Das Bauen ist in Freiburg eines der zentralen, wenn nicht das zentrale politische Thema. Über dieses sprach chilli-Chefredakteur Lars Bargmann jetzt mit Christof Burger, Vizepräsident der Handwerkskammer Freiburg (HWK) und Bauunternehmer, Bernhard Sänger, Präsident des Vereins Bauwirtschaft Baden-Württemberg, und dem Kreishandwerksmeister Johannes Ullrich.

 

chilli: Herr Burger, Herr Sänger, Herr Ullrich, Sie kommen gerade aus einem Termin mit dem Baubürgermeister Martin Haag. Worum ging es?

 

Sänger: Es ging vor allem um den Bau des neuen Technischen Rathauses. Es war Wunsch der Kammer zu klären, wie hier die Vergabe der Aufträge geplant ist. Es war ein sehr fruchtbares Gespräch. Wir können unseren Betrieben jetzt sagen, wie es abläuft.

 

Ullrich: Die Kommunikation mit der Stadt ist uns sehr wichtig. Die Mittelstandsförderung des regionalen Handwerks steht im Vordergrund. Es war ja nicht immer so, dass die öffentliche Hand von sich aus bekannt hat, dass sie auf eine GU-Ausschreibung (Vergabe an einen Generalunternehmer, der dann die einzelnen Gewerke vergibt, Anm. d. Red.) verzichtet. Im Gegenteil war es so, dass es einen Run auf GUs gab. Wenn aber ein GU das bekommt, dann schert sich der möglicherweise oder sogar wahrscheinlich nicht ums regionale Handwerk.

 

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chilli: Zudem wird’s mit GU teurer, da der ja auch Geld für seine Koordination und die Gewährleistungsabwicklung bekommt.

 

Sänger: Und das können schon mal 18 Prozent sein.

 

Burger: Eine Studie des Bundesrechnungshofs sagt für öffentliche Ausschreibungen, dass die gewerkeweise Vergabe günstiger ist. Und der Baubürgermeister geht zudem davon aus, dass er ohne GU auch schneller bauen kann.

 

chilli: Gibt es eigentlich Erkenntnisse darüber, wie viel Prozent der öffentlichen Aufträge von Stadt und Land in Freiburg ans regionale Handwerk gehen?

 

Martin Düpper (HWK-Sprecher): Nach Angaben der Stadt Freiburg liegt der Anteil der in der Region verbleibenden Bauaufträge seit 2009, da wurde es erstmals ausgewertet, konstant zwischen 83 und 86 Prozent.

 

Burger: Für uns ist wichtig, dass die öffentlichen Auftraggeber sich an die Mittelstandsschutzklausel halten. Wenn das vereinbart wird, dann haben unsere Betriebe eine reelle Chance, die Aufträge zu bekommen. Dann kommen weniger Firmen zum Zuge, die einfach Sub- und Subsubunternehmer holen. Und wer die Stammpersonalklausel berücksichtigen muss, der kommt nicht aus Norddeutschland nach Freiburg…

 

Sänger: … ein gutes Stichwort: Die Straßenbahn-Linie von der Johanneskirche nach Günterstal hatte einst ein Bremer Unternehmer gebaut. Damals herrschte eine Preistreiberei ohne Ende. Ich meine, es müsste zu der Mittelstands- und Stammpersonalklausel auch noch eine Öko-Klausel her, die berücksichtigt, welche Mehremissionen bei auswärtigen Auftragnehmern anfallen. Die Schweizer haben solche Klauseln in ihren Vergabeverordnungen.

 

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chilli: Hat sich fürs Handwerk durch die Wiedereinsetzung eines eigenständigen Baudezernenten in Freiburg überhaupt etwas geändert?

 

Ullrich: Natürlich wirkt sich das sehr positiv aus, jetzt gibt es endlich wieder einen Ansprechpartner.

 

chilli: Zuvor nicht?

 

Ullrich: Zuvor wussten viele nicht, an wen sie sich mit welchen Anliegen wenden müssen. Man merkt, dass unter Haag viele Aufgaben in Angriff genommen werden, die jahrelang brach lagen.

 

chilli: Die Verantwortlichen im Rathaus haben spät erkannt, dass ohne einen neuen Stadtteil die soziale Balance in Freiburg wegen der steigenden Kauf- und Mietpreise von Wohnraum gefährdet ist.

