Theaterprojekte mit jungen Muslimen, Krebskranken oder Roma – Margarethe Mehring-Fuchs vom Freiburger Verein Element 3 liebt es, den Finger am Puls der Zeit zu haben und gesellschaftliche Tabuthemen künstlerisch aufzuarbeiten. Da war es zum allgegenwärtigen Schlankheitswahn kein weiter Weg: Am 5. Juli feiert „Bärensee“ auf der Hinterbühne des Großen Hauses im Freiburger Theater Premiere, „Ballett XS bis XXL“, so der aparte Untertitel. Die Assoziation zu Tschaikowskys Klassiker „Schwanensee“ liegt auf der Hand, doch statt vogelleichten Grazien stehen hier 24 Laien im Alter von 18 bis 72 Jahren auf der Bühne, viele davon übergewichtig. cultur.zeit-Autorin Marion Klötzer sprach mit Mehring-Fuchs, der Dramaturgin Ruth Feindel und Choreografin Teresa Rotemberg über dieses ungewöhnliche Tanzprojekt.

Die drei Damen vom Bärensee: Mehring-Fuchs, Rotemberg und Feindel (von links).


chilli: Ein Ballettabend mit voluminösen Tänzerinnen und Tänzern: Wie gewinnt man für solch eine Idee Mitmacher?
Mehring-Fuchs: Das war kein Problem. Teilweise haben wir die Leute gezielt angesprochen, viele Interessierte kamen über Aufrufe in Internet und Zeitungen. Natürlich ist das Thema heikel, niemand will vorgeführt werden. Deswegen hatte ich schon bei meiner Recherchearbeit im Vorfeld Interviews mit übergewichtigen Menschen geführt und ein Themenkonzept erstellt. Bärensee dreht sich um Normen, Ausgrenzung und Vorurteile, um Selbst- und Fremdwahrnehmung. Vor allem um dieses ungeschriebene Gesetz in den Köpfen: Schlank ist gleich erfolgreich und schön.
Feindel: Diese Stereotypen zu hinterfragen, dem Publikum ganz andere Perspektiven aufzeigen, das geht am besten über den Körper selbst. Deswegen ist dies ein Tanzprojekt und kein Sprechtheater.

chilli: Hört sich erst einmal nach Selbsterfahrungsgruppe an. Wie wird daraus eine bühnenreife Produktion?
Rotemberg: Mit einer klaren Struktur: Am Anfang stand die eigens für „Bärensee“ komponierte Musik von Ro Kuijpers, die vom Freiburger Orchester „Per Tutti“ unter der Leitung von Nikolaus Reinke live gespielt wird. Dazu haben wir ein sehr genaues Skript erarbeitet, die Choreografie entwickelt sich seit April aus Improvisationen bei den Proben. Die Begegnung von dicken und dünnen Körpern, von ganz verschiedenen Physiognomien auf der Bühne – das hat ungeheuer viel Spannungspotenzial. Und bringt jede Menge Überraschungen: Wie respektvoll und neugierig die Leute miteinander umgehen, wie viel Bewegungslust und Vitalität gerade die fülligen Tänzer zeigen, das beeindruckt uns schwer.
Mehring-Fuchs: Vor allem weil die Gruppe so heterogen ist: Nicht nur die ganze Bandbreite von Konfektionsgrößen, sondern auch drei Generationen, unterschiedliche Kulturen und Gesellschaftsschichten tanzen hier zusammen: Vom Neuropsychologen bis zur Spülkraft ist alles dabei. Und es wird viel gelacht!

Mal schlank, mal vollschlank: Nicht nur die Konfektionsgrößen sind unterschiedlich,
es sind auch drei Generationen auf der Bühne.



chilli: Also keine Betroffenheitskultur.
Feindel: Nein, überhaupt nicht. Der Spaß, den die Tänzer haben, springt auch über die Rampe. Dabei wird eine breite Facette von Qualitäten und Körpersprachen gezeigt, die in einer Art Märchen aufeinanderstoßen: Da ist die effiziente, kontrollierte Stadtwelt der Dünnen, in komplexe minimal music eingebettet. Ihr gegenüber steht die Seewelt: genussvoll, geschmeidig, erotisch, mit Rhythmen von Samba bis Tango. Die Musik ist sehr zeitgenössisch und polyphon – aber natürlich tauchen auch immer wieder Tschaikowsky-Zitate auf. Und Birgit Holzwarth hat für beide Welten tolle Kostüme und ein spannendes Bühnenbild gemacht. 

Fotos: Birgit Holzwarth / Marc Doradzillo