Ein kahl geschorener Mann mit langem Fusselbart geht an der schier endlosen Warteschlange vor einer Pariser Behörde entlang und versucht, ein tags zuvor gezogenes Nummernticket zu Geld zu machen. 25 Euro will er dafür haben; die Männer, die sich auf den windigen Deal nicht einlassen wollen, beschimpft er als „Kameltreiber“, die zurück sollen in ihr „Beduinenland“.

 

 

Dabei ahnt er noch nicht, dass er der Nächste ist, der in sein Herkunftsland abgeschoben werden soll. Während der Polizeikontrolle, in die er gleich nach dem Geld-Ticket-Tausch gerät, gibt er sich denn auch noch sehr selbstsicher. Seine Papiere, belehrt er die misstrauischen Beamten, seien „in Ordnung“, sowohl sein Pass, der ihn als Massoud Karzaoui aus Kabul ausweist, als auch die Aufenthaltsgenehmigung. Außerdem habe er sich noch nie etwas zuschulden kommen lassen. Die beiden Polizisten sehen dies anders: Nach der Feststellung, dass ein Mann dieses Namens wegen eines Handtaschenraubs an einer alten Dame gesucht wird, nehmen sie ihn kurzerhand fest.

 

Zwar behauptet der Bärtige, dass es sich nicht um seine Papiere handle, dass er in Wahrheit Akim Ait-Boulfouz aus Tizi Ouzou in Algerien sei und dass er die falschen Papiere einem Mann entrissen habe, der ihn überfallen wollte. Doch das hilft ihm nichts; die Gendarmen packen ihn unsanft in ihren Dienstwagen. Und setzen damit eine turbulente Geschichte in Gang: Bei der Gegenüberstellung wird der Mann nämlich von der – freilich sehschwachen – geschädigten Dame wiedererkannt – und im folgenden Prozess zu drei Monaten Gefängnis mit anschließender Abschiebung nach Afghanistan verurteilt. Mit der Rückführung der ziemlich hemdsärmelige Grenzpolizist José Fernandez betraut, zusammen mit einem weiteren Grenzschützer nimmt er den inzwischen wieder bartlosen Delinquenten in Gewahrsam.

 

 

Bereits auf dem Weg zum Flugzeug nach Kabul zeigt sich, dass die drei Männer eigentlich ganz gut zusammen passen: Gegenseitige Ressentiments und führen zwar außer zu Diskriminierungen und Beschimpfungen auch zu nicht eben zimperlichen Handgreiflichkeiten, die jedoch im Rahmen des Zulässigen bleiben. Was sie außerdem eint ist die latente Bereitschaft, den jeweiligen anderen zur Erlangung eines persönlichen Vorteils übers Ohr zu hauen – und keine Gelegenheit auszulassen, dies auch zu tun.

 

Das zeigt sich gleich während des ungeplanten Zwischenaufenthalts auf Malta, wo das illustre Trio nach einer Notlandung festsitzt: Bei dem Versuch, sich gegenseitig auszutricksen, versinken sie in einem Sauf-, Drogen- und Sexgelage, an dem die ganze Mission außer Kontrolle gerät, ja, zu scheitern droht: Karzoui schafft es, den beiden schwer verkaterten Ordnungshütern zu entkommen – natürlich mit einer weiteren falschen Identität. Und mitsamt dem Heizkörper, an den seine neuen Bullenfreunde ihn vorsorglich gekettet hatten. Die Flucht macht ihnen schwer zu schaffen, insbesondere José Fernandez: Die ihm vor der Reise versprochene Beförderung wurde nämlich vom Erfolg des Abschiebungsauftrags abhängig gemacht. Und so will er den Entflohenen um jeden Preis wieder dingfest machen.

 

 

„Alles unter Kontrolle“ ist die neue Produktion von Regisseur Philippe de Chauveron , dessen witziges Klischee-Spiel „Monsieur Claude und seine Töchter“ vor drei Jahren zu einem Kinohit in Frankreich und Deutschland wurde.

 

Am Samstag, 22. April ist Philippe de Chauveron zu Gast im Kino Friedrichsbau: Er kommt zur Premierenvorstellung mit anschließenden Filmgespräch. Beginn der Vorstellung ist um 19 Uhr.

 

Text: Erika Weisser / Fotos: © Neue Visionen

 

 

 

 

 

Alles unter Kontrolle
Frankreich 2016
Regie: Philippe de Chauveron
Mit: Ary Abittan, Medi Sadoun, Cyril Lecomte, Slimane Dazi u.a.
Verleih: Neue Visionen
Laufzeit: 87 Minuten
Start: 20. April 2017
Trailer: