Das Hickhack um einen städtebaulichen Akzent am Südosteingang zum Güterbahnhof hat ein Ende: Zwischen Zollhof und Extrol-Tankstelle baut der Architekt Wolfgang Frey vom kommenden Sommer an zwei Jahre lang einen 48 Meter hohen, 17-stöckigen, doppelten Green-City-Tower. Investition: 48 Millionen Euro. Ohne das 5600 Quadratmeter große Grundstück, für das er geschätzt noch einmal 4,5 Millionen hingeblättert hat.

 

Bis zu 80 Mietwohnungen auf 5000 Quadratmetern wird der konische Turm von Freiburg haben, die restlichen Räume (Bruttogeschossfläche: 16.000 Quadratmeter) stehen für gewerblichen Nutzer offen. Neben der markanten Architektur besticht das Vorzeigeprojekt vor allem dadurch, dass es jährlich eine halbe Million Kilowattstunden Sonnenstrom erzeugen kann – und dass es zwei parallele Stromkreise hat: einen für Wechselstrom, einen für Gleichstrom – mithin geht Frey wohl als Erbauer des ersten AC/DC-Towers von Freiburg in die Stadtgeschichte ein.

 

Solarstrom ist Gleichstrom und egal, wie fortgeschritten die Wechselrichter sind, die es braucht, um daraus den haushaltsüblichen Wechselstrom zu machen – es geht Energie verloren. Fahrstühle, Allgemeinbeleuchtung wird es im Green City Tower nur auf Gleichstrombasis geben. Womöglich auch Gleichstrom-Haushaltsgeräte – Jede Einheit bekommt so unterschiedliche Steckdosen. Hieran arbeiten vor allem Siemens-Gebäudemanagement-Experten in Zürich. Zukunftsweisend sind im Tower vor allem die Speichermedien: Es gibt Lithiumbatterien für die kurzfristige Speicherung des Solarstroms und Vanadium-Redox-Flow-Batterien, die die umweltfreundlichere Energie bis zu 10 Wochen lang aufbewahren können. Somit kann beispielsweise in Schwachlastzeiten Strom aus Sonnenkraft zur Ladung der Batterie verwendet werden, während zu Spitzenlastzeiten regenerativ erzeugter Strom zusätzlich aus der Batterie in das Netz eingespeist werden kann. Und das hört sich viel einfacher an als es ist.

 

Der Green City Tower, wie er aktuell geplant ist ...

Der Green City Tower, wie er aktuell geplant ist …

 

„Der Green City Tower Freiburg ist ein Vorzeigeprojekt für die Entwicklung des Güterbahnhofareals. Das Gebäude enthält einen Nutzungsmix aus Gewerbe, Wohnen und Dienstleistung. Es ist ein städtebaulicher Akzent und zeigt, was energiepolitisch derzeit möglich ist“, sagte Baubürgermeister Martin Haag neulich vor Journalisten. „Die moderne Architektur symbolisiert das zukunftsweisende integrative Quartierskonzept des Güterbahnhofs, das Wohnen und Arbeiten in einem Gebäude ermöglicht“, findet Bernd Dallmann, Geschäftsführer der Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH, die die schwierigen Verhandlungen moderiert hatte.

 

Der jetzt final geplante Tower ist deutlich niedriger als sein 72 Meter hoher Vorgänger und spricht auch architektonisch eine andere Sprache. „Es war das gemeinsame Ziel von uns, den Ingenieuren und dem Stadtplanungsamt, Architektur und Technologie zu versöhnen“, sagt Frey.

 

An die AC/DC-Towers angedockt werden zwei auseinanderlaufende Seitenflügel (5 bis 7 Etagen, 16 bis 22 Meter hoch), in dem sich öffnenden Innenraum setzt Frey ein viergeschossiges Parkhaus mit 260 Stellplätzen. Beiläufig erzählt er, dass er schon eine schriftliche Zusage des Stadtplanungsamts gehabt habe, wonach er keine Tiefgarage bauen müsse, weil eine Hochgarage nicht mit zur im Bebauungsplan festgeschriebenen GFZ (Geschossflächenzahl) zähle. Dann kam das Baurechtsamt und kassierte diese Einschätzung wieder ein. Nun muss er zwei Stockwerke in die Erde bauen. Zusätzliche Kosten: 2,5 Millionen Euro. Am anderen Ende des Gebäudes gibt es dafür noch ein Leckerli: einen Skygarden.

 

... und wie er ursprünglich hätte aussehen sollen.

… und wie er ursprünglich hätte aussehen sollen.

 

Kommentar: Kompromiss auf tumhohem Niveau

 

Da lächelten sie in die Runde, Baubürgermeister Martin Haag, FWTM-Chef Bernd Dallmann und der Architekt Wolfgang Frey. Ein Vorzeigeprojekt, ein Leuchtturm, ein wegweisendes Konzept hatten sie zu verkünden, der Green City Tower an der Neunlindenstraße auf dem Güterbahnhof-Areal. Dabei ist das, was nun gebaut werden soll – nach schier endlosen Diskussionsrunden, in denen sich längst nicht alle ständig grün waren – nur ein Kompromiss.

 

Der querdenkende Architekt hätte sehr gerne energetisch noch viel anspruchsvoller gebaut – nicht zuletzt mit einem Windrad auf dem Dach -, aber das war  bau- und auch privatrechtlich nicht möglich. Erstens hätte der Bebauungsplan für die Höhe geändert werden müssen, was vonseiten der Stadt keiner wollte. Zudem verbietet der – der Redaktion vorliegende – städtebauliche Vertrag zwischen der Stadt und der Güterbahnhofsentwicklerin aurelis aus 2009 allen Käufern, eigene Wärme zu erzeugen. Die darf auf dem Areal nur Badenova liefern.

 

Ein Megawatt Strom sollte der Green-City-Tower in seiner ursprünglichen Fassung erzeugen, ein halbes ist nach dem ganzen Hin und Her nun übrig geblieben. Das aber ist keineswegs schlecht. Auch in seiner abgespeckten Version ist der Turm ein sehr ambitioniertes Projekt, das zu Freiburg passt und für das sich mit Siemens, dem Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme, den Firmen ads-tec (Speicherenergie) und SI Solarmodule sowie Badenova ein schlagkräftiges Team zusammengefunden hat. Ob der Haus- und Hofversorger sich in diesem Gremium lange sehr wohl fühlt, bleibt aber abzuwarten. Denn Strom braucht Frey nicht. Und das bisschen Wärme wird für die Badenova sicher kein Geschäft.

 

Text & Kommentar: Lars Bargmann