Geld ist das vorherrschende Kriterium in der Musikindustrie. Ob Musik als gut oder schlecht bewertet wird, hängt oft unmittelbar mit den Verkaufszahlen zusammen. Demnach müsste es einem Großteil der Jazzmusiker schlechtgehen, noch immer gilt der Jazz als Nischenmusik, richtig reich kann man damit nicht werden. Cécile Verny zählt zu Europas besten Jazzsängerinnen, sie lebt für und von ihrer Musik. Die wahren Werte liegen für die 43-Jährige aber abseits materieller Pfade. chilli-Autor Kai Hockenjos hat sich mit ihr darüber unterhalten.

chilli: Madame Verny, lassen Sie uns über Geld reden!
Cécile Verny: Sehr gerne!

chilli: Sie haben kürzlich mit dem Reinhold-Schneider-Preis die wichtigste Kultur-Auszeichnung der Stadt Freiburg verliehen bekommen. Haben Sie schon eine Idee, was Sie mit dem Preisgeld anstellen? Frauen haben angeblich einen Schuhtick …
Verny (lacht): Schuhtick würde ich es nicht nennen. Aber jede Saison gibt es immer wieder neue Modelle, Farben und Absätze, die frau nicht besitzt, und da schleicht sich schon so ein komisches Gefühl ein, als müsste man sofort zugreifen! Ernsthaft, die Bandmitglieder denken auch, dass ich das Gesicht und Aushängeschild des Quartetts verkörpere, aber die Idee, die 3000 Euro Preisgeld in Schuhe umzusetzen, fanden die leider nicht so gut. Wir werden also das Geld direkt diesen Herbst in die nächste Studioproduktion investieren.

chilli: Sie sind eine international geschätzte Künstlerin und können von Ihrer Musik leben – fühlen Sie sich privilegiert?
Verny: Auf jeden Fall. Ich bin dafür auch dankbar. Es ist ein großes Glück, von dem leben zu können, was man am liebsten macht.

Cécile Verny: „Es ist ein großes Glück, von dem leben zu können, was man am liebsten macht.“


chilli: Welche Rolle spielt Geld in Ihrem Leben? In Ihrem aktuellen Song („Money“) setzten Sie sich zeitkritisch mit dem Thema auseinander …
Verny: Der Text ist nicht von mir, er stammt vom Songwriter John Sahutske. Geld ermöglicht viel, macht das Leben einfacher in mancher Hinsicht. Aber, es ist nicht das Zentrum meines Lebens. Wichtiger ist innere Ausgeglichenheit! Bis diese erreicht ist, das kann ein ganzes Leben dauern. Dafür kann man sie aber auch ohne Geld erreichen.

chilli: Geld kosten dafür Dinge, die Spaß machen, aber oft unnötig sind – welche Überflüssigkeit haben Sie sich zuletzt gegönnt?
Verny: Ich bin mit dem Zug nach Stuttgart gefahren und habe die Slow-Food-Messe besucht. Bewusst ganz alleine. Ich habe mehr Geld für Kräuter, Öle, Salze, besondere Marmelade und eine gusseiserne Pfanne ausgegeben als unbedingt nötig. Kleiner Luxus eben.

chilli: Was ist Ihnen wichtig, wo sitzt bei Ihnen der Geldbeutel locker?
Verny: Ich nähe sehr gerne, kaufe also viel zu oft Stoffe oder Kleidungsstücke. Geld gebe ich auch bereitwillig für gutes Essen aus. Meine Familie und ich lieben Fernreisen, das belastet den Haushalt auch in jedem Jahr. Es macht mir zudem große Freude, Freunde und Familie mit kleinen Aufmerksamkeiten zu verwöhnen.

chilli: In Europa droht die Finanzkrise zu eskalieren. Macht Ihnen das Sorgen?
Verny: Ja, unbedingt! Wir müssen unsere Welt als Ganzes sehen. Global. Und nicht nur an Europa denken. Die Welt hat einen Wendepunkt erreicht. Was früher galt, kann nicht weiter bestehen, und wir sollten, nein, wir müssen alle umdenken. Es ist wohl so, dass sich immer noch Menschen an der Krise bereichern – das ist für mich unerträglich.

chilli: Warum?
Verny: Hinter jeder Entscheidung, eine Firma zu schließen, Menschen zu entlassen oder mit Aktien zu spekulieren, steht ein Mensch, der diese Entscheidung bewusst trifft. Ich finde es traurig und frage mich oft, in was für einer Welt unsere Nachkommen sich zurechtfinden müssen.

chilli: Haben Sie einen Wunsch, der mit Geld nicht aufzuwiegen ist?
Verny: In allen Gesellschaften der Welt gibt es Werte, die ähnlich sind: Respektvoller Umgang, Höflichkeit, Achtung – eigentlich einfache Handgriffe, die das Leben in der Gemeinschaft aber liebenswerter machen. Ich wünsche mir selbst, diese Werte noch stärker zu achten und vorzuleben, damit der Effekt um sich greift.

Zur Person:
Cécile Verny, 43, geboren und aufgewachsen in Abidjan (Elfenbeinküste), zählt seit mehr als 20 Jahren zu den verlässlichen Größen der europäischen Jazzszene. Mit ihrem Jazz-Quartett spielt sie rund 100 Konzerte im Jahr und erntet internationalen Applaus. Neben dem „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“ (2006) wurde der Formation kürzlich die wichtigste Kultur-Auszeichnung der Stadt Freiburg (Reinhold-Schneider-Preis) verliehen. Cécile Verny ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Umkirch.

Fotos: Pixelio / Oliver Look