Der 1980 in Halberstadt geborene Autor André Biakowski machte sich auf die Spuren deutsch-polnischer Geschichte, betreute ein Jahr lang Überlebende des Holocaust in Polen und lernte so die polnische Sprache. Aus Notizen und Begegnungen mit den letzten Zeitzeugen, entstand nun sein Debütwerk Obiad – Mehr als nur Mittagessen. Am 4. April liest Biakowski in der Freiburger Buchhandlung Klingberg. chilli-Autor Ingo Heckwolf hat sich mit ihm unterhalten.

chilli: 2009 haben Sie nach Studienabschluss und Ausbildung zum Werbekaufmann ihre Wohnung aufgelöst und sich ins polnische Lodz aufgemacht. Hatte dieser Schritt für Sie schriftstellerische Beweggründe?
Biakowski: Nein, absolut nicht. Zum damaligen Zeitpunkt  wusste ich nicht, dass ich mal ein Buch schreiben würde. Ich bin in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Für mich als Kind war unser Nachbar Russland. Polen kannte ich bis zur Schulzeit nicht und was ich dann im Geschichtsunterricht lernte, vermittelte mir auch kein greifbares Bild. Ich gönnte mir nach einigen beruflichen Stationen eine Auszeit um dieses Land zu entdecken und verliebte mich in die Menschen. So entstand mein Buch Obiad.

chilli: Was bedeutet Obiad?
Biakowski: Auf Polnisch Mittagessen. Ich brachte es jeden Tag den Menschen und sagte es, ohne das Wort anfänglich zu kennen in die Klingelanlagen. Ich erhielt so vorbehaltslosen Eintritt in die privaten Geschichten vieler. Daher der Titel.

Biakowski. Foto: Stephan Bosch

Biakowski. Foto: Stephan Bosch

 

chilli: Sie haben schon einige Lesungen in Deutschland, Österreich und Frankreich gehalten, wie empfanden Sie die Reaktionen auf Ihre Arbeit – bezüglich der Aufarbeitung zwischen den Generationen?
Biakowski: Ich bin immer wieder sehr positiv überrascht, wie offen viele Besucher meiner Lesungen von ihren eigenen, privaten Bezügen zur Geschichte des Holocaust sprechen. Über das Gesagte ihrer Eltern oder Großeltern nachdenken. Das Thema, unsere Vergangenheit, ist nicht obsolet, sondern muss als Prophylaxe für die Zukunft in unseren Köpfen wach bleiben, auch wenn es ein schmerzhaftes Thema für beide Seiten ist.

chilli: Mitte April wird Ihr zweites Buch mit dem Titel „Randnotizen – Es ist nie, wie man denkt“ erscheinen. Darin wollen Sie Ihre Leser ohne Wertungen in die Lebensrealitäten eines Obdachlosen, eines Priesters, eines Pfandsammlers und eines jungen Prostituierten entführen. Es geht Ihnen darum, Vorurteile zu hinterfragen. Waren nicht dazu schon Vorurteile nötig?
Biakowski: Sicher, da gebe ich Ihnen absolut Recht und gerade meine Vorurteile machten das Schreiben sehr schwer. Ich wollte genau hinsehen, mit den Protagonisten sprechen und dazu gehörte auch die stille Selbstanklage. Beim Schreiben habe ich sehr viel über meine Art zu urteilen gelernt. Ich bin kein besserer Mensch geworden, doch achtsamer.

chilli: Werden sie bei Ihrer Lesung schon etwas aus diesem neuen Buch preisgeben?
Biakowski: Ich werde aus beiden Büchern lesen. Auch wenn mein neues Buch erst Mitte April erscheinen wird, ist es der Schwerpunkt meiner Lesung. Ich freue mich sehr, zum ersten Mal daraus vor Publikum zu lesen.

chilli: Sie sind Wahl-Stuttgarter, was verbinden Sie mit Freiburg?
Biakowski: Ich kenne Freiburg als Universitätsstadt. Ich spekuliere natürlich auf gutes Wetter und würde zu einer guten Tasse Kaffee nicht nein sagen. Und vielleicht entsteht ja in Freiburg die Idee zu einem neuen Buch.

Text: Ingo Heckwolf / Foto: Stephan Bosch

Buchhandlung Klingberg | Hildastr. 2a | 20 Uhr | Eintritt 7 Euro.