Arbeiten im Großraumbüro. Wer denkt, dass so etwas out ist, hat einen Trend verschlafen. Seit Anfang November gibt es auch in Freiburg – nach dem Vorbild zahlreicher Großstädte – einen sogenannten Co-Working-Space. Die Soziologin Martina Knittel (31) und der Geo-Ökologe Hagen Krohn (34) haben im ehemaligen Gasthaus „Grünhof“ an der Belfortstraße ihrer Idee von einer modernen Denkfabrik Leben eingehaucht. Jetzt verdienen sie ihr Geld, indem sie Bürotische in lockerem Ambiente an Selbstständige und Jungunternehmer vermieten. Ihr eigentliches Ziel ist es aber, eine Keimzelle für Ideen zu schaffen.

Keimzelle für Ideen geschaffen: Hagen Krohn und Martina Knittel haben auch Andreas Ogger (unten) gewonnen.

 

Eine wissenschaftliche Studie hat ergeben, dass vier von fünf guten Ideen nicht bei der Arbeit direkt, sondern beim Gespräch unter Mitarbeitern entstehen. So gesehen wären Jungunternehmer – also die, die auf gute Ideen besonders angewiesen sind – schön blöd, wenn sie sich für die Arbeit allein hinterm Home-Office-Schreibtisch verschanzen würden.

Davon kann auch Andreas Ogger berichten. Der 35-jährige Ravensburger ist Gründer und Chef von „Spätzle mit Soul“. Seine Idee funktioniert seit 2009: Er verkauft via Imbisswagen Kässpätzle auf Festen, Märkten oder Konzerten. „Seit einem halben Jahr habe ich zu Hause Nachwuchs – meine Arbeits-Effizienz dort ist gesunken“, nennt er einen der Beweggründe, warum er seine Buchhaltung jüngst lieber in der Belfortstraße abwickelt.

Beim Rechnungen-Schreiben hat er schon Kontakte geknüpft, von denen er profitiert: Dank einer Grünhof-Connection ist er in diesem Jahr auf der Freiburger Fasnet mit einem Stand dabei. Ein Fotograf, den er beim Co-Worken kennengelernt hat, wird fortan PR-Bilder für ihn schießen. Und vielleicht verkauft er im Sommer Spätzle im Hinterhof an die Netzwerkkollegen. „Ich habe am Anfang gedacht, das wäre hier wie in einem Großraumbüro, aber eigentlich bin ich hier mit Freunden zusammen, mit denen es eine Schnittmenge gibt“, schwärmt er, „wenn ich hier vier Stunden sitze, schaffe ich so viel wie zu Hause in zehn.“

Andreas Ogger

 

Treffen sich ein Spätzle-Verkäufer, ein Ex-Banker, ein Fotograf und ein Programmierer. Was klingt wie ein übererzählter Witz, wird im Grünhof Wirklichkeit. „Die meisten kommen hier nicht wegen der Schreibtische her, sondern wegen der anderen Menschen“, ist Denkfabrik-Gründer Krohn überzeugt, „der Wert einer Mitgliedschaft bei uns steigt mit der Art und Weise, wie man sich mit einbringt.“

Dabei ist die Zusammensetzung, die auf den ersten Blick etwas willkürlich und zusammengewürfelt wirkt, eigentlich genau das Gegenteil. „Wir haben so viele Anfragen, wenn wir wollten, könnten wir den Raum einfach mit IT-lern vollstopfen. Uns geht es aber um die Mischung“, erklärt Knittel, „die Leute sollen sich gegenseitig bereichern.“ Die beiden CEOs tragen mit der Organisation von internen Veranstaltungen und Vorträgen von Fachleuten ebenfalls dazu bei, dass die Gründer-Gemeinschaft vorankommt.

44 Menschen haben sich in den ersten neun Wochen bei der Schreibtisch-Gemeinschaft angemeldet – und täglich flattern bei Knittel und Krohn neue Bewerbungen für einen Arbeitsplatz auf den Tisch – ihr eigenes Start-up-Unternehmen läuft also. „Wenn wir das in Berlin gemacht hätten, hätten wir wahrscheinlich gar keine Resonanz bekommen, weil es das dort schon an jeder Ecke gibt.“ Für Freiburg sei das eine gute Idee gewesen, sagt die Grünhof-Chefin. Eine, auf die die beiden Jungunternehmer im Übrigen ohne Tischnachbarn gekommen sind.

Text & Fotos: Felix Holm