Bilder aus Amerika im Centre Culturel Français? Nicht im Carl-Schurz-Haus? Die Antwort ist einfach: Die dort ausgestellten „American Portraits“ des Fotokünstlers Reiner Leist stehen in Zusammenhang mit dem Freiburger Filmforum (22. 5. bis 26.5. 2017), das seit 1985 alle zwei Jahre im Kommunalen Kino stattfindet – und dem immer eine Ausstellung mit inhaltlichem Bezug zum jeweiligen Länderschwerpunkt vorangeht.

 

 

Und da das Centre Culturel schon seit vielen Jahren seine Räume für diese Ausstellungen zur Verfügung stellt und das diesjährige Schwerpunktthema des Filmforums USA ist, hängen Leists in unzähligen Begegnungen mit US-Bürgern entstandene Porträts jetzt eben dort. Wobei das Carl-Schurz-Haus selbstverständlich Kooperationspartner ist.

 

„America the Beautiful“ lautet das Motto des Filmforums. Und so könnte auch die außergewöhnliche Ausstellung benannt sein, die aus 55 Schwarzweißbilder-Paaren besteht, die im Lauf von etwa sieben Jahren entstanden. Auf den Bildern sind nämlich nicht nur einfach Gesichter zu sehen; sie zeigen ein sehr umfassendes und ausdrucksvolles Panorama unterschiedlicher individueller Lebenswege mit verschiedenen persönlichen Erwartungen, Erfahrungen, Erfolgen, Enttäuschungen: Reiner Leist hat seinen Aufnahmen von den Menschen, mit denen er auf seinen Reisen durch die USA gezielt oder auch zufällig zusammentraf, jeweils ein Jugend- oder Kinderfoto der Porträtierten gegenübergestellt, um zwei Lebensmomente miteinander in Bezug zu setzen. Darüber hinaus hat er auch lange Gespräche mit ihnen geführt und aufgezeichnet; die so entstandenen Textelemente geben den Fotografien noch zusätzliche Tiefe und Anschaulichkeit.

 

 

Reiner Leist startete dieses Projekt 1994 über ein DAAD-Forschungsstipendium; seither lebt der ehemalige Münchner in New York. Seine Absicht war (und ist) es, das Zusammenspiel von geografischer, historischer, menschlicher und ökonomischer Dimension in diesem Land sichtbar zu machen, sich diesem Lebensraum so zahlreicher unterschiedlicher Hintergrundskulturen anzunähern. Zu zeigen, dass sich Zusammenleben, Zusammengehörigkeit „durch andere Dinge definiert als durch Nationalität, dass nicht nur der Aspekt der Herkunft zählt“. Deshalb hat er den Kontakt zu sämtlichen Bevölkerungsgruppen gesucht: Zu den Nachfahren der Ureinwohner, zu den Enkeln und Urenkeln afrikanischer Sklaven, zu Angehörigen von Familien, die seit Generationen Amerikaner sind. Und zu Einwanderern, die ihre Kindheit noch in einem anderen Land verbrachten.

 

Einer dieser Einwanderer ist Henry A. Kissinger, der heute 93-jährige ehemalige US-Außenminister. Mit ihm traf Leist im Jahr 2000 zusammen. Obwohl Kissinger wenig Zeit für eine Unterhaltung gehabt habe, findet Leist, dass sein Porträt wichtig ist – als Beispiel für „das deutsche Element: Kissinger wurde 1923 in Fürth geboren – und musste Deutschland 1938 verlassen, um den antisemitischen Treibjagden der Nazis zu entgehen. Sein Kinderbild stammt aus dem Jahr 1931, wurde noch in Fürth gemacht; was in den 70 dazwischen liegenden Jahren geschehen ist, kann man in seinem Fall nachlesen. In vielen anderen nicht.

 

 

Denn Reiner Leist hat natürlich nicht nur Berühmtheiten getroffen, auf deren Spuren er sich bewusst begeben hatte. Er hat auch Menschen gefunden, von deren Existenz er bis dahin nichts wusste. So stieß er etwa in einem Photo-Archiv auf das Bild von Thomas D. Graham. Es stammt aus dem Jahr 1927 und zeigt den Jungen als „Little Lindbergh“: Er trägt darauf eine Kinder-Ausgabe der Uniform dieses legendären Flieger-Pioniers und hält ein Modellflugzeug ins Bild. Er begann zu recherchieren – und wurde fündig. 1999 hatte er die Gelegenheit, mit dem damals mehr als 80_jährigen übe den Einfluss der Fliegerei auf sein Leben zu sprechen.

 

Dieser gelungene Querschnitt durch die US-amerikanische Gesellschaft, durch die kulturelle Vielfalt der Menschen Amerikas ist äußerst sehenswert. Allerdings sollte man Zeit mitbringen, um sich auf diese Menschen und ihre Geschichte (und Geschichten) einzulassen. Doch die Zeitinvestition lohnt sich. Sämtliche Exponate mit längeren Texten sind auch im Begleitbuch (Sonderpreis: 25 Euro) zu finden.

 

Text: Erika Weisser / Fotos: © Reiner Leist/VG Bildkunst Bonn & Erika Weisser

 

 

 

 

 

American Portraits von Reiner Leist
Centre Culturel Français Freiburg, im Kornhaus, Münsterplatz 11, 79098 Freiburg
Dauer:
21. April bis 2. Juni 2017
Öffnungszeiten: Mo. bis Do.: 9 – 17.30 Uhr, Fr.: 9 – 14 Uhr, Sa.: 11 – 14 Uhr
www.ccf-fr.de
www.freiburger-filmforum.de