 

Sänger: Norbert Schröder-Klings (von 2007 bis 2011 als Chef des Referats für Bauen und Stadtentwicklung der heimliche Baubürgermeister Freiburg, d. Red.) war überzeugt, dass er die benötigen Flächen allein mit der Innenentwicklung schafft. Er hat sehr viele Bebauungspläne gemacht, aber da waren die einfachen, Haag hat jetzt nur noch die schweren.

 

chilli: Schröder-Klings hat das Brielmann-Gelände gemacht, St. Urban, das Quartier Unterlinden…

 

Burger: 2007 oder 2008 hat er aber auf einer Podiumsdiskussion der HWK gesagt, wir brauchen in Freiburg keine Neubauten mehr. Wir setzen auf die energetische Sanierung. Das hat mich  überrascht, das war der Irrtum, da sind falsche Weichen gestellt worden.

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chilli: Es ist aufgrund vor allem statistischer Fehleinschätzung in Freiburg viele Jahre zu wenig Wohnungsbau gemacht worden. Wie stark hat das Handwerk darunter gelitten?

 

Ullrich: In erster Linie sind die Leidtragenden der Fehleinschätzung die, die bezahlbaren Wohnraum brauchen.

 

Sänger: Das Handwerk hat nicht besonders gelitten. Wir hatten das Glück, dass die Konjunkturprogramme in der Krise gegriffen haben und die Leute lieber in Immobilien statt in Aktien investieren. Jetzt greifen immer mehr der demografische Wandel und die energetische Sanierung, ich mache mir um die Zukunft meiner Branche keine Sorgen.

 

Burger: Ich muss da ein bisschen Essig in den Wein schütten. Wir haben im Moment zwar eine ausgezeichnete Konjunktur im Bauhauptgewerbe. Aber wir hatten einen sehr langen und harten Winter und die Betriebe konnten eigentlich erst ab Mai arbeiten. Die holen das vom Umsatz her nicht mehr auf. Das ist also keine Hochkonjunktur, sondern eine Sonderkonjunktur.

 

Sänger: Im Moment sind die Auftragsbestände höher als im vergangenen Jahr.

 

Ullrich: In erster Linie sind die Leidtragenden der Fehleinschätzung die, die bezahlbaren Wohnraum brauchen.

 

chilli: Viele Bauträger stöhnen, dass sie keine Handwerker bekommen und wenn dann nur zu deutlich höheren Preisen als noch vor zwei Jahren. Gibt es zu wenig Handwerksbetriebe in der Region?

 

Sänger: Wenn die Leute behaupten, die Handwerker verdienen sich in diesen Tagen eine goldene Nase, dann ist das Käse. Man muss sehen, dass wir Lohn- und Materialpreissteigerungen hatten. Bitumenpreise etwa sind derzeit so teuer wie seit zehn Jahren nicht.

 

Ullrich: Und wenn wir vom Dämmen sprechen, dann ist auch Styropor hochgeschossen.

 

Burger: Wir haben aktuell Preissteigerungen von etwa drei Prozent pro Jahr. Wenn die Stadt heute also eine Kostenschätzung fürs neue Rathaus macht, dann müssten diese drei Prozent eigentlich schon heute einkalkuliert werden. Das macht man nicht, weil der Gemeinderat dann heute schon über das Haus von morgen positiv entscheiden müsste. Die Kostenschätzung hinkt den realen Preisen regelmäßig hinterher.

 

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chilli: Was wir gerade mit der Rottecklinie erlebt haben, die 43 Prozent oder fast 17 Millionen Euro teurer wird als geplant. Auch das Rathaus wird also teurer werden als heute erklärt wird?

 

Burger: Nein. Das haben wir nicht gesagt.

 

chilli: Anders herum, wäre es vielleicht möglich, dass zum Ansatz heute mindestens fünf Prozent dazukommen, weil die Arbeiten ja erst in zwei Jahren in Angriff genommen werden?

 

Burger: Man muss davon ausgehen, dass nach der Ausschreibung die Preise andere sind als heute.

 

chilli: Was erhofft sich das regionale Handwerk von den Gutleutmatten? In guter Lage sollen hier 500 Wohnungen gebaut werden, ein Vermarktungskonzept schreibt gewissen Flächen für den sozialen Wohnungsbau, die Freiburger Stadtbau, Baugruppen und die Genossenschaften vor.

 

Ullrich: Mit den Genossenschaften und der Stadtbau haben wir drei große Auftraggeber, die sehr eng mit dem Handwerk verbunden sind. Von denen erhofft sich das regionale Handwerk natürlich einen Impuls. Bei anderen Bauträgern ist das anders. Peter Unmüssig hat bei den Westarkaden zum Beispiel einen Maler aus Hamburg engagiert.

