Es ist kurz vor neun Uhr, als Ernst L. in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wird. Obwohl der 73-Jährige bereits seit einem Jahr in Untersuchungshaft sitzt, ist er braun gebrannt: Das Leben in Malaga hat seine Spuren hinterlassen. Als die Staatsanwältin die Anklage verliest, lauscht L. mit geschlossenen Augen. Erst eine Dreiviertelstunde später sind alle 281 Fälle aufgezählt, in denen der Sohn eines Schwarzwälder Landarztes seit Juni 2006 Menschen aus ganz Deutschland und auch Freiburger mal um ein paar hundert, mal um über tausend Euro betrogen hat. Insgesamt 340.000 ergaunerte Euro sind in dieser Zeit auf seine spanischen Konten geflossen – während die Polizei versucht hat herauszufinden, wer sich hinter seinen Pseudonymen versteckt.

 

Mit Hilfe von Serien-E-Mails und über mehrere Internetseiten hatte der Angeklagte zins- und tilgungsfreie Darlehen angeboten. Sein Versprechen: Wer bei ihm über eine Club-Mitgliedschaft Aktienoptionen erwirbt, dem winkt nicht nur eine Rendite, sondern auch ein Darlehen in Höhe von 10.000 bis 50.000 Euro – auch mit negativem Schufa-Eintrag.

 

Was zu schön klingt, um wahr zu sein, war Kapitalanlagebetrug in großem Stil mit vollkommen wertlosen Beteiligungen. Als L. 2009 angezeigt wird, liegt den Beamten nur sein Pseudonym vor. Zwei Jahre lang ermitteln sie, wer sich hinter seinen verschiedenen Aliasnamen und Briefkastenanschriften verborgen hält. Erst im März 2012 haben die Kriminalpolizisten durch seine Kontoauszüge und die Überwachung seiner E-Mails gegen den Mann genug für einen Haftbefehl in der Hand.

 

Danach stellt sich schnell heraus, dass der ehemalige Lehrer bei der Polizei kein Unbekannter ist: Schon 1998 wird gegen L. wegen Anlagebetrugs ermittelt, er flüchtet nach Spanien und hinterlässt einen Fünf-Millionen-Mark-Schaden. Seine Adresse in Spanien ist nicht bekannt. Der 73-Jährige wird erst im vergangenen Jahr bei einem Besuch seines Bruders in Freiburg festgenommen und sofort in Untersuchungshaft gebracht – eine erneute Flucht will niemand riskieren.

 

Der Fall von 1998 ist mittlerweile verjährt, so dass an diesem sonnigen Morgen im Freiburger Landgericht lediglich der erneute Betrug verhandelt wird. Die lange Dauer der U-Haft, das fortgeschrittene Alter des Angeklagten und die Naivität der Anleger stehen dabei dem Umfang und der beträchtlichen Schadenshöhe des Betrugs gegenüber.

 

Letztlich verurteilt Richter Wolfgang Schmidt-Weihrich, nachdem er sich mit der Staatsanwältin und dem Verteidiger geeinigt hatte, L. zu zweieinhalb Jahren Knast – ohne Bewährung. Eine geringe Strafe, bedenkt man, dass der gesetzliche Rahmen bei gewerbsmäßigem Betrug zwischen sechs Monaten und zehn Jahren liegt. Und so hat L. auch schon Pläne für die Zeit nach dem Gefängnis: Er möchte ein Buch über sein Leben schreiben. Schade nur, dass der Titel „Catch Me If You Can“ bereits vergeben ist…

 

Text: Tanja Bruckert