Zwei Flüchtlinge drehen ohne Vorkenntnisse einen Film. Der wird als beste Doku Baden-Württembergs nominiert. Die Syrer Jan Mustafa und Malek Kassem haben dennoch keinen Grund zum Jubeln: Sie kämpfen in Freiburg um ihre Existenz – und müssen Schreckliches verarbeiten.

Preisgekrönt: Die syrischen Flüchtlinge Jan Mustafa (schwarzer Pulli) und Malek Kassem haben ihre Flucht verfilmt. Barbara Davids (Mitte) hat sie dabei unterstützt.

 

Jan Mustafa hat Albträume. Das gekenterte Boot, die Schläge der Polizisten, die Angst um seine Familie. Sein Zimmernachbar Malek Kassem hört ihn nachts schreien. „Er träumt schlecht“, sagt der 22-Jährige. Beide sitzen am Couchtisch ihres Zimmers in der Flüchtlingsunterkunft an der Mooswaldallee. Sie trinken stark gesüßten Tee, lachen viel, erzählen von ihrem Film.

 

Darin stellt der 21 Jahre alte Mustafa in Freiburg Szenen seiner Reise nach: Er flieht im Wald vor der Polizei. Liegt schluchzend am Boden. Zeigt, wie griechische Polizisten ihn mit Fußtritten wecken, ihm sein Geld nehmen, wie er 22 Stunden auf einem Laster liegt, um über die Grenze zu kommen. „Kein Wasser, keine Zigaretten, kein Essen, keine Toilette“, kommentiert er in gebrochenem Deutsch.

Mustafa zeigt, wie Polizisten ihn treten

 

„Dieser Film ist mein Leben“, sagt Mustafa. „Ganz Deutschland soll ihn sehen!“ Seine dunklen Augen leuchten. Wie auch die der Jury der Filmschau Baden-Württemberg. Dort war der Streifen im Dezember nominiert als bester Dokumentarfilm Baden-Württembergs – und erhielt ein Sonderlob. Die Kamera führten Mustafa, Kassem und die Freiburger Filmemacherin Barbara Davids. Sie half den beiden , inzwischen ist sie eine Art Ersatzmutter.

 

Mustafa ist 2011 vor dem Krieg geflohen. Ein Jahr war er in der Türkei, ein Jahr in Griechenland, dann kurz in Italien und der Schweiz. Vor rund einem Jahr erreichte er sein Ziel: Deutschland. „Scheiße Syria, I love Deutschland, Deutschland so much good. Polizei gut, Essen, Money, Haus.“ Trotzdem leidet er. Seine Cousine wurde gerade in Syrien erschossen. Seine Eltern und Brüder sind ebenfalls geflohen, sitzen in der Türkei fest. Sein größter Wunsch ist, sie nach Deutschland zu holen. „Er denkt Tag und Nacht daran“, sagt Davids. 35.000 Euro soll das kosten. Unbezahlbar.

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Drei Jahre darf Mustafa in Deutschland bleiben. Am liebsten würde er einen Schulabschluss machen. Seine Leidenschaft ist aber die Kunst. Er rappt und tanzt – das öffnet Türen: Im Sommer soll er auf dem Zelt-Musik-Festival auftreten und den ZMF-Preis bekommen. Manuel Druminski vom Freiburger Sinfonieorchester will den Rapper mit der Geige begleiten. Die Proben laufen.

 

Deutlich finsterer scheint Kassems Zukunft – ihm droht eine Abschiebung nach Italien. Dort hat ihm die Polizei auf seiner Flucht Fingerabdrücke genommen. Laut Dublin-Verordnung ist damit Italien für sein Asylverfahren zuständig. In Deutschland ist er nur „geduldet“, in der Regel für drei Monate.

Kassem hat als Obdachloser in Italien Deutsch gelernt (unten rechts).

 

Dieser Tage läuft die Duldung ab, möglicherweise wird sie verlängert. Im schlimmsten Fall ist Kassem aber bei Erscheinen dieses Textes bereits zurück in Italien. „Das ist schwierig für mich“, sagt er. Er spricht kaum Italienisch, dafür aber fast fließend Deutsch. Zudem besucht seine syrische Verlobte eine Schule in Freiburg. Sein Onkel und ein Bruder sind ebenfalls in der Stadt. Der Rest der Familie ist auf der Flucht Richtung Freiburg.

 

Zwei Optionen hat Kassem, um langfristig zu bleiben: eine Hochzeit mit einer Deutschen oder eine Ausbildung. Die ersten Bewerbungen hat er geschrieben – Antworten kriegt er keine. „Ich will hier lernen – irgendwas“, sagt Kassem und lacht. In Damaskus hat er Mathematik studiert. Auf der Flucht lernte er Deutsch, weil er unbedingt hierher wollte. Ein kleines Buch schrieb er voll mit deutschen Wörtern – damals lebte er in Italien auf der Straße. Jetzt wohnt der Student mit Mustafa und einem weiteren Syrer auf etwa zwölf Quadratmetern im Flüchtlingsheim. Er hat Angst. Vor der Abschiebung, vor dem Ungewissen. Findet er einen Ausbildungsplatz? Ein Wettlauf gegen die Zeit.

 

Dann vibriert das Handy. Sein Bruder schickt ein Video. Er sitzt lachend auf einem Flüchtlingsboot. Sein Ziel: Deutschland.

 

Text: Till Neumann & Fotos: © tln/Doku

 

Dokufilm – Unterstützer gesucht
Jan Mustafa und Malek Kassem können mit dem Kauf des Dokumentarfilms „Was machst du hier?“ unterstützt werden.
Kontakt: barbara.davids@gmx.de