Sie sitzen in Hinterhof-Büros, im eigenen Wohnzimmer oder teilen sich ihren Arbeitsplatz mit anderen Kleinunternehmern: Filmproduzenten in Freiburg sind im Alltag fast unsichtbar. Doch es gibt sie zahlreicher als man denkt. Ob Werbefilm, Fernsehspiel oder Kino-Dokumentation: Vieles, was auf den Bildschirmen der Nation zu sehen ist, nahm irgendwann einmal seinen Anfang in Südbaden.

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Szene 1: Das unscheinbare Büro
Requisiten: Schreibtisch, Filmplakate, Laptop, Telefon
Protagonistin: Anna Martensen (29), Geschäftsführerin von „TM Film“

Sie glaubt noch an etwas. An gute Filme, seriöse Themen – und Zuschauer, die das alles auch interessiert. „Wer will schon den ganzen Tag ,Bauer sucht Frau‘ sehen?“, fragt Anna Martensen. „Es geht doch vielmehr um intelligentes Programm.“ Einfach ist ihr Job trotzdem nicht: „Bei Arte und beim SWR stehen die Produzenten Schlange“, sagt Martensen. Die junge Frau ist Geschäftsführerin der Firma TM Film und damit eine von rund einem Dutzend Freiburger Filmproduzenten. Ist Südbaden das alemannische Hollywood? „Auf jeden Fall“, sagt Martensen, „es gibt hier definitiv eine Szene.“

TM Film (vier Mitarbeiter) ist ein Start-up-Projekt, das für den Optimismus der Branche steht. Seit zwei Jahren gibt es die Firma, die gerade ihren ersten Film produziert hat. „Where The Condors Fly“ heißt er und handelt von einem Filmemacher, der einen anderen Filmemacher (Viktor Kossakowsky) beim Filmemachen begleitet. Die Umsetzung ist erfrischend gelungen. Kossakowsky entpuppt sich als schrullig-exzentrischer Perfektionist, den man trotzdem mögen muss – solange man nicht für ihn arbeitet.

Anna Martensen ist noch ganz jung in der Branche ...

Anna Martensen ist noch ganz jung in der Branche …


„Dokumentarfilme gehen sehr nahe, weil sie viel mehr in die Tiefe eintauchen als alles andere“, erläutert Martensen, warum sie ihren Job liebt. Nach ihrem Studium (Frankomedia in Freiburg, Medienwissenschaften in Basel) absolvierte sie ein Praktikum in Zürich. Dort lernte sie den Regisseur und Produzenten Vadim Jendreyko kennen, der später TM Film gründete. „Nun habe ich eine Aufgabe gefunden, die ich richtig gut kann.“

Was ist der Job einer Produktionsfirma? „Ganz viel Organisationskram“, sagt sie und schildert das am Beispiel von „Where The Condors Fly“: Bei der Entwicklung des Films hat sie den Regisseur beraten und – ganz wichtig – eine Strategie zur Finanzierung vorgelegt. Ohne Geld kein Dreh. „Ich habe also Dossiers über den Film geschrieben und sie an verschiedene Filmförderungsgesellschaften und andere potenzielle Geldgeber geschickt“, erzählt Martensen. „Für eine solche Arbeit haben Regisseure gar keine Muße. Deshalb gibt es Produktionsfirmen.“

Ist das Werk nach langer Arbeit vollendet, läuft die Produktionsfirma erst richtig warm: Dann muss sie den Film in Kinos unterbringen, Termine für Filmfestivals vereinbaren und den Weltvertrieb organisieren. Durch die Ticket-Erlöse wiederum verdienen die Produzenten ihr Geld. Beispiel „Where The Condors Fly“: Von jeder verkauften Kinokarte erhält TM Film 40 bis 50 Prozent. Martensen strahlt: „Die Vorführung im Kommunalen Kino war super.“

Szene 2: Das Telefonat
Requisiten: Telefon, Anrufer, Notizblock
Protagonistin: Sigrid Faltin (56), Inhaberin der Filmgesellschaft White Pepper

Ein persönliches Interview muss Sigrid Faltin ablehnen – die Arbeit ruft. Und die treibt die preisgekrönte Freiburger Autorin und Produzentin zurzeit nach Baden-Baden. „Ich schneide gerade einen Film über eine Lörracher Patchworkfamilie“, sagt sie. Aus ihrer Liebe zu Freiburg macht sie keinen Hehl. Aber: „Hier zu überleben, ist nicht leicht. Es fehlt die Infrastruktur, es gibt nicht genügend Leute für die Postproduktion.“ Für ihr aktuelles Projekt musste der Cutter aus Köln anreisen.

... Mirjam Quinte zählt hingegen zu den erfahrenen Akteuren.

… Mirjam Quinte zählt hingegen zu den erfahrenen Akteuren.


Szene 3: Das private Arbeitszimmer
Requisiten: Schreibtisch, Aktenregal, Sofa, Hunde-Decke
Protagonistin: Mirjam Quinte (60), Inhaberin von Quintefilm

Hier werden Filme gemacht? Kaum zu glauben. Sieht das schicke weiße Einfamilienhaus in Merzhausen doch so gar nicht wie eine Schmiede bewegter Bilder aus. Nicht mal ein Name steht auf der Klingel. Aber es ist wahr: Hinter der Haustür wohnt und arbeitet Mirjam Quinte. Die 60-Jährige ist im Business schon fest etabliert, gewissermaßen das Gegenteil von Anna Martensen. In die Branche kam sie Ende der 70er-Jahre als Gründungsmitglied der Freiburger Filmwerkstatt: Im Kollektiv drehten sie damals politische Filme. „Hausbesetzungen, Atomkraftwerke, Demonstrationen – das waren unsere Themen“, sagt Quinte.

Die erfahrene Filmproduzentin blickt auf eine erfolgreiche Vita zurück: Schon 1982 wurde sie mit dem Dokumentarfilmpreis der deutschen Filmkritik für das bisherige Gesamtschaffen ausgezeichnet, 1989 gründete sie ihre eigene Firma. Viele Weggefährten von damals gingen nach Berlin oder Stuttgart. „Aber für mich ist die Großstadt nichts“, sagt Quinte. Durchs Internet sei es ohnehin fast egal, von wo aus man arbeite. Für Freiburg spreche die Nähe zu renommierten Sendern wie Arte und SWR – Quinte arbeitet an Dokus, aber auch an Kino- und TV-Filmen. „Trotzdem muss man recht flexibel sein, häufige Reisen gehören dazu.“

Mirjam Quinte hat es geschafft. Mit Biografien wie „Joschka und Herr Fischer“ (2011), der Bergsteiger-Doku „Am Limit“ (2007) oder der Bosnienkrieg-Aufarbeitung „Nach Saison“ (1997) machte sie sich als Filmproduzentin einen Namen. Häufig arbeitet sie dabei mit dem oscar-prämierten Regisseur Pepe Danquart zusammen, der ebenfalls aus Freiburg stammt und auch die Medienwerkstatt mitgründete. „Es macht unheimlich Spaß“, sagt Quinte über ihre Arbeit. Allmählich denke sie aber daran, es etwas ruhiger angehen zu lassen. Schließlich muss auch jeder Film irgendwann einmal zum Ende kommen.

Text: Steve Przybilla / Fotos: locoff / Steve Przybilla