“Wir waren nur verhandelbare Masse.“ Das neue Buch des Freiburger Historikers Dirk Schindelbeck spricht nicht nur auf dem Deckel eine krasse Sprache. Schindelbeck, der im wichtigen Auftrag der Freiburger Waisenhausstiftung in den vergangenen zwei Jahren die Geschichte des Waisenhauses in Günterstal erforscht hat, versammelt Portraits und eigene Texte von einstigen Heimkindern auf knapp 400 Seiten. Mit Erika Weisser und Lars Bargmann sprach er über ein auch für ihn besonderes Projekt.

 

chilli: Es ist dem Mut von Stiftungsdirektor Lothar Böhler zu verdanken, dass Sie viel Licht in die teilweise dunkle Geschichte des Waisenhauses bringen konnten. Hatten Sie dabei völlig freie Hand?

 

Schindelbeck: Ich war ganz frei. Natürlich gab es Rückkopplungen mit Helmut Roemer, dem Projektleiter von der Stiftung. Wir haben die meisten Gespräche gemeinsam geführt, aber es gab nirgendwo eine Zensur, wenn Sie das meinen.

 

chilli: Waren Sie überrascht, dass dem Zeitzeugenaufruf so viele Menschen gefolgt sind?

 

Schindelbeck: Ja. Die vorhandenen Quellen waren wenig ergiebig. Wir waren sehr froh, dass 60 von den 90 Menschen, die sich gemeldet hatten, auch bereit waren, mit uns über ihre Zeit im von 1940 bis 1975 von Nonnen des Vinzentinerinnen-Ordens pädagogisch geleiteten Waisenhauses zu sprechen.

 

Schindelbeck

 

 

chilli: In Ihrem ersten Buch „Das wirst du nicht los, das verfolgt dich ein Leben lang!“ stand die Geschichte des Waisenhauses im Fokus, nun sind es die Heimkinder.

 

Schindelbeck: Ohne die Portraits wäre das Projekt nicht vollständig gewesen. Nach dem ersten Buch haben noch weitere 14 Menschen den Mut gefasst. Wir sind es diesen Menschen schuldig gewesen, die Portraits zu veröffentlichen.

 

chilli: Es haben sich dann vor allem Frauen gemeldet, die sich nicht getraut hatten.

 

Schindelbeck: Sie hatten vielleicht Angst, sich zu öffnen, weil doch oft sehr intime Dinge zur Sprache kamen. Vor allem die nicht erfolgte sexuelle Aufklärung vonseiten der Nonnen, die das nicht konnten oder wollten, war für sie ein großes Problem. Viele Gesprächspartner haben bei uns zum ersten Mal über ihre Heimzeit gesprochen, selbst ihren Ehepartnern hatten sie nichts erzählt.

 

chilli: Die Kinder wurden nicht nur nicht aufgeklärt, sondern wurden psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt. Einiges vom dem, was die Betroffenen erzählen, wäre heute strafrechtlich relevant.

 

Schindelbeck: In der Tat. Aber damals war das Unrechtsbewusstsein gar nicht da: Man hat halt Kinder gezüchtigt. Man kann aber nicht einfach von den „bösen Nonnen“ sprechen. Die waren selber völlig überfordert. Außerdem gab es mehrere Akteure: die Stiftungsverwaltung,  die Vinzentiner-Schwestern, auch das Jugendamt hat sich nicht mit Ruhm bekleckert.

 

chilli: Inwiefern?

 

Schindelbeck: Es hat versucht, in der Nachkriegszeit Kosten zu sparen, wo immer es ging. Wenn Bauern zum Waisenhaus kamen und nach kräftigen Jungen gefragt haben, hat man sich gefreut. Ein Esser weniger. Wie die Jungen behandelt wurden, dass ihnen in entscheidenden Lebensjahren jede schulische Ausbildung verwehrt war, das war uninteressant.

 

chilli: Es war der Übergriff einer Nonne, der in den 70er Jahren zu einer Anzeige führte.

 

Schindelbeck: Erst danach ist ein anderes Bewusstsein entstanden, es war klar, so etwas geht nicht mehr. 1975 sind die Nonnen abgezogen worden.

 

chilli: Wie viele Kinder mussten die überforderten Nonnen betreuen?

 

Schindelbeck: Zu Spitzenzeiten hatten sie 190 Kinder. Die meisten waren Sozialwaisen, deren Eltern sie dort für drei, vier Mark am Tag geparkt haben, weil sie genug mit selbst zu tun hatten, um nach dem Krieg wieder auf die Beine zu kommen. So hatte jede Nonne 15 bis 20 Kinder pro Kopf und das 24 Stunden am Tag. Als die Nonnen weggingen, musste die Stiftung pro Nonne drei Erzieher einstellen, wegen der Arbeitszeitvorschriften.

