Die Tür zur Europa League steht für den SC Freiburg weit offen: Nach dem überzeugenden 2:0 gegen einen chancen- und ideenlosen FC Schalke 04 rangieren die Freiburger zwei Spieltage vor dem Saisonende auf einem kaum für möglich gehaltenen fünften Platz. Florian Niederlechner traf erst aus spitzem Winkel, dann per Foul-
elfmeter. „Nehmt Europa mit, genießt es und bleibt wie ihr seid“, sagte Sky-Kommentator Klaus Veltman. Der Rest ging im Schwarzwaldstadion einfach nur im Jubel unter.

 

Diskussionen: Trainer Christian Streich hofft noch auf Europa.

 

Rückblick. Dezember in Ingolstadt. Es ist das letzte Spiel des Jahres 2016, Minusgrade im Audi-Sportpark. Die Bratwurst schmeckt unterklassig, das Bier im Gästeblock ist eine traurige Angelegenheit. Dann wird gefeiert. 2:1, zweimal Niederlechner, ein souveräner Auftritt. Als Tabellenachter mit 23 Punkten geht der SC ins neue Jahr und fast jeder Fan denkt: Wow, das wird eine richtig entspannte Rückrunde. Kein Klassenkampf im Keller, keine Sorgen.

 

Von wegen! Statt Abstiegssorgen kommen recht schnell die Luxussorgen. Kann das klappen mit Europa? Darf man an der Dreisam überhaupt davon träumen? „Träumen darf jeder, träumen sollte jeder“, sagt Trainer Christian Streich. Auch er träumt davon, einmal bei Celtic Glasgow zu spielen. „Ich möchte alles mitnehmen, was man noch mitnehmen kann“, sagt er vor dem Spiel gegen Schalke. „Doch ich möchte dann trotzdem die Klasse halten“, fügt er hinzu. Er ist ein gebranntes Kind.

 

Ganz Fußballdeutschland schwärmt in der Saison 2016/2017 von den beiden stärksten Aufsteigern in der Bundesligageschichte. Die noch größere Überraschung als RB Leipzig ist der SC Freiburg. Der Marktwert des Kaders beläuft sich auf 59 Millionen Euro (Quelle: transfermarkt.de), die Kicker von Mateschitz’ Gnaden sind 124 Millionen wert. Bei Leverkusen sind es 274 Millionen, bei Schalke 216 Millionen. Der SC war trotzdem nie schlechter als Zwölfter.

 

Jubel: Edeljoker und Torjäger Nils Petersen hofft ebenfalls noch auf Europa.

 

Was ist passiert? Vor genau zwei Jahren hatte das chilli über eine „hasenfüßige Psychotruppe“ geschrieben. Da war der saftlose Abstieg in Hannover. Immer wenn es ernst wurde in jener Saison, kam das späte Gegentor. In dieser Runde ist das Team physisch und psychisch enorm belastbar. Es kann knappe Spiele entscheiden, auch in der Schlussphase. Die Hälfte aller Tore macht der SC in der letzten halben Stunde. Die Statistiker haben Höchstwerte festgestellt: Der SC läuft am meisten, elf Siege mit nur einem Tor Differenz* sind ebenso unübertroffen wie acht Niederlagen mit drei Treffern Unterschied. Dass ein Team mit einer desaströsen, abstiegsverdächtigen Tordifferenz so weit oben in der Tabelle steht, ist ungewöhnlich. Den bisherigen Rekord hält, weiß der „Kicker“, Arminia Bielefeld: Rang 8 in der Saison 1982/83 mit -25 Toren.

 

Es hat große Spiele, große Siege gegeben. Wie zuletzt gegen Leverkusen. Dann wieder Bratwurst-Fußball wie unlängst beim Auswärtsspiel in Darmstadt (0:3) – Christian Streich sprach von einem „Scheiß-Gekicke“ – oder in der 2. Runde des DFB-Pokals gegen Sandhausen, als man meinte, eine B-Mannschaft würde das Weiterkommen schon schaffen. Diese Arroganz wurde bestraft.

 

Solche Spiele zeigen: Der SC ist nur erfolgreich, wenn alle im Kader nicht nur einen normalen, sondern einen besseren Arbeitstag erwischen. „Wir müssen immer an die Kante gehen“, sagt Streich. Der SC ist eine launische Diva. Bestes Beispiel: Çaglar Söyüncü. Oft große Klasse, schnell, extrem zweikampfstark und abgebrüht. Dann aber wieder ziemlich desorientiert, wie bei den Gegentoren in Köln oder Hoffenheim. Der junge Türke wird wohl bleiben. Und das ist gut so. Ein Zeichen für das Vertrauen, das Trainerstab und Verein bei den Spielern genießen.

 

Launische Diva: Innenverteidiger Çaglar Söyüncü erlebte diese Saisons viele Hochs und Tiefs.

 

Viele von ihnen, etwa Niederlechner oder Stenzel, hat Streich besser gemacht. Beide sind fest gebunden. Ein Massenexodus wie nach der Saison 2012/2013 (6. Platz) wird heuer ausbleiben. Gute Voraussetzungen dafür, dass die Fans entspannt in die neue Saison gehen können.

 

Text: Dominik Bloedner / Fotos: © Neidhart Schleier

 

*Stand nach 32 Spieltagen