Der Freiburger Uniklinik droht ein millionenschwerer Rechtsstreit: Fast 200 ehemalige Absolventen der an der „Akademie für medizinische Berufe“ ausgebildeten Physiotherapeuten wollen rückwirkend ihre Schulgebühren zurück. Bereits im Oktober vergangenen Jahres hatten Schüler der Einrichtung gedroht, gerichtlich gegen die Gebühren vorzugehen, woraufhin die Leitung der Uniklinik diese kurzerhand abschaffte. Die Auszubildenden werfen dem Klinikum vor, sich an ihnen eine goldene Nase verdient zu haben. Die Uniklinik weist das mit dem Hinweis auf hohe Dozentenkosten zurück. Anwalt Roland Hein, der die Physios vertritt, wirft dem Klinikum unterdessen eine „Blockadehaltung“ bei der Prozessführung vor.

 

 

„Die haben sich an uns dumm und dämlich verdient und einfach doppelt kassiert“, ärgert sich Celina Bührer. Die 24-jährige Freiburgerin ist seit März 2012 ausgebildete Physiotherapeutin und arbeitete im Anschluss in der Tumorbiologie der Uniklinik. Mehr als 10.000 Euro hat sie während der dreijährigen Ausbildung ans Klinikum überwiesen.

Jetzt will sie – und mit ihr fast 200 Absolventen – gegen ihren Ausbilder vor Gericht ziehen. Dort vertritt die Physios der Tübinger Anwalt Roland Hein, der für den deutschen Verband für Physiotherapie als Rechtsberater arbeitet. „Nach unserer Auffassung ist die Ausbildung der Schüler des Uniklinikums bereits durch anderweitige Zahlungen an das Klinikum komplett finanziert gewesen“, untermauert Hein die These von Bührer.

 

Das Tor des Anstoßes: Der Akademie droht ein langer und teurer Rechtsstreit.

Das Tor des Anstoßes: Der Akademie droht ein langer und teurer Rechtsstreit.

 

Bei der Uniklinik sieht man das anders. „Wir beschäftigen an der Akademie qualifiziertes Fachpersonal, das kostet nun einmal Geld“, erläutert Pressesprecher Benjamin Waschow. Warum die Klinik die Schulgebühren nach der ersten Anfrage im vergangenen Oktober kurzfristig abgeschafft hat, darauf hat er keine schlüssige Antwort. Allerdings betont der Sprecher, dass es sich dabei um einen freiwilligen Schritt gehandelt habe: „Das war eine Entscheidung des Vorstandes. Anders als in der Presse behauptet, hat das keinen rechtlichen Hintergrund.“ Die Badische Zeitung hatte vor gut einem Jahr Gegenteiliges berichtet.

 

Die Uniklinik ist deutschlandweit einer der ersten Physiotherapeuten-Ausbilder überhaupt, der seither auf Ausbildungsgebühren verzichtet. An anderen Schulen in anderen Bundesländern kostet eine solche Qualifikation nach wie vor einen fünfstelligen Betrag.

„Für uns ist die Abschaffung der Gebühren ein Schuldeingeständnis“, sieht Bührer in der Handlung dennoch eine, die nicht auf Großmut und Freiwilligkeit basiert. Ähnlich interpretiert das auch Hein: „Aus anwaltlicher Sicht motiviert dieses Verhalten, an der Auffassung festzuhalten, dass das Schulgeldzahlungsverlangen des Uniklinikums auch in der Vergangenheit rechtswidrig gewesen sein könnte.“

 

Allerdings gerät der Prozess jetzt ins Stocken. Die Uniklinik hat die Möglichkeit eines Vergleichs- oder Musterprozesses ausgeschlagen. Jetzt muss jeder Absolvent eine gesonderte Klage einreichen. Die Möglichkeit einer Sammelklage besteht laut Hein nicht: „Das sieht das Sozialgesetzbuch nicht vor.“ Somit besteht für jeden der Kläger auch ein individuelles Prozesskostenrisiko – im Fall eines Verlusts drohen bis zu 10.000 Euro Gebühren. „Alle, die keine Rechtschutzversicherung haben, gehen natürlich ein enormes Risiko ein“, formuliert Bührer einen Gedanken, den man auf der Gegenseite vermutlich auch durchgedacht hat. „Das Uniklinikum weiß darum, dass die ehemaligen Schüler im Zweifel keine großen finanziellen Mittel im Rücken haben“, so Hein. So ließe sich durch die Blockadehaltung vielleicht der eine oder andere von einer „Weiterverfolgung seiner Ansprüche abhalten“. Zudem könne ein Auf-Zeit-Spielen vielleicht auch Verjährungen ermöglichen. An der Uniklinik will man diese Gedanken nicht kommentieren. „Wir leben in einem Rechtsstaat“, sagt Waschow nur, „jeder, der sich unrechtmäßig behandelt fühlt, darf selbstverständlich vor Gericht ziehen.“

 

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Text: Felix Holm/Bild: Tanja Bruckert