Die Kehrseite des Erfolgs der Boomtown: Jahrelang hatte die Bürgermeisterriege im Freiburger Rathaus daran festgehalten, dass die für den Wohnbau reservierten Flächen in Freiburg ausreichen würden, um auch in einer wachsenden Stadt Reserven vorhalten zu können. Das ist spätestens seit dem vergangenen Jahr als Fehleinschätzung demaskiert. Freiburg wächst noch länger und noch stärker, als frühere Prognosen es für möglich gehalten hatten. Weil es allein mit der Bebauung von Baulücken nicht getan ist, hat der Gemeinderat den Grundsatzbeschluss für den – nach dem Rieselfeld und Vauban – dritten neuen Stadtteil in den vergangenen 20 Jahren gefasst.

Bauland: Zwischen dem Rieselfeld (links) und dem Zubringer Mitte könnte bald der neue Stadtteil Dietenbach entstehen. Zuvor aber müssen auch hier raumgreifende Probleme gelöst werden: Womöglich durch Zwangsenteignungen.

 

Es geht ins Grüne: Entweder auf die 163 Hektar oder 232 Fußballfelder große Fläche zwischen St. Georgen-West und Mooswald oder auf die 126 Hektar (180 Rasenrechtecke) zwischen dem Rieselfeld und Lehen, wo der jüngste Spross unter den Stadtteilen Dietenbach heißen würde. Das ist die von Salomon präferierte Fläche. Der unabhängige Gutachterausschuss der Stadt hat jetzt den Bodenwert festgesetzt: 15 Euro pro Quadratmeter. Das ist der Preis, zu dem das Rathaus via selbsterteiltem Vorkaufsrecht den Eigentümern das Land abkaufen oder notfalls per Enteignung abnehmen will. Was so manchen Grundbesitzer vielleicht nur ärgert, ist vor allem für die Bauern, die das Land gepachtet haben, eine Katastrophe. Sie sprechen von „Zwangsenteignung“, von „Betriebsaufgabe“ und vom „Zubetonieren von Grünland“.

Auf den Feldern und Wiesen im Gebiet um den Dietenbach ist es idyllisch. Die Sonne scheint, der Frühling bricht sich seine Bahn. Bis auf einen Radfahrer, der am Wegesrand gerade eine Rast eingelegt hat, ist niemand zu sehen. Die Natur sprießt, irgendwo bellt ein Hund, und weit hinten hört man das Rauschen des Autobahnzubringers. Kaum vorstellbar, dass hier in nicht allzu ferner Zukunft fünfstöckige Gebäude mit 5000 neuen Wohnungen ein Spalier für Straßenbahnen und Tausende von Menschen bilden sollen.

Ein paar Tage zuvor im Rathaus: Draußen ist es trüb und grau, drinnen eröffnet Oberbürgermeister Dieter Salomon eine Pressekonferenz so: „Das, was wir vorschlagen, wird nicht auf allgemeine Zustimmung stoßen – vor allem nicht bei den Eigentümern.“ Die Rede ist von einem Zwangsverkauf, der entweder 490 Eigentümern von 596 Grundstücken in St. Georgen oder 390 von 591 Flächen in den Dietenbachniederungen ins Haus steht. „Notfalls müssen wir im Interesse der Allgemeinheit die Eigentümer enteignen“, fährt Salomon fort und beteuert: „Es fällt uns nicht leicht, so etwas umzusetzen, rechtlich lässt sich das aber machen.“

Ihm, Finanzbürgermeister Otto Neideck und Baubürgermeister Martin Haag merkt man an: Das, was hier passiert, geht an Grenzen. „Wir brauchen dringend bezahlbaren Wohnraum“, versucht Neideck Verständnis zu wecken, „und wir sind zwingend darauf angewiesen, in den Besitz der Flächen zu kommen.“ In beiden Gebieten gehören rund 20 Prozent der Fläche der Stadt, im Dietenbach hat das Land ebenfalls noch ein knappes Fünftel. Bebaut werden soll hüben wie drüben etwa die Hälfte der Gesamtfläche.

Erneuter Ortswechsel. In St. Georgen sitzt Ottmar Kiefer vor dem Hofladen seines Bio-Landbetriebs. Er ist einer von drei Vollerwerbslandwirten, die auf den Äckern und Wiesen der beiden Stadtteile in spe für ihren Lebensunterhalt sorgen. Der 47-Jährige bewirtschaftet auf den beiden Flächen insgesamt 40 Hektar. 3 davon gehören ihm selbst, der Rest ist gepachtet. „Flächen in Freiburg sind knapp“, sagt er nachdenklich, „da muss heute jeder Betrieb einen Weg finden, wie er zurechtkommt.“

Noch gut gelaunt : Ulrike und Ottmar Kiefer mit Tochter Juliane vorm Hofladen.

 

Kiefers Weg hat sich vor einigen Jahren schon einmal wegen einer Grundstückssache geändert. Damals wurde das neue Mischgebiet an den St. Georgener Gottmersmatten ausgewiesen. Er verkaufte an einen Bauträger – freiwillig. „Wir haben unsere Kühe reduziert und uns betrieblich angepasst, das monatliche Milchgeld ist seitdem allerdings weg“, erzählt er. Vor zwei Jahren habe er dann bei der Stadt angerufen und gefragt, ob er auf seiner Fläche in St. Georgen-West einen neuen Hühnerstall errichten kann. Die Antwort war positiv. „Darauf habe ich mich eingestellt – jetzt will ich auch bei der Prüfung der Gebiete berücksichtigt werden. Ich bin nicht bereit, den Plan von meinem Hühnerhof aufzugeben“, gibt er sich kämpferisch. Ihn ärgert vor allem die Kommunikation im Rathaus: „Von Stadtseite kommt die Info nur über die Zeitung, mit uns hat bis jetzt niemand gesprochen, da wurde über unsere Köpfe hinweg entschieden.“

Aus der Zeitung hat er auch erfahren, dass er sein Land für 15 Euro pro Quadratmeter abgeben muss. „Von den 15 Euro muss ich noch 40 Prozent an den Staat abgeben“, rechnet er verärgert vor, „da bleiben 9 Euro – das ist ein Witz, der Preis ist nicht akzeptabel.“

Zudem würden die Flächen, die der Landwirt gepachtet hat, ersatzlos verschwinden: „Da gehen Einnahmen verloren, die man nicht wettmachen kann.“ Seine Frau Ulrike bringt die Gefühlslage der Bauern auf den Punkt: „Wir wollen einfach nicht wie der Dorfdepp abgespeist werden.“

Ähnlich sieht das auch Manfred Vögele, der genau wie Kiefer sein Geld als Vollerwerbslandwirt auf den ebenfalls von einer Wohnnutzung bedrohten Flächen in St. Georgen macht. Er bewirtschaftet 25 Hektar, zudem hat er zur Jahrtausendwende seinen Hof neu aufgebaut. Diese Fläche würde im Fall eines Zwangsverkaufs zwar gesondert bewertet werden, allerdings glaubt Vögele nicht, dass er mit dem Ergebnis zufrieden wäre: „Wir haben damals mehrere 100.000 Euro investiert – mit den unverschämten Zahlen der Stadt kann man das sicher nicht aufwiegen. Was hier passiert, ist Zwangsenteignung zum Hungerlohn.“ Vögele glaubt auch nicht daran, dass es der Stadt gelingt, Ersatzflächen für betroffene Landwirte zu besorgen.

„Man kann versuchen, Ausweichflächen zu finden – in oder außerhalb von Freiburg“, hatte Salomon gesagt. Die Formulierung verrät keinen großen Optimismus. „Dazu müsste die Stadt ja auf anderer Gemarkung wildern, was wieder auf Kosten anderer Landwirte gehen würde“, will sich Vögele mit solchen Halbversprechen gar nicht erst anfreunden. Für ihn widerspricht die Aktion dem Bild, welches Freiburg von sich gerne nach außen transportiert: „Aus einer so genannten Green City werden die letzten ökologischen Betriebe verdrängt, da wird hochwertigstes Dauergrünland ausradiert und zubetoniert. Und das soll grüne Politik sein?

Noch Idylle: Auf den Äckern in den Dietenbachniederungen könnten bald Menschen leben.

 

Zurück ins Rathaus, wo Baubürgermeister Haag erklärt: „Wir wollen ein offenes und transparentes Verfahren. Aber wir brauchen das Wohngebiet und das heißt, dass da hinterher keine Landwirtschaft mehr sein kann.“

Für Klaus Schitterer, den dritten im Bunde der Vollerwerbslandwirte, sind diese Aussagen fragwürdig. Er bewirtschaftet knapp 53 Hektar, ein Drittel davon in Dietenbach, zwei Drittel in St. Georgen, 90 Prozent sind gepachtet. „Wenn die Landwirtschaft hier verschwindet, fallen große Mengen an regionalem Gemüse und Getreide weg“, warnt er, „dann wird halt in Zukunft verschimmelter Mais aus dem Ausland importiert.“ Von der von Haag angesprochenen Transparenz habe er bislang nichts mitbekommen: „Wir sind erst angeschrieben worden, als schon alles in den Medien war – von Miteinander kann da doch keine Rede sein.“ Auch für ihn wäre eine Bebauung der Flächen existenzgefährdend: „Ich habe mein Leben lang dafür gearbeitet, diesen Betrieb hier aufzubauen, eine Ausgleichsfläche ist doch nirgends vorhanden.“ Dem schließt sich Vögele an: „Für uns drei Vollerwerbsbetriebe heißt ein neuer Stadtteil das komplette Aus. Ich habe nichts anderes gelernt als Landwirt und würde wohl auf der Straße stehen.“

Für den 18. Juni hat die Stadtverwaltung die Pächter und Eigentümer zu einer Info-Veranstaltung (18 bis 21 Uhr) an der Messe eingeladen. Auch die drei Landwirte werden kommen. „Da müssen wir einfach noch einmal über den Bebauungsplan schwätzen“, findet Schitterer, dem es noch zu früh ist, weitere Schritte einzuleiten. „Klagen würden wir wohl erst im Fall einer Enteignung“, sagt er.

Über dem Dietenbach geht derweil die Sonne wieder unter – für den kommenden Tag ist wieder ein Temperatursturz angesagt. Es steht zu befürchten, dass es auch auf anderer Ebene frostig wird, wenn es demnächst um die Äcker von Freiburg geht.

Text: Felix Holm & Lars Bargmann, Mitarbeit: Felix Gieger
Fotos: Neithard Schleier, Felix Holm