Es kann kein Zufall gewesen sein: 1954 trugen die letzten Kumpel den Freiburger Bergbau zu Grabe und schütteten die verbliebenen Eingänge in den Schauinsland zu. Im selben Jahr wurde der Mann geboren, der das Bergwerk bis heute am Leben gehalten hat. Berthold Steiber ist der Retter einer Kulturstätte, die für ihre Besucher im ersten Moment des Betretens wenig kultiviert wirken mag: Feucht, dunkel, eng und einsam ist’s dort unten. Der gebürtige Freiburger hat fast sein gesamtes Leben dem Wiederaufbau der ehemaligen Mine gewidmet, mit deren Ertrag einst das Wahrzeichen der Stadt, der Bau des Freiburger Münsters, finanziert wurde. Ende Mai ist der fast 60-Jährige dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

Berthold Steiber und sein Stollen im Schauinsland

 

Sandsäcke, Schienen, Rohre und Kabel, Leitern, Bagger, Bohrer und sonstige Bergwerksapparaturen, in den Fels gehauene Schränke, die als Sprengstofflager dienen, eine Werkstatt zur Wartung der Geräte, ja sogar eine gekachelte Toilette und eine Einbauküche – wer in die Tiefen des Schauinslands hinabsteigt, wird Augenzeuge des Lebenswerkes von Berthold Steiber.

Trifft man den Mann draußen im Sonnenlicht, mag seine Erscheinung den einen oder anderen zunächst irritieren: Da steht ein eigentlich kräftiger, fitter Mann, Typ Naturbursche mit einer Hautfarbe wie ein zerbrechlicher Archivar oder ein verkopfter Bücherwurm. „Sinn“ macht die Erscheinung Steiber erst, wenn der Mann sich einen Helm schnappt, den Bergmann-Overall anzieht und mit einer Grubenlampe am Kopf durch den Eingang seines Besucherbergwerkes in den Schauinsland eintaucht. So wie er es Zeit seines Lebens gemacht hat.

Sein Werk auf die Dinge zu beschränken, die im Berg zu sehen sind, wäre allerdings eine ziemliche Untertreibung. Denn auch das, was heute nicht in den finsteren Gängen zu sehen ist, ist dem gelernten Juwelier zu verdanken. „Als wir hier das erste Mal runterkamen, gab es keinen Hohlraum, wir mussten alles ausgraben und den Abraum mit Eimern nach oben transportieren“, erinnert sich der 1,85 Meter große und 90 Kilo schwere Mann an jahrelanges Buckeln mit der Schaufel. Kilometerweise Gänge haben er und sein etwa zehnköpfiges Team – inzwischen als „Forschergruppe Steiber“ bekannt – in den vergangenen 38 Jahren freigelegt, freigegraben, ja teilweise sogar freigesprengt.

„Zehntausende von Tonnen“ Schutt seien das gewesen. Rund 250.000 Arbeitsstunden sind summa summarum draufgegangen. Und alles nur zum Spaß. „Wenn man’s anders umrechnet, sind hier etwa zwei Menschenleben verwerkelt worden“, erklärt Steiber mit einem Tonfall, wie wenn ein Kind stolz über sein Modellbauprojekt erzählt.

Fortbewegungsmittel im Stollen.

 

Beobachtet man den Forscher in seinem Element, lässt sich diese Freude an der Sache auch an seiner Körpersprache ablesen: Wie elektrisiert steigt er die Schächte über die robusten Leitern hinab in die Dunkelheit, zwängt sich durch die engen und über 500 Jahre alten Tunnel, während er unaufhörlich über den Schauinsland und seine Geschichte referiert. „Am Anfang war’s einfach Neugier, Wunderfitz“, legt Steiber seine Motivation dar, Mitte der 70er Jahre gemeinsam mit ein paar Bekannten und Freunden in den Berg vorzudringen.

In einem Buch hat der damals 20-Jährige das erste Mal über das Tunnelsystem im Freiburger Hausberg erfahren. „Das kann doch gar nicht sein“, dachte sich der junge Mann, „ich meinte den Schauinsland zu kennen, aber mir war in meiner Schulzeit nie etwas über das Bergwerk bekannt geworden.“ Die Entdeckerlust des waschechten Bobbeles, der seine Heimatstadt in seinem Leben nur für zwei kurze Abschnitte verlassen hat, war geweckt. „In der heutigen Zeit, in der Abenteuer fast nur noch im Fernsehsessel stattfinden, haben solche realen Abenteuer einen umso höheren Reiz“, begründet er, warum es ihn seither Woche für Woche in den Berg gezogen hat. „In unserem doch sehr stark reglementierten Leben sind solche Freiräume rar geworden.“

Dabei hatten Steiber und seine Freunde auch Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein: „Wir wissen, dass wir in unseren Anfängen noch die Gunst der Stunde hatten. Wollten wir heute, 2014, mit dem Projekt noch einmal anfangen, hätte ich größte Zweifel, ob das noch möglich wäre.“ Dinge wie eine Umweltverträglichkeitsprüfung wurden damals eben noch nicht verlangt. „Das würde bereits unsere Möglichkeiten übersteigen“, sagt der Mann, der nach eigenen Angaben seit Beginn des Projekts etwa eine Million Euro „im Berg verbuddelt“ hat.

