Die beiden großen Freiburger Baugenossenschaften, der Bauverein Breisgau und die Familienheim Freiburg, blicken auf ein erfolgreiches Jahr 2011 (siehe Infoboxen) zurück. Gemeinsam haben sie knapp 7500 Wohnungen im Großraum Freiburg und haben im vergangenen Jahr mehr als 17 Millionen Euro in die energetische Sanierung ihres Bestandes gesteckt. Die chilli-Redakteure Felix Holm und Lars Bargmann baten Bauvereinsgeschäftsführer Reinhard Disch und Familienheim-Chef Werner Eickhoff zum chilli-Redaktionsgespräch.

chilli: Wird es eigentlich nicht langsam langweilig, Jahr für Jahr gute Bilanzen zu präsentieren?
Eickhoff: Nein. Wir freuen uns darüber. Der Auftrag einer Genossenschaft ist, für die Mitglieder tätig zu sein – das können wir nur mit guten Bilanzen, jedoch ohne Gewinnmaximierung.
Disch: Aus rein wirtschaftlicher Sicht finde ich gar nicht, dass unsere Bilanzen so toll sind. Aber wir haben das Ziel, preiswerten Wohnraum zu bieten, nicht den Gewinn zu maximieren. Insofern ist es immer ein Spagat, ein ordentliches Ergebnis zu bringen, aber auch die Vorteile genossenschaftlichen Wohnens. Das ist das Spannende und deshalb wird uns nie langweilig.

Einer mit Akte, einer mit Schlips: Werner Eickhoff (l.) und Reinhard Disch verzichten auf bessere Bilanzen, weil sie preiswerten Wohnraum anbieten.



chilli: Die Bilanzen wären besser, wenn Sie mehr Miete nehmen würden.
Disch: Richtig. Aber auch so haben wir jetzt wieder einen Überschuss von zwei Millionen Euro und schütten vier Prozent Dividende an unsere Mitglieder aus.
Eickhoff: Wir betreiben zwar keine Gewinnmaximierung, müssen aber wirtschaftlich gesund sein, um uns den Aufgaben stellen zu können.

chilli: Wann würde der Spagat aus der Balance geraten?
Disch: Wenn wir unsere Sanierungsaufgaben nicht mehr aus dem operativen Geschäft heraus finanzieren könnten. Wenn wir Rücklagen angreifen müssen, die wir zweifelsohne haben, bekommen wir Druck.

chilli: Sie wären heute sicher aus der Balance, wenn Sie nicht schon früh angefangen hätten, alte Häuser energetisch zu sanieren.
Eickhoff: Ein klares Ja. Wir haben schon Anfang der 90er damit angefangen, sonst hätten wir heute sicher nicht fast 75 Prozent unseres Bestandes saniert. Wir haben im vergangenen Jahr knapp vier, der Bauverein sogar fünf Prozent des Bestandes saniert. Der Bundesdurchschnitt liegt bei rund einem Prozent. Um die Klimaziele zu erreichen, müsste die Quote eher in unserem Bereich liegen.
Disch: Wir verwalten ja auch für andere 3500 Eigentumswohnungen. Die tun sich mit der Entscheidung, Geld in die energetische Sanierung zu stecken, meist schwerer …
Eickhoff: … und wir beide geben den Mietern wesentlich weniger Kosten für die Sanierung weiter als wir gesetzlich dürften.


chilli: Was sagen Sie zu der Forderung, einen einem neuen Stadtteil im nördlichen Rieselfeld zu bauen?
Disch: Das sehen wir wohl beide positiv. Es wird aber Jahre dauern, bis das kommt, das löst also die aktuelle angespannte Wohnungssituation nicht.

chilli: Können die Gutleutmatten, das neue Baugebiet in Haslach mit bis zu 700 Wohnungen, helfen?
Eickhoff: Das glaube ich schon, das müsste jetzt aber auch zügig auf den Markt kommen.

