chilli-Interview mit Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer

Der Schock sitzt tief: Das Zukunftskonzept der Universität Freiburg ist bei der mutmaßlich letzten deutschen Exzellenzrunde durchgefallen. Damit fehlen bis 2017 jedes Jahr 50 bis 60 Millionen Euro. Zum Glück wird das neue Exzellenzcluster Brainlinks – Braintools in den nächsten fünf Jahren mit rund 40 Millionen Euro neu gefördert. Wie Rektor Hans-Jochen Schiewer mit der Niederlage umgehen will, wie er zu einem Rücktrittsgesuch steht und inwiefern die Freiburger Uni trotzdem exzellent ist, erklärte der 56-Jährige im Gespräch chilli-Chefredakteur Lars Bargmann und chilli-Autor Steve Przybilla. Von wem aber der erste Anruf kam, der Schiewer die offizielle Hiobsbotschaft vorab verkündete, wollte der Rektor nicht sagen.

Muss sich gedulden: Hans-Jochen Schiewer muss nach der Hiobsbotschaft vier Wochen auf die Begründung für dieselbe warten.

 

chilli: Herr Schiewer, der Wissenschaftsrat hat bisher offiziell noch nicht verraten, warum die Freiburger Uni nicht mehr als Elite-Uni gilt. Kennen Sie schon die Gründe?
Hans-Jochen Schiewer: Nein, auch wir müssen die offizielle Begründung abwarten, die wir Mitte Juli vom Wissenschaftsrat erhalten.

chilli: Wie bewerten Sie, dass Sie erst einen Monat nach der Entscheidung die Gründe erfahren?
Schiewer: Wir haben in den Gremien vereinbart, dass wir erst dann die Ursachen aufarbeiten können, wenn die Begründung auf dem Tisch liegt. Gleichwohl wissen wir natürlich, dass wir nicht mehr gefördert werden. Darüber müssen wir nachdenken, und zwar nicht erst in vier Wochen.

chilli: Die Bekanntgabe ist nun zwei Wochen her. Können Sie uns über diesen Nachdenkprozess schon etwas sagen?
Schiewer: Nein, ich möchte den Gