Die Bundesregierung will, dass Krankenkassen ab 2016 Schwerkranken die Kosten für Cannabis erstatten. Freiburger Forscher und Patienten sind geteilter Meinung. Für manche ist es ein Segen, für andere eine Gefahr.

 

Kiffen

Umstritten: Die Wirkung von Cannabis hat viele Facetten.

 

Karl F. (Name geändert) sitzt im Rollstuhl in seiner kleinen Freiburger Sozialwohnung. Blauer Pulli, Jogginghose, Wollsocken. Mit kräftiger Stimme erzählt der 43-Jährige seine Lebensgeschichte: Er hatte schon als Jugendlicher Schmerzen in Armen und Beinen. Seit zwölf Jahren weiß er, wie seine seltene Krankheit heißt: Tomakulöse Neuropathie. „Die Nerven in meinen Armen und Beinen degenerieren, ich habe sehr starke Schmerzen.“ Alle gängigen Mittel und Methoden habe er probiert. Mit maximaler Dosis. Gereicht hat es nicht. Dann habe ihm sein Arzt geraten, zu kiffen. Das tut er bis heute. Es hilft ihm – vor allem, um zu schlafen.

 

F. könnte nach eigenen Angaben eine Ausnahmegenehmigung bekommen, um sich Cannabis aus der Apotheke zu holen. Den Stoff müsste er jedoch selbst bezahlen. Für ihn unmöglich. In der Apotheke kostet das Gramm laut Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände 15 bis 18 Euro. Also geht F. zum Dealer. Dort zahlt er nur sieben bis acht Euro pro Gramm. „Eine permanente Kriminalisierung“, sagt F. Er habe keine Wahl.

 

Gegen den Schmerz: Karl F. aus Freiburg kifft, um schlafen zu können. In seiner Wohnung liegen Cannabis, Feuerzeug und Vaporizer griffbereit. Damit wird der Stoff rauchfrei verdampft.

Vaporizer: Mithilfe dieser Maschine konsumiert Karl F. Cannabis.

 

Der Freiburger ist kein Einzelfall. Im vergangenen Sommer genehmigte das Verwaltungsgericht Köln drei chronisch Kranken den Eigenanbau von Cannabis. Sie hatten eine Ausnahmegenehmigung vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) für den Erwerb in der Apotheke. Das konnten sie sich aber nicht leisten. Seit Februar dürfen Patienten, denen Cannabis hilft, nun hoffen: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), kündigte an, ein Gesetz auf den Weg zu bringen. Es soll Kranken ab kommendem Jahr ermöglichen, die Kosten für Apotheken-Cannabis erstattet zu bekommen.

 

In Freiburg wird dieses Vorhaben aufmerksam verfolgt. Zwei Experten der Universitätsklinik erforschen seit Jahren die medizinische Wirkung von Cannabis: der Pharmakologe Bela Szabo und der Biologe Bernd Fiebich, der das Neurochemische Labor an der Psychiatrischen Universitätsklinik leitet. Fiebich untersucht die entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung der Pflanze. Dabei konzentriert er sich auf Industriehanf, der nahezu THC-frei ist. „Da können Sie einen halben Acker von rauchen, sie spüren nichts“, sagt Fiebich.

 

Das Ergebnis seiner Forschung ist für ihn eindeutig: „Viele Inhaltsstoffe sind entzündungshemmend.“ Die Nebenwirkungen von Industriehanf seien zwar noch nicht getestet. Er geht aber davon aus, dass sie gering sind. Einfach zugelassen werden kann ein Medikament aus Indudstriehanf nicht. Denn dieser fällt wie die THC-haltige Version unter das Betäubungsmittelgesetz. Fiebich findet das problematisch.

 

Das geplante Gesetz begrüßt Fiebich. Cannabis sei zwar aufgrund der Nebenwirkungen die letzte Therapiemöglichkeit. Es gebe aber genügend Menschen, denen gängige Schmerzmittel nicht helfen. Denen könne Cannabis das Leben leichter machen. Derzeit gibt es in Deutschland laut einer Liste des BfArM 382 Patienten, die Cannabis legal als Schmerzmittel bekommen. 62 davon sind aus Baden-Württemberg. Fiebich rechnet damit, dass es bundesweit 10.000 werden könnten, tritt das geplante Gesetz in Kraft.

 

Experte: Bernd Fiebich von der Uniklinik Freiburg erforscht die Heilwirkung von Cannabis.

Experte: Bernd Fiebich erforscht die positiven Seiten der Pflanze.

 

Der Cannabisforscher Szabo findet, dass Fiebich und weitere Forscher zu viel Euphorie verbreiten. „Es ist grundsätzlich schwierig, aus Cannabinoiden gute Medikamente zu produzieren“, betont der 57-jährige Mediziner. Cannabis dockt im Körper an zwei Rezeptoren an: CB1 und CB2. Der CB1-Rezeptor sei im Nervensystem jedoch so stark verbreitet, dass es unmöglich sei, selektiv darauf einzuwirken: „Nebenwirkungen treten zwingend auf.” Der CB2-Rezeptor sitze vor allem im Immunsystem. Es sei bisher nicht gelungen, auf CB2-Rezeptoren wirkende Medikamente zu entwickeln. Professor Szabo warnt vor Nebenwirkungen wie Angst, Misstrauen, Halluzinationen und Verfolgungswahn. „Wer überdosiert, kann mit diesen Symptomen in der Psychiatrie landen.“

 

Szabo sagt aber auch: Cannabinoide wirken am ehesten bei neuropathischen Schmerzen, das heißt, wenn der Schmerz vom Nerv ausgeht. Wenn andere Medikamente nicht greifen, sieht auch Szabo eine Cannabistherapie als Option. Klinische Studien, die die positive Wirkung von Cannabis belegen, seien jedoch rar. Ein einziges Fertig-Arzneimittel ist hierzulande zugelassen: Das Spray Sativex kann gegen Spastik bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) eingesetzt werden. Auch Dronabinol kann verabreicht werden, der „schmerzdämpfende und krampflösende reine Hauptwirkstoff der Cannabispflanze“, wie der deutsche Hersteller THC Pharm schreibt. Die zwei Mittel sind für Szabo „keine Meilensteine“.

 

Es gibt viele Awendungsgebiete: Cannabis hilft gegen Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapien, gegen Appetitlosigkeit und Abmagerung bei Aids, bei chronischen, insbesondere neuropathischen Schmerzen sowie Spastik bei MS und Querschnittserkrankungen, so die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoidmedikamente. Zudem könne Cannabis bei Epilepsie, Juckreiz, Depressionen und Tourette-Syndrom helfen.

 

Hanfpflanze in einem Hanffeld

Des einen Feind, des andren Freund: eine Hanfpflanze auf einem Feld

 

Um diese Anwendungsgebiete weiß auch Kristin Kieselbach, Leiterin des Interdisziplinären Schmerzzentrums der Universitätsklinik Freiburg. Patienten fragen sie regelmäßig, ob Cannabis eine Therapiemöglichkeit wäre. In ganz wenigen Fällen hat sie es bereits verordnet. „Wir müssen da sehr aufpassen“, sagt Kieselbach. Eindrücklich warnt sie vor Nebenwirkungen und überhöhten Hoffnungen. Die Studienlage sei nicht ausreichend. „Wer glaubt, endlich kommen Medikamente ohne Nebenwirkungen, erliegt einem Trugschluss.“ Zudem sei ein Medikament nur ein kleiner Mosaikstein auf dem komplizierten Weg der Behandlung von Schmerzpatienten.

 

Für die Warnung vor Nebenwirkungen hat Ingrid Daum nur wenig Verständnis. Die Kommissarische Leiterin einer Freiburger Selbsthilfegruppe für MS-Patienten (Amsel) sagt: „Alles was wirkt, hat Nebenwirkungen.“ Die 62-jährige Rollstuhlfahrerin hat selbst MS, konsumiert aber kein Cannabis. Sie kennt jedoch einige Patienten, die damit gute Erfahrungen machen. „Was heilt und hilft, ist recht“, so ihre Meinung. Es sei wichtig, Kranken das Leben so einfach wie möglich zu machen, anstatt sie in den Dunstkreis der Kriminalität zu zwingen. Karl F. ist einer, dem es so geht. Er ist dreifach gestraft: Zu seiner Krankheit kommt die illegale Besorgung und die finanzielle Belastung. Von den 200 Euro, die ihm im Monat zur Verfügung stehen, gibt er die Hälfte für Cannabis aus. Das Lachen hat er dennoch nicht verlernt. „Ich bin der glücklichste Mensch der Welt“, sagt K. Jeder Rückschlag mache ihn ein bisschen stärker.

 

Kommentar – Der letzte Strohhalm

Von Till Neumann

 

chilli-Redakteur Till Neumann

Till Neumann

Kiffen ist gefährlich, keine Frage. Gerade für Jugendliche. Kiffen lindert aber auch Schmerzen und regt den Appetit an. So manch Schwerkrankem macht Cannabis das Leben leichter. So auch Karl F. aus Freiburg. Menschen wie er sind körperlich stark eingeschränkt, können keiner regulären Arbeit nachgehen. Hunderte Euro pro Monat für ein „Medikament“? Fehlanzeige. Gezwungenermaßen gehen sie zum Dealer um die Ecke. Da gibt’s den Stoff viel günstiger. Kriminell, weil krank? Doppelt gestraft. Ein Unding.

 

Gut, dass die Bundesregierung nun handelt. Der Schritt ist überfällig – und risikofrei. Betroffen sind schließlich einzig Schwerkranke, denen ein Arzt nach sorgfältiger Prüfung Cannabis verschreibt. Mit einer Legalisierung hat das so wenig zu tun wie Gras mit Wiese. Apropos saftiges Grün: Das wird bei Leidenden meist zu fahlem Grau – der Alltag ist qualvoll. Ihnen diesen mit derartigen Hürden weiter zu erschweren, ist inakzeptabel. Zumal der Schwarzmarkt ein weiteres Risiko bietet: Keiner prüft, was dort verkauft wird. Verunreinigter Stoff ist gefährlich. Für Kranke wie für Gesunde.

 

Ist das Leiden im Grenzbereich, werden Nebenwirkungen zur Nebensache. Patienten wie Karl F. haben jahrelang alle möglichen Behandlungen probiert. In ihrer Verzweiflung klammern sie sich an jeden Strohhalm – in manchen Fällen auch an einen Joint. Wem tut es weh, wenn Kranke kiffen? Den Betroffenen hilft es. Das sagen auch Ärzte und Forscher. Gut, dass die Politik endlich handelt.

 

Text: Till Neumann / Fotos: fotolia.com, tln