Steiber hatte 1975 von seinem ersten verdienten Geld einen eigenen Betrieb gegründet: Das Unternehmen „Steiber Messtechnik“ stieß mit seinen elektronisch verfeinerten Messgeräten in eine Marktlücke und warf genug ab, das etwas eigenwillige Hobby des Chefs zu finanzieren. Zudem konnte der sich in den kommenden Jahren auch mehr und mehr im Betrieb rar machen – und so längere Zeiträume unter Tage verbringen.

Die etwas andere Ferienwohnung unter der Erde.

 

Mit der „Ferienwohnung“, einer großen Einbauküche mit Sitzecke in der 19. Etage – also zwei Stockwerke unter dem Einstieg, der sich fast am Gipfel befindet –, hat sich Steiber sogar ein Refugium geschaffen, in dem er schon mehrfach genächtigt hat. „Bei mir zu Hause werde ich morgens von der Straßenbahn geweckt. Wenn das eines Tages hier unten passieren sollte, dann suche ich mir sofort ein anderes Bergwerk“, witzelt er, während er in seinem Rückzugsort das Licht anknipst. Seine Lieblingsstelle im Berg liegt aber noch einmal fast 200 Meter tiefer: der legendäre Hebammenstollen auf Etage 15.

Der ursprünglich zwei Kilometer lange Verbindungsstollen, der vom Kappler Tal nach Hofsgrund führte, wurde einst von den Hebammen gerne als Abkürzung verwendet, wenn’s mal wieder schnell gehen musste. „Dort unten ist die Oberfläche in jede Richtung rund einen Kilometer entfernt“, schwärmt Steiber über die längste Fußgängerunterführung, die Freiburg je besessen hat, „man kann sich dort sehr auf sich selbst besinnen.“

Mühsam angelegte Toiletten in der untersten Etage.

 

Den gut einstündigen Abstieg muss der eigentliche Herr des Berges sich allerdings jedes Mal von der Stadt genehmigen lassen. Überhaupt hatten er und sein Team es nicht immer leicht mit der Politik. Als 1996 etwa das Museum seine Pforten öffnete, verlangten die Beamten eine Toilette – in der untersten Etage, in die geführt werden soll. „Das Problem war nicht das Klo“, erinnert sich Steiber, „das Problem war, dass ein Kanal nach Übertage geführt werden musste.“ Auf einen Abwasserkanal hatten die Behörden ebenfalls bestanden, eine viel einfacher einzurichtende Chemietoilette kam nicht in Frage. Also sprengte sich die Forschergruppe zwei Jahre lang gut 150 Meter durch den Berg, bis man schließlich auf einen alten Ablauf stieß, der für diese Zwecke genutzt werden konnte.

Dass die Rathausspitze stolz auf den Forscher ist, zeigte sie jüngst, als Staatsministerin Silke Krebs ihm das Bundesverdienstkreuz verlieh: Dafür wurde die Gerichtslaube hergerichtet.

„Vielleicht sind wir in Zukunft auch politisch etwas besser angebunden“, verknüpft Steiber mit der Auszeichnung auch Hoffnungen. Der Mann und sein Bergwerk hatten es aus verschiedenen Gründen in der Vergangenheit nicht immer leicht. Auch weil man vonseiten der Kommune stets befürchtete, dass der von vielen wegen seiner unterirdischen Freizeitgestaltung durchaus auch mal als „verrückt“ bezeichnete Juwelier eines Tages finanzielle Unterstützung fordere.

Genau genommen war das Gegenteil der Fall: Mit seinem Museum hat er einiges für den Freiburger Tourismus getan. Zudem zahlt er nach wie vor eine monatliche Pacht für die Stollen. „Ich bin zuversichtlich, dass wir in Zukunft besser eingebunden sind“, will Steiber sich darüber aber nicht ärgern. Er ist auch nicht der Typ für Rechtsstreits oder andere profane – man möchte sagen: überirdische – Problemchen. Der Unverheiratete hat sein Glück im Leben gefunden: tief im Inneren des Berges.

Text & Fotos: Felix Holm