Dank der neuen Ausstellung „Lichtung im Forst“ im Museum für Neue Kunst ist das Haus an der Marienstraße derzeit frequentiert wie selten. Das Konzept haben sich die neue Chefin des Hauses, Christine Litz, und der bildende Künstler, Performer und Kunstprofessor Georg Winter ausgedacht. Mit chilli-Chefredakteur Lars Bargmann unterhielten sie sich über das Museum der Zukunft, die Anastrophe und eine Provokation in Beton.

 

chilli: Herr Winter, was machen Sie in Freiburg?

Winter: Ich inszeniere auf Einladung der neuen Museumsleiterin Christine Litz Räume. Wir haben uns schon vor Jahren in Köln bei einer Performance kennengelernt und hatten immer vor, mal was zusammen zu machen. Das war jetzt die Möglichkeit. Wir haben in Freiburg eine spezielle Situation. Ich beschäftige mich stark mit dem Raumbegriff. Raum ist Verhandlung. Das mache ich auch hier.

 

 

chilli: Es heißt, Sie würden etwas radikal anders machen. Was ist dieses Radikale?

Winter: Es stellt sich die im Wortsinn radikale Frage, was ein Museum heute in diesem bestimmten gesellschaftlichen Zustand machen kann? Wo sind Themen, die sich schneiden? Die jüngeren sind heute mehr im Internet, wie kann Kunst im Museum diesen Veränderungen gerecht werden? Kunst beruht ja meistens auf dem Grundsatz „Noli me tangere“, also „berühr‘ mich nicht“. Da sind archaische Strukturen vorherrschend.  Mich interessiert mehr das Interaktive: Wie können Besucher Erfahrungen mit Raumsituationen machen?

 

chilli: Sie stellen der Katastrophe die Anastrophe gegenüber. Als Raumspiegel für die Katastrophe wird Freiburg nicht tauglich sein.

Winter: Freiburg ist klar eine anastrophale Stadt, andere sind katastrophal. Das ist nur auf den ersten Blick ein Gegensatz. Die Anastrophe ist zwar eine Entwicklung ins Positive, die aber auch nicht ohne Tücken ist.

 

chilli: Diese Tücken wären Selbstzufriedenheit, Stillstand, Abstumpfung…?

Winter: Ja, oder auch der Tribalismus, dass man sich zu eng aufstellt und etwas anderes aus dem Blickwinkel verliert.

 

chilli: Wenn Sie sich einen idealen Ausstellungsbesucher zimmern könnten…

Winter: … dann ist das jemand, der einen gewissen Kontrollverlust erleben will. Der will nicht gleich am Boden liegen, aber sich im Raum auch mal auf unsichere Weise bewegen. Das kann er hier.

 

 

 

chilli: Noch spektakulärer als das Konzept der Ausstellung ist der „geplante“ Bau eines Neuen Museums für Neue Kunst am Augustinerplatz. Warum dort?

Winter: Der Augustiner ist der beste Standort, weil er sehr bekannt ist und eine sehr zentrale Lage hat. Außerdem gibt es in der Kernstadt fast keine zeitgenössische Architektur. Hier ließe sich die spannende Frage beantworten, wie man mitten in so eine Struktur moderne Architektur reinbringen kann. Schauen Sie sich mal das Kunsthaus Graz an. Da haben die eine gläserne Amöbe mitten in die Barockstadt gesetzt.

 

chilli: Sicher spektakulär, aber ein Vorbild für Freiburg?

Winter: Natürlich hat so etwas Vorbildcharakter, nicht vom Baulichen her, aber von der Radikalität. Man könnte ein Neues Museum für Neue Kunst über die Zeit auch ans alte anbinden.

 

Eine Raumstörung: Der moderne Entwurf für den Neubau stammt vom Architekten Martin Stoll – “ein kompromissloses Zeichen des 21. Jahrhunderts”.

 

 

chilli: Was könnte ein Neues Museum für Neue Kunst, was das alte nicht kann?

