Fahrräder aus Bambus – hört sich nach einer netten Spielerei, aber nicht nach Hightech an. Wer das denkt, kennt die „Smart Grass Bicycles“ von Oswald Wieser noch nicht: Mit Carbon ausgekleidete Bambusrahmen. E-Bikes, bei denen der Akku im Pflanzenrohr verschwindet. Fahrräder, die durch einen Reifenwechsel zum E-Bike werden. Mit diesen Innovationen treten Wieser und sein Partner Fazlul Hoque nicht nur bei Wettbewerben an, sie sind auch für den German Design Award 2017 nominiert.

 

Zudem bieten die beiden seit Anfang des Jahres in Schallstadt Workshops zum Selberbauen an: An nur zwei Wochenenden entsteht hier ein maßgeschneiderter, nachhaltiger Rahmen. Und der Bambus dafür kommt nicht etwa aus Asien, sondern wächst direkt neben der Werkstatt.

 

Weinberge, Spargelfelder und mittendrin ein mehr als Fußballfeld großer Bambuswald. Seit 27 Jahren baut Uwe Geigele auf seinem Hof in Schallstadt-Mengen Bambus an. Mehr als 30 Sorten gedeihen hier, darunter auch der bläuliche Phyllostachys glanca. Man kann ihm nahezu beim Wachsen zusehen: Nach nur zwei Monaten sind die Bambusstangen sieben Meter hoch. Wieser muss sich dennoch rund drei Jahre gedulden – erst dann sind die Rohre auch stabil genug für seine Räder.

 

Kursteilnehmer Günther Hartmann (li.) und Martin Aurel (re.)

 

Eines davon baut an diesem Wochenende Günther Hartmann: ein Damenrad für seine Tochter. Es ist nicht sein erstes Bambus-Bike. Jahrelang hat der Rentner nach einem Fahrrad gesucht, „mit dem man auch nur ab und zu fahren kann, ohne dass einem alles weh tut“. Nun hat er sich selbst ein Rad zusammengeschraubt, das genau auf seine Körpergröße, Arm- und Beinlänge angepasst ist. 490 Euro netto kostet ihn der Rahmen, den er nach seinen Vorstellungen an zwei Wochenenden zusammenbaut. Wie teuer das fertige Rad wird, kann er dann selbst bestimmen, erklärt Wieser: „Man kann die Komponenten von einem gebrauchten Rad abschrauben, das einen 30 Euro kostet“, zeigt er die Spannbreite auf, „man kann sich aber auch eine Carbon-Felge für 3000 Euro kaufen.“

 

 

Seit drei Jahren bietet der Manager im Vorruhestand die Workshops zum Selberbauen an. Begonnen hat der Schwetzinger damit in Heidelberg – mit Bambus aus Asien oder Lateinamerika. Dann hört er auf der Fahrradmesse Eurobike vom Bambuswald bei Freiburg: Nur wenige Monate später steht die zweite Fahrradwerkstatt. Eine dritte soll im Herbst auf der Insel Mainau folgen, auch hier gibt es einen Bambuswald.

 


„Wir machen keine romantische Bambuspflege“
, betont Wieser, „sondern wollen Nachhaltigkeit und Hightech zusammenbringen.“ Wie das funktioniert, kann man im Workshop bereits erahnen: Der Computer errechnet die Geometrie, so dass jedes Rad perfekt auf den Fahrer angepasst ist. Nach dieser Vorgabe wird der Bambus zugesägt und verklebt. Da die Stangen zuvor abgeflammt wurden und nach dem Bau mit verdünntem Bootslack behandelt werden, trotzen die Öko-Bikes Wind und Wetter. Wer will, kann sein Rad anschließend mit einem Elektroantrieb ausrüsten oder mit dem Smartphone verbinden. Das dient dann etwa als Tacho oder ortet das Fahrrad nach einem Diebstahl.

 

Oswald Wieser mit fertigem Bambus-Bike.

 

Solche Innovationen sind Wiesers Leidenschaft. „Wir könnten dreimal so viele Workshops anbieten“, sagt der 63-Jährige. Doch im Sommer schließen die Werkstätten ihre Türen, dann tüfteln die Fahrradprofis selbst – an neuen Prototypen. Die kann man in Einzelfällen auch bestellen, „aber wir sind da nicht scharf drauf“, sagt Wieser: „Wir wollen keine Produktionsstätte aufbauen, sondern Innovationen vorantreiben.“

 

Text: Tanja Bruckert, Bilder: tbr & Smart Grass Bicycles