 

chilli: Was sagen Sie zu den stets sehr ambitionierten Energiestandards, nach denen in Freiburg gebaut werden muss?

 

Burger: Fragwürdig ist ja generell, das wir rechnerisch ermitteln, wann ein Haus energetisch saniert ist und wann nicht. Das Nutzerverhalten spielt da keine Rolle. Das ist ein sehr bedauerlicher Fehler. Seit 2000 kommt nahezu alle zwei Jahre eine neue ENEV (Energieeinsparverordnung, d. Red.). Alle zwei Jahre denken die Politiker wieder, sie müssten die Vorgaben verschärfen. Wir haben vor neun Jahren zwölf Reihenhäuser fertiggestellt, die nach der neuen ENEV jetzt sanierungsbedürftig sind. So was würde ich als kalte Enteignung bezeichnen. Planungssicherheit für Bauherren sieht jedenfalls anders aus.

 

chilli: Groß in Mode sind Passivhäuser. Wird da nicht die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Am Ende entscheidet der Bewohner durch sein Verhalten den Wärmeverbrauch und nicht die schönen Zahlen in der Betriebsanleitung.

 

Ullrich: Sicher. Aber häufig holt man sich durch eine undurchdachte energetische Sanierung den Schimmel ins Haus. Dann kommt auch der Handwerker zweimal: erst dämmen sie die Fassade und ein paar Jahre später machen sie den Schimmel weg. Wenn ich ein altes Gebäude aus den 50er Jahren habe, dann macht das Dämmen Sinn. Vieles schießt in dem Bereich aber übers Ziel hinaus.

 

Sänger: Verlässlichkeit ist ein Muss für die Politik. Es kann nicht sein, dass man jedes Jahr ein paar Zentimeter Dämmung mehr vorschreibt, das ist ein Schwachsinn.

 

Burger: Es gibt in vielen Städten Altbauten mit wunderschönen Fassaden. Wenn man die dämmen soll, dann müsste man die Verzierungen und Fenstergewänder absägen, dann Vollwärmeschutz kleben und erst dann kriegen die Eigentümer die Förderung. Das macht insbesondere im Grenzbereich des Denkmalschutzes keinen Sinn. Der Löwenanteil an Einsparungen wäre ohnehin durch eine bessere Regelungstechnik in der Heizungsanlage zu erzielen. Aber noch gibt es die Apps, die die Heizung zu steuern können, nicht für vernünftiges Geld.

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chilli: Die Auftragsbücher sind voll, aber der Nachwuchs macht dem Handwerk Probleme…

 

Sänger: Im Moment sind die Lehrlingszahlen annähernd wie im Vorjahr. Aber das wird sich in den nächsten Jahren ändern.

 

Burger: Einige Stimmen behaupten ja, dass dem Nachwuchsmangel durch Zuzug von südeuropäischen Mitarbeitern entgegen gewirkt werden kann.

 

Sänger: Ich halte überhaupt nichts davon, meinetwegen spanische Jugendliche aus ihren Familien zu reißen und hierher zu holen, die dann nach der Ausbildung in unseren Betrieben wieder weg sind.

 

chilli: Nur 2500 der 15.700 Betriebe, die zur Handwerkskammer gehören, bildeten überhaupt aus.

 

Ullrich: Dazu muss aber auch wissen, dass wir sehr viele kleine Betriebe haben mit drei, vier, fünf Mitarbeitern. Die haben nicht die Lehrlingszahlen, die bilden vielleicht nur alle zwei, drei Jahr einen Lehrling aus.

 

chilli: Haben wir nicht zu wenige Ausbildungsbetriebe?

 

Ullrich. Er könnten mehr sein. Die Ausbildungsneigung ist nicht groß genug.

 

chilli: Wenn Sie etwas von der lokalen Politik fordern könnten, was wäre das?

 

Sänger: Mehr Bauland ausweisen.

 

Burger: Baulandentwicklung mit Augenmaß und mit Kontinuität, sodass Planungssicherheit bei den Betrieben entsteht.

 

Ullrich: Und Entbürokratisierung. Sehr viele Sachen dauern viel zu lange.

 

Burger. Die Verwaltung ist wie ein Stahlträger, der hat eine gewisse Steifigkeit. Um den in eine neue Richtung zu verbiegen, muss man eine gewisse Energie aufwenden. Man muss dem Dezernenten Zeit geben, hier etwas zu bewegen.

 

chilli: Die Herren, wir danken für dieses Gespräch.