 

chilli: Die Nonnen waren überlastet.

 

Schindelbeck: Sicher. Vor lauter Stress platzte ihnen regelmäßig die Geduld. Die einzige Chance, zu überleben, war gnadenlose Disziplin. Der Druck, den sie permanent selbst spürten, kriegten natürlich diejenigen am meisten ab, die keinerlei Verwandte, Bekannte oder irgendwelche Leute hatten, die hinter ihnen standen.

 

chilli: Was Herr Lebioda eindrücklich geschildert hat.

 

Schindelbeck: Er ist einer von ihnen. Er kam mit zwei Jahren, musste sich anhören, wie die Nonnen seine Mutter als Hure diskreditierten, und blieb bis er fast 15 war. Es kam nie ein Geschenk, nie ein Paket, nie ein Brief. Gar nichts. Mit solchen Kindern konnten die Nonnen machen, was sie wollten. Das waren die Ärmsten der Armen. Als die Nonnen gingen, waren die meisten froh, aber der seelische Rucksack war noch voll.

 

chilli: Es hat damals kaum jemanden gegeben, den das Schicksal der Jugendlichen interessiert hat.

 

Schindelbeck: Bis Ulrike Meinhof 1966 einen Artikel über eine Flucht aus einem Mädchenheim geschrieben hat. Damit hat sie den bundesweiten Skandal der Heimerziehung überhaupt erst namentlich gemacht.

 

chilli: Haben die Zeitzeugen von Fluchtfantasien gesprochen?

 

Schindelbeck: Immer wieder. Es gab auch mal den Versuch eines Zwergenaufstands. Die haben nachts Graffitis ans Haus gepinselt, „Hier werden Kinder gequält“. Der Hausmeister hat es morgens in aller Frühe entfernt. Es gab mehrere Fälle von Abhauen, in kleinen Gruppen oder allein. Manche sind zu ihren Eltern oder Pflegeeltern getrampt, eine Gruppe Jungs ist für drei Tage auf den Schauinsland verschwunden, hat im Wald übernachtet – und kam dann völlig ausgehungert in Polizeibegleitung wieder zurück.

 

chilli: Was machen diese Menschen heute?

 

Schindelbeck: Sie bilden das volle Spektrum des normalen Lebens. Es gibt Drogenabhängige, Ärzte, Schriftsteller, Pater, Lehrer, alles eben.

 

chilli: Was ist der größte Wert Ihrer Arbeit?

 

Schindelbeck: Dass die Menschen aus ihrer Vereinzelung herausgekommen sind. Es gibt jetzt eine Ehemaligen-Kultur, regelmäßige Treffen, Austausch.

 

chilli: Wie war die Arbeit für Sie persönlich?

 

Schindelbeck: Es war nicht leicht, oft sehr bewegend. Bei der Verschriftlichung hat mich das sehr Emotionale oft wieder eingeholt, ich habe unterschätzt, was es bedeutet, diese Portraits zu schreiben.

 

chilli: Nicht alle beleuchten nur die dunklen Seiten.

 

Schindelbeck: Diejenigen, denen es dort gefallen hat, waren die, die zu Hause absolut desaströse Verhältnisse hatten, die ausgiebige Erfahrung mit häuslicher Gewalt hatten oder als Streuner in der Nachkriegszeit auf der Straße lebten. Die hatten hier zumindest ein Dach überm Kopf und ein Essen. Die haben die alltägliche Gewalt im Heim noch locker weggesteckt.

 

chilli: Wie sah die Gewalt aus?

 

Schindelbeck: Ohrfeigen, Schläge mit Stöcken und Besenstielen. Wenn die Kinder nicht aufgegessen haben, wurden sie in einer dunklen Kammer unterm Dach eingesperrt, und vor der Tür haben die Nonnen dann Psycho-Terror veranstaltet, an der Tür gekratzt, unheimliche Geschichten mit verstellter Stimme erzählt, das war schwarze Pädagogik. Uns wurde erzählt, dass die Kinder sogar Erbrochenes aufessen sollten.

 

chilli: Gibt es beim Orden heute ein Unrechtsbewusstsein?

 

Schindelbeck: Wir haben eine Schwester befragt, aber die hat nichts dazu gesagt.

 

chilli: Der Orden selbst hat gar nicht auf die Veröffentlichung reagiert, das Erzbischöfliche Ordinariat auch nicht?

 

Schindelbeck: Bis jetzt noch nicht. Das muss ich halt so zur Kenntnis nehmen.

 

chilli: Herr Schindelbeck, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

Cover_Dirk-Schindelbeck

 

Dirk Schindelbeck
„Wir waren nur verhandelbare Masse.“
400 Seiten,broschiert,
Waisenhausstiftung Freiburg, 2014
24 Euro