Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach über Geld,
Weichenstellungen und die Nackenschläge 2012


Der Freiburger Sozial- und Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach (SPD) blickt im Gespräch mit chilli-Chefredakteur Lars Bargmann und Volontärin Tanja Bruckert auf eine zehnjährige Amtszeit zurück und auf 2013 voraus.


chilli: Herr von Kirchbach, finden Sie, dass Sie ein guter Kulturbürgermeister für Freiburg sind?
Ulrich von Kirchbach: Eigenlob stinkt ja bekanntlich. Aber ich glaube schon, dass wir in den vergangenen zehn Jahren in der Kulturpolitik gut vorangekommen sind. Wir sind damals die Kultur zum ersten Mal konzeptionell angegangen und haben drei Säulen erarbeitet: Das Museumsentwicklungskonzept; das Kulturkonzept für die Bereiche Kunst, kulturelles Erbe, Interkultur und kultureller Bildung – was wir zu zwei Dritteln schon umgesetzt haben – und drittens haben wir mit dem Theater eine für beide Seiten gute Zielvereinbarung geschlossen. All das hat dazu geführt, dass nicht mehr übers Sparen gesprochen wird, sondern über Inhalte, über klare Ziele. Daran haben viele mitgewirkt, das kann ich mir aber auch auf meine Fahnen schreiben, sodass ich mit einem gewissen Stolz zurückblicken kann.

chilli: Inwiefern würden Sie sagen, dass die zehn Jahre auch Sie verändert haben?
von Kirchbach: Man lernt jeden Tag dazu und wächst mit den Aufgaben. Ich bin aber authentisch geblieben und nicht abgehoben. Ich habe gute Mitarbeiter und gute Freunde, die keine Jasager sind.

chilli: Sind Sie abgeklärter geworden?
von Kirchbach: Routinierter. Abgeklärter wäre auch falsch, weil man dann nicht mehr die Energie in sich hat, Inhalte voranzutreiben. Wenn man keine Ideen für die Stadt hat, muss man aufhören.

chilli: Was war die schlimmste Zeit in Ihrer Regentschaft?
von Kirchbach: Die ersten Monate nach der OB-Wahl (von Kirchbach hatte gegen seinen Chef Dieter Salomon kandidiert, d. Red.) waren nicht einfach. Der OB und ich haben uns aber ausgesprochen, dann hatten wir wieder ein professionelles Verhältnis. In den letzten Monaten sind wir uns auch persönlich-menschlich wieder näher gekommen.


chilli: Wie bewerten Sie das kulturpolitische Jahr 2012? Es gab Nackenschläge wie die Fusion des Sinfonieorchesters Baden-Baden/Freiburg mit dem Radiosinfonieorchester in Stuttgart, die Standortentscheidung für die Landeshauptstadt, Unruhe bei Spielstätten wie dem Martinstor, die heftige Landes-Kürzung beim ZMF um 30.000 Euro …
von Kirchbach: Das Schwierigste war sicher die Orchesterverschmelzung. Uns wurde vom SWR ein faires Verfahren für die Standortsuche versprochen, das war aber eine Farce. Das dem Rundfunkrat vorgelegte Papier war ungenügend, der Rat hat sich damit nicht ernsthaft auseinandergesetzt, hat leider nur als Abnickgremium gewirkt. Wenn die im Abschlussbericht Stuttgart auch noch als den besseren Probenstandort sehen, wo Freiburg wirklich besser ist, dann ist das hanebüchen. Wer die Standortkommission ohne Südbadener, aber mit einigen Stuttgart nahen Persönlichkeiten besetzt, gaukelt Fairness nur vor, das ist unglaublich. Freiburg und Baden-Baden sind die Verlierer, der SWR selber aber auch. Seine Akzeptanz in Baden wird leiden. Ich habe hier noch nie eine so geschlossene Solidarität, sogar über die Grenze nach Frankreich erlebt wie in der Orchesterfrage. Die Intendanz hätte gleich sagen sollen, dass als Standort nur Stuttgart infrage kommt, dann hätten sich viele Menschen viel Arbeit sparen können. So tolle Orchester-Projekte wie „Romeo feat. Julia“ oder „Der Schrei“ werden jetzt wohl nicht mehr möglich sein.

chilli: Manche haben dem Rathaus vorgeworfen, zu wenig getan zu haben, um die Fusion zu verhindern. Ist es Aufgabe von Kommunen, öffentlich-rechtliche Sender zu stützen?
von Kirchbach: Es geht da um jährlich 2,5 Millionen Euro fürs Sinfonieorchester Baden-Baden/Freiburg. Freiburg hätte am tiefsten in die Tasche greifen müssen. Aber wir sind schon Träger des Philharmonischen Orchesters. Wir konnten das nur bedingt beeinflussen. Und wir meinen, dass es nicht unsere Aufgabe ist, ein Rundfunk-orchester zu fördern. Negativ überrascht hat uns die ZMF-Kürzung, die dort gerade den Bereich der kulturellen Bildung trifft. Und auch die Lage am Martinstor ist schwierig. Die freie Theater-Szene bräuchte eigentlich eine größere Lösung. Wir wissen noch nicht, wie es im zweiten Halbjahr 2013 da weitergeht. Und ich hätte mir auch gewünscht, dass die Lokhalle auf dem Güterbahnhof und die Reithalle in Ebnet dauerhaft als Kulturstätten dazugekommen wären. Denn in Freiburg fehlt eine mittelgroße Halle.