Winter: Das hier ist eine alte Schule mit einer bestimmten Eingangssituation. Dann muss man Treppen steigen und kommt oben in Räume. Das NMNK liegt im Erdgeschoss direkt an einem frequentierten Platz. Das ist ein zentraler Unterschied, da muss man die Leute gar nicht extra locken. Das Gebäude ist offen zum Platz hin, da kann man mit Neuen Medien, filmisch, mit Mitteln der Interaktion arbeiten. Interaktive Konzepte begeistern die Menschen mehr. So kann sich ein Museum in einen gesellschaftlichen Zusammenhang bringen.  Und außerdem passt unser Raumkonzept in dieses Haus gar nicht rein, weil es ja gerade für ein neues entwickelt wurde.

 

 

 

chilli: Wie utopisch ist das NMNK?

Winter: Nicht so utopisch, dass man in Freiburg nicht drüber diskutieren kann. Die Frage ist, was Freiburg bereit wäre, zu tun, um sich in einer interessanten Richtung weiter zu entwickeln. Alleine der Begriff „Museum für NEUE Kunst“ ist eine Steilvorlage für mich. Neues und Museum, das ist ja ein Widerspruch in.

 

chilli: Das NMNK überbaut den Spielplatz…es wird Proteste geben.

Winter: Genau. Aber wir überlegen ja auch, wie wir junge Leute und Kinder ins Museum einbinden können, es gibt einen Spielraum, vielleicht bleiben ein paar Stümpfe von den Bäumen in den Räumen.

 

chilli: Gibt es eine Kostenkalkulation für die geschätzten 1100 Quadratmeter?

Winter: Keine exakten. Das was bei der Planung auch wichtig. Es geht nicht darum, Ausstellungsflächen zu vergrößern. Wir haben viele kleinere Räume mit neuen Funktionen, die inhaltlich bespielt werden wollen. Sichtungs- und Sammlungsräume oder den Re-Entry White Cube: Was kann ein leerer Raum? Und wir haben auch das Wohnen auf Zeit für Künstler, die dadurch dichter in den Bevölkerungszusammenhang zu kommen. Vielleicht gibt es Arbeitsprozesse, die vielleicht mit Beteiligung ablaufen.

 

chilli: Der visualisierte Neubau ist eine Provokation in Beton. Wie bewerten Sie, dass der schon vor der Veröffentlichung im chilli im Rathaus für Aufruhr gesorgt hat?

Winter: Das NMNK ist bisher ja nur ein Bild. Es ist nicht schlüssig, dass das schon solche Ängste auslöst. Im letzten Beteiligungshaushalt waren die Museen bei der Bevölkerung nur knapp über dem Schlusslicht Friedhöfe zu finden. Da muss man doch mal ein paar Gedanken wälzen können.  Was wäre Freiburg bereit, für so ein Museum zu tun, das die Stadt durchaus in einer interessanten Richtung weiterbringen könnte.

 

chilli: Um damit zu überzeugen, müsste Freiburg mehr über die Inhalte wissen.

Litz: Wir müssen uns erst einmal überlegen, wie die Zukunft aussieht. Ich kenne kein Museum, das mit Künstlern geplant wurde. Was hindert uns daran, das ideale Museum zu denken? Das sind ja keine gebauten Architektenträume, sondern aus der Kunst heraus gedachte. Der von Georg Winter angesprochene Kontrollverlust ist ein tolles Stichwort. Wir müssen aber auch den Körper einbinden, zu skulpturalem Begreifen führen, das ist extrem wichtig.

 

Winter:  Es ist wichtig zu erforschen, wie das Rezeptions-und Produktionsverhältnis aussieht. Es gibt ja den Hyperkapitalismus, der sehr von Werten geprägt ist. Aber wir wollen auch spielerisch rangehen. Der Bau ist nicht betonideologisch. Das ist ja nur ein Bild, das Ängste auslöst und das jetzt schon so stark an die Realität gezogen wird. Genau das bestätigt mich aber, daran weiter zu arbeiten. Eine Stadt braucht auch das Unbekannte.

 

Mehr über das Projekt “Lichtung im Forst” lesen Sie, lest ihr in unserer neuen Ausgabe, die am 9. Februar in den Handel kommt.