chilli: Haben Sie die Hand da schon gehoben?
Eickhoff: Wir waren bei den ersten Gesprächen dabei und haben Interesse sig-nalisiert.
Disch: Wir auch. Wenn da genossenschaftlich gebaut werden soll, müssen aber auch wirtschaftliche Preise für uns gemacht werden …

chilli: … was wären das für Preise, 450 Euro pro Quadratmeter?
Disch: So in etwa. Wir sind froh, dass Baubürgermeister Martin Haag da auch Genossenschaften sehen möchte und hoffen auf einen Preis, der die genossenschaftlichen Leistungen berücksichtigt. So steht es auch in einem Antrag von Fraktionen im Rathaus. Im Umland sind solche Verfahren übrigens ganz normal.

chilli: Bauen die Genossenschaften angesichts der massiven Wohnungsnot nicht zu wenig?
Eickhoff: Wir bauen gegenüber vom Wiehrebahnhof gerade 54 Wohnungen. In der Buchenstraße haben wir gerade 50 neue Wohnungen bezogen. Mehr kann man von uns wohl derzeit nicht erwarten.
Disch: Wir haben in diesem Jahr den Baubeginn für 130 Wohnungen, allerdings alle außerhalb Freiburgs. Im kommenden Jahr entstehen im Carl-Sieder-Weg noch 50 neue.


chilli: Was haben Sie noch in Reserve?
Eickhoff: Ein Grundstück am Seepark, ein größeres in Lehen und eines am Rennweg.
Disch: Neben dem Carl-Sieder-Weg noch das Uni-Carré bei der Klinik. Das sind 10.000 Quadratmeter mit großem Potenzial in der Lage.

chilli: Worin unterscheiden sich Bauverein und Familienheim?
Eickhoff: Es gibt keinen großen Unterschied, wir haben beide einen Förderauftrag zu erfüllen. Wir haben beide eine erfolgreiche Spareinrichtung und unterm Strich dieselben Ziele …

chilli: … allerdings machen Sie anders als der Bauverein keine Bauträgergeschäfte.
Disch: Das unterscheidet uns. Zweitens, dass wir neben eigenen noch Wohnungen verwalten und drittens auch viel im Umland bauen. Das sind historisch gewachsene Unterschiede.

chilli: 2012 wurde von der UNO zum internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen. Das Geschäftsmodell ist modern, wohin entwickelt es sich?
Eickhoff: Das Modell ist moderner denn je. Wir bieten unseren Mitgliedern attraktive Wohnungen zu fairen Preisen. Dieses Modell wird immer modern bleiben.
Disch: Das Faszinierende an einer Genossenschaft im Vergleich zu einer Aktien- oder anderen Gesellschaft ist, dass bei uns der demokratisch definierte Nutzen für die Gemeinschaft und nicht der Gewinn im Vordergrund steht. Das ist in der heutigen Gesellschaft die ideale Unternehmensform.
Eickhoff: Die Mitglieder sind Eigentümer, Kunden und Kapitalgeber zugleich, eine ideale Kombination. Wir arbeiten wirtschaftlich, nachhaltig, sozialverträglich und garantieren Stabilität und Sicherheit.

Infos:

Familienheim Freiburg – Bilanz 2011 (2010)
Bilanzsumme: 131,5 Mio. Euro (+11,4)
Investitionen: 15,5 Mio. (+7,2)
Überschuss: 1,5 Mio. Euro (-1,7)
Wohnungen: 2611 (-39)
Mitglieder: 5919 (+346)
Verhältnis Mitglieder/Wohnung: 2,27
Warteliste: 400 (300)

Bauverein Breisgau – Bilanz 2011 (2010)
Bilanzsumme: 219,9 Mio. Euro (+12,8)
Investitionen: 21,4 Mio. (-0,9)
Überschuss: 2,4 Mio. Euro (+0,2)
Wohnungen: 4899 (+2)
Mitglieder: 16603 (+673)
Verhältnis Mitglieder/Wohnung: 3,33
Warteliste: 1200 (1000)

Fotos: Felix Holm