Vorzeigemusiker: Das renommierte ensemble recherche darf sich als eine der ganz wenigen Institutionen Hoffnungen auf eine stärkere Förderung machen: 15.000 Euro pro Jahr.



chilli: Die positiven Momente 2012?
von Kirchbach: Mit der Eröffnung des Zentralen Kunstdepots haben wir einen Meilenstein in der Museumsentwicklung gemacht. Fast zeitgleich haben wir mit der Eröffnung des Ensemblehauses einen wichtigen Impuls für die Musikstadt gegeben. Drittens war die Entscheidung für die Erneuerung des Bücherbusses für die Stadtbibliothek ganz wichtig, genauso wie der Start für den zweiten Bauabschnitt des Augustinermuseums.

chilli: In welchem Jahr werden wir nicht mehr über diese Sanierung sprechen?
von Kirchbach: 2020 – wenn alles gut läuft.

chilli: Zu den positiven Momenten dürften auch die Vertragsverlängerungen der Intendantin Barbara Mundel und des Generalmusikdirektors Fabrice Bollon zählen.
von Kirchbach: Natürlich.

chilli: Mundel sollte eigentlich schon im Juli verlängern. Eine Hängepartie …
von Kirchbach: Das würde ich so nicht sagen. Intern ist die Entscheidung im Juli gefallen, aber es gab einige Dinge zu klären, und wir mussten eine neue Zielvereinbarung zwischen Stadt und Theater für die Jahre 2014 bis 2018 abstimmen, das hängt zusammen.

chilli: Hat Mundel hart verhandelt?
von Kirchbach: Wir haben einen guten Kompromiss gefunden, der die Interessen des Rathauses und des Theaters berücksichtigt. Es ging ums Auffangen der Tarifsteigerungen und eine strukturelle Stärkung von Orchester und Tanz. Wir haben uns am Ende nicht ganz auf halbem Wege getroffen.

chilli: Mundel und Bollon waren nicht die einzigen personellen Weichenstellungen …
von Kirchbach: Wir haben drei weitere wichtige Entscheidungen: Christine Litz, documenta-Projektleiterin, als neue Chefin des Museums für Neue Kunst, Caroline Hilti als neue Leiterin des Naturmuseums und Tina Brüderlin als Leiterin der Ethnologischen Sammlung der Museen. Das ist sehr zu begrüßen.


chilli: Mit welchen Zielen geht das Kulturdezernat, das bisher jährlich 33 Millionen Euro zur Verfügung hat, in die Beratungen für den neuen Doppelhaushalt der Stadt Freiburg, den Salomon am 18. Dezember vorstellen wird?
von Kirchbach: Bei den Investitionen ist Kultur gut bedient. Wir werden acht Millionen Euro fürs Augustinermuseum einbringen, die Weichen für die Sanierung der Bühnentechnik im Theater mit insgesamt 13 Millionen Euro stellen, und ich hoffe, dass wir auch Geld einplanen können für die Barrierefreiheit der Stadtbibliothek.

chilli: Und fürs laufende Geschäft?
von Kirchbach: Da gibt es Vorgaben von OB Salomon und Finanzbürgermeister Otto Neideck, dass es eigentlich keine Erhöhungen bei den Zuschüssen geben soll, weil wir trotz Mehreinnahmen auch viele Mehrausgaben haben. Nach Gesprächen mit dem OB gehe ich aber davon aus, dass wir fürs Freiburger Barockorchester 40.000 Euro pro Jahr mehr bekommen und beim ensemble recherche 15.000 Euro. Ich hätte gerne auch Geld für ein neu konzipiertes Theater-/Tanztheaterfestival, das wird es aber derzeit nicht geben.

chilli:Sie fürchten nicht, dass es der Kultur an den Kragen geht, weil Freiburg nach einer Verdi-Studie gemessen an der Wirtschaftskraft so viel für Stadttheater und Bibliothek ausgibt, wie keine andere Stadt.
von Kirchbach: Nein. Es gibt ja viele Rankings und wir sind uns unserer Verantwortung als Kulturstadt bewusst. Ein starkes kulturelles Angebot ist auch Wirtschaftsförderung, und steigende Übernachtungszahlen haben auch mit Kultur zu tun. Ich weiß da den OB an meiner Seite. Der sagt auch, Kultur ist keine freiwillige, sondern eine politische Pflichtaufgabe.

chilli: Worauf freuen Sie sich 2013?
von Kirchbach: Auf sehr viele gute Veranstaltungen, vor allem auf herausragende Musiktheater-Vorstellungen, unser Philharmonisches Orchester feiert in dieser Spielzeit sein 125-jähriges Bestehen. Egal, wo ich bin, alle sagen mir, dass die Stadt Freiburg für 215.000 Einwohner ein sehr gutes Angebot hat. Und bei der zeitgenössischen Musik kann nicht mal Berlin mithalten.

chilli: Herr von Kirchbach, vielen Dank für dieses Gespräch.

Text: Lars Bargmann / Fotos: Tanja Bruckert, www.martingeier.com