Er ist 74 Jahre und kein bisschen müde: Es gibt wenige Politiker, denen man mit so viel Hochachtung den Beinamen „Urgestein“ verleihen kann wie Franz Müntefering. Der ehemalige Vizekanzler (2005 bis 2007), Bundesminister auf verschiedenen Posten und Bundestags- und Bundesvorsitzender der SPD ist auch nach seinem Rückzug aus dem politischen Tagesgeschäft noch unterwegs, um seiner Meinung Gehör zu verschaffen. Anfang November gastierte er für einen Vortrag zum Thema „Menschen und Werte“ im Haus der Katholischen Akademie an der Wintererstraße in Freiburg. Im Vorfeld hat er chilli-Redakteur Felix Holm im Interview vor Augen geführt, warum er sich als Mann der klaren Worte und Meister des Drei-Wort-Satzes („Opposition ist Mist.“) einen Namen gemacht hat.

Franz Müntefering: Man kann nicht ein Problem mit dem anderen lösen.

 

chilli: Herr Müntefering, wie sehr vermissen Sie eigentlich
das politische Tagesgeschäft?
Müntefering: Die „Marktgespräche“ sind weniger, aber ich bleibe in Bewegung und halte das so noch 20 Jahre lang gut aus.

chilli: Werden Sie von politischen Entscheidungsträgern noch um Rat gefragt?
Müntefering: Selten. Aber das habe ich damals auch nicht anders gehalten. Ist in Ordnung so.

chilli: Haben Sie eigentlich je mit dem Gedanken gespielt, eines Tages Politik eine Ebene tiefer zu machen? Etwa als Bürgermeister in einer mittelgroßen Stadt wie Freiburg zu arbeiten?
Müntefering: OB wäre ich gerne gewesen, ja. Das ist aber keine „Ebene tiefer“. Kommunalpolitik ist die tragende Säule der Demokratie, nicht ihr Kellergeschoss.

chilli: Zur internationalen Politik: Wenn Sie die europäische Flüchtlingspolitik verbessern müssten, wo würden
Sie ansetzen?
Müntefering: Im eigenen Land. Bis 2050 sind wir in Deutschland circa zehn Millionen Menschen weniger. Auf der Welt gibt es bis dahin etwa 2500 Millionen mehr. Beides gibt Probleme. Für mich ist das eine Frage der simplen Solidarität. Man kann nicht ein Problem mit dem anderen lösen, richtig, aber entschärfen schon. Zumindest etwas. Nur Mut!

chilli: Sie gelten als Meister der Drei-Wort-Sätze. Geben Sie uns eine Kostprobe? Was sagen Sie kurz und knapp zu folgenden Themen:
Die Maut.
Müntefering: Der Fehler ist gemacht.

Kommunalpolitik ist nicht das Kellergeschoss der Demokratie.

 

chilli: 6,3 Prozent Arbeitslosigkeit in Deutschland.
Müntefering: Keiner von der Schule in die Arbeitslosigkeit, keiner!

chilli: Bahnstreik.
Müntefering: Weselsky-Ismus (Claus Weselsky ist Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, d. Red.).

chilli: Atomkraft.
Müntefering: Auslaufmodell.

chilli: Heuschrecken.
Müntefering: Knusprig, gegrillt, knackig.

chilli: Abschlussfrage: Wann verlegt der Freiburger Herder-Verlag Ihr nächstes Buch?
Müntefering: Ich komme nicht zum Schreiben. Wegen Interviews und so.*

chilli: Dann wollen wir Sie nicht länger stören – vielen Dank für das Interview!

*Weil der Grandseigneur der Sozialdemokratie so wenig Lust oder Zeit oder beides auf persönliche Interviews hat, führte er mit Holm einen Schriftwechsel – per Fax und Schreibmaschine.

Fotos: ns