Dem Freiburger Herbert Blumer (Name von der Redaktion geändert) war klar, dass bei ihm etwas nicht stimmte, als er nach dem Urlaub ins Büro fuhr: Nicht erholt, sondern angespannt, gestresst und mit regelrechter Angst vor der Arbeit. Seine Diagnose: Eine mittelgradige depressive Episode mit schwerem körperlichem und geistigem Erschöpfungszustand – kurz: Burnout. So wie Blumer geht es vielen Freiburgern, denn laut Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) ist Freiburg neben Städten wie München und Mannheim eine der Depressions- und Burnout-Hauptstädte Deutschlands.


Unter 413 untersuchten Städten liegt Freiburg weit vorne auf Rang 18: Bei 13,7 Prozent der Einwohner – das sind knapp 30.000 – diagnostizierten Ärzte schon einmal eine Depression. In Baden-Württemberg erfüllen etwa eine Million Menschen die Kriterien – Tendenz steigend. Diese Erfahrung teilen auch die Krankenkassen: So stieg die Zahl der AOK-Versicherten, die sich wegen Depressionen ambulant behandeln ließen, von 2008 bis 2011 um 16 Prozent, bei den stationären Aufenthalten sogar um 23 Prozent.

Es liegt nahe, dass dieser Anstieg auch auf die wachsende Zahl von Burnout-Patienten zurückzuführen ist. Wie stark, ist aus einem einfachen Grund nicht zu sagen: Burnout ist keine offizielle Krankheit, sondern laut Weltgesundheitsorganisation ein Problem bei der Lebensbewältigung (siehe Infobox). Da es die Diagnose Burnout nicht gibt, attestieren die Ärzte eine Depression.

Bei Blumer, Project Manager bei Fujitsu Technology Solutions, fing alles damit an, dass er morgens wie gerädert aufwachte, sich nicht mehr konzentrieren konnte, bei Meetings wegdöste, vergesslich und gereizt wurde. Später kamen depressive Elemente wie Hoffnungslosigkeit und eine totale Erschöpfung dazu, bis hin zu Selbstmordgedanken. „Kleine Tagesordnungspunkte wurden plötzlich zu unüberwindbaren Problemen“, erzählt Blumer.

Doch was macht die wärmste Stadt Deutschlands, die Stadt mit den sanft dahin plätschernden Bächle und den gemütlichen Biergärten zur Depressions-Hauptstadt? Sandra Mangiapane, Projektleiterin des Versorgungsatlas: „Depressionen können aus Einsamkeit wie aus Überlastung entstehen. Ein hoher Teil an gering qualifizierten Beschäftigten, viele ältere Menschen, die in Singlehaushalten leben, eine geringe Erwerbsquote unter Frauen – all das sind Faktoren.“


Sie hat aber auch noch eine andere Erklärung: „Wo mehr Psychotherapeuten und Psychiater niedergelassen sind, ist die Sensibilisierung höher, so dass die Diagnose öfter gestellt wird.“ Und tatsächlich: 118 Therapeuten pro 100.000 Einwohner – in Deutschland hat nur Heidelberg eine höhere Therapeutendichte. Doch selbst die reichen nicht. Betroffene warten in Baden-Württemberg rund drei Monate auf ein Erstgespräch, auf einen Psychotherapieplatz sogar fünf. Blumers Suche nach einem Therapeuten dauerte sechs Wochen, er hatte 40 angerufen: „Beim einen gab es innerhalb der nächsten beiden Jahre keinen einzigen Termin, beim nächsten nur für ein Erstgespräch, aber nicht für eine Behandlung.“ In die Reha kam er fünfeinhalb Monate nach der Erstdiagnose. Für Fujitsu bedeutete das den Arbeitsausfall eines gutbezahlten Mitarbeiters für siebeneinhalb Monate. So merkt mittlerweile auch die Wirtschaft, dass überlastete Arbeitnehmer sie bares Geld kosten: Blumer hält jetzt bei Betriebsratssitzungen Vorträge über Burnout und ist in einer Arbeitsgruppe, die Präventionsmaßnahmen entwickelt.

Text: Tanja Bruckert / Fotos: iStock

Info
Burnout ist nach dem Deutschen Ärzteblatt ein Zustand der totalen Erschöpfung, der aus einer andauernden Arbeitsüber-forderung entsteht. Erst wenn Stress nicht absehbar zeitlich begrenzt ist und sich auch nach einer Erholungspause nicht abbaut, sprechen Mediziner von Burnout. Verbindliche Diagnosekriterien gibt es jedoch nicht.