel in ihrem Shop, die preislich meist um die 30 Euro liegen. Geplant war der Laden einst als reiner Online-Shop – bis die ersten Kunden vor der Tür standen.

Es ist noch alles Handarbeit.

 

Da das kein Einzelfall geblieben ist, sind die Kartons nun Regalen gewichen. Feste Öffnungszeiten gibt es zwar keine – Spiegelhalter betreibt den Shop im Nebenerwerb –, doch nach Voranmeldung darf man hier durchstöbern, und auch überraschende Gäste werden meist nicht abgewiesen. So standen auch schon Kunden am Abend des Fastnachtssamstag vor der Tür, die ein Last-Minute-Kostüm gebraucht haben. Oft seien es auch Schweizer, so Spiegelhalter, die auf der Durchreise einen spontanen Abstecher einlegen.

 

Und auch nach der närrischen Zeit können die Spiegelhalters nicht die Beine hochlegen, das Geschäft läuft das ganze Jahr über: die Tochter verkauft Kostüme für Mottopartys, Junggesellenabschiede, Oktoberfeste und Halloween, der Sohn ist mit dem mobilen Sägewerk unterwegs, der Vater schnitzt zusätzlich Grabmale und Krippenfiguren. Und spätestens im August trudeln dann wieder die ersten Bestellungen für Fastnachtsmasken ein.

Edgar Spiegelhalter beim schnitzen.

 

Die Familie Spiegelhalter gehört zu den wenigen Holzbildhauern in der Region, die diese traditionelle Technik beherrschen. Helmut Kubitschek, Landesinnungsmeister der Holzbildhauer, schätzt, dass es in Baden-Württemberg gerade einmal 25 professionelle Holzbildhauer gibt, die Fastnachtsmasken schnitzen – Tendenz eher abnehmend. Und das, obwohl die Zahl der Zünfte seit Jahren kontinuierlich steigt, auf momentan rund 5000 im Ländle.

 

Kubitschek kam zu seinem Metier durch die Fastnacht: Aufgewachsen in Elzach, erhielt er bereits als Kind seine erste „Schuttig“, die geschnitzte Maske der dortigen Narrenzunft. Das brachte ihn zur Holzbildhauerei, einem alten Handwerk, das in vielen Bereichen Anwendung findet, früher vor allem bei der Gestaltung sakraler Räume und Figuren oder bei der Verzierung von Grabzeichen, Wegweisern, Fachwerken, Möbeln, Holzfässern und Uhrgehäusen. Das anspruchsvolle Metier verlangt tätigen Einsatz, Geduld und Leidenschaft, die bei Kubitschek ganz besonders auf den Plan treten, wenn sich freie Gestaltungsmöglichkeiten auftun. Das ist nicht nur bei der Erschaffung von Masken oder Grabmalen der Fall, sondern auch, wenn er eine Szene aus dem „Basler Totentanz“ – in der ein Narr mit dem Tod konfrontiert wird – in eine Stele aus ehemaligen Bahnschwellen schnitzt.

Michael Spiegelhalter bemalt die Masken.

 

Die lebendige Qualität von Holz interessiert ihn, für Masken ist Linde am gebräuchlichsten. Kubitschek kennt seine Materie. Er gilt als Experte und erfreut nicht nur viele Narrenzünfte, sondern auch private Sammler in Deutschland und der Schweiz, für die er Kopien historischer Masken fertigt; vertreten ist er auch im Deutschen Fastnachtsmuseum im fränkischen Kitzingen. Demzufolge beschäftigt er sich auch mit Fastnachtsforschung und gehört dem Verein der Larvenfreunde an (www.larvenfreunde.de), der die europäische Maskenkultur studiert und dokumentiert.

 

Beim Besuch in Kubitscheks Laden, Hof und Werkstatt trifft man auf eine Fülle von Skulpturen und Figuren – vom Harlekin über Engel bis zu Madonna und Christusgestalt. Sakrale Ausschmückungen waren früher das Hauptgeschäft dieses Handwerksbetriebs, der 1896 von Josef Dettlinger gegründet, über drei Generationen geführt, und nun, unter dem ursprünglichen Firmennamen, von Kubitschek fortgesetzt wird.

Kathrin Spiegelhalter verkauft Kostüme  im Karnevalsshop.

 

Über die Facetten der Fastnacht weiß er Bescheid, und nicht nur über Langnaas, Lätsch, Fratz oder Friss der Elzacher Schuttig. Er kennt zudem Geschichten, Bildsprache und Namen anderer Zünfte, gehe es nun um Waldkircher Krakeelia, Bleibacher Silberklopfer, Herdermer Lalli, Wilder Maa oder Endinger Jokili. Letzterer ist ein schalkhafter Hansel, der sich am Hofnarr orientiert und kaum Bedrohliches ausdrückt, wie etwa zahlreiche Tier- und Teufelsmasken es tun.

 

Die Vermummung mit Masken, auch Larven oder Schemen genannt, ist für die schwäbisch-alemannische Fastnacht, die sich vom rheinischen Karneval abgrenzt, charakteristisch. Kubitschek braucht einige Stunden, um das jeweilige Unikat herzustellen, mittels Schnitzeisen, Stechbeitel und Klüpfel in verschiedenen Größen; auf maschinelle Schritte verzichtet er. Hinzu kommt die Bemalung – manchmal eher bäuerlich, manchmal in barockem Duktus gehalten. Es leuchtet ein, dass der Autor Volker Knopf*diesen kunstfertigen Handwerker in seinem Buch „Badische Originale“ verzeichnet.

 

Zu tun gibt es im Beruf des Holzbildhauers genug, sein Profil und Aufgabenfeld entwickeln sich stetig, die Nachfrage nach Masken und Grabmalen inbegriffen – der Tod erscheint schließlich im Gewand des Narren.

 

Text: Tanja Bruckert & Cornelia Frenkel / Fotos: Tanja Bruckert & Neithard Schleier

 

*Volker Knopf / Badische Originale. 66 ungewöhnliche Menschen – 66 ungewöhnliche Passionen / 208 Seiten / Der Kleine Buch Verlag, 2014 / 14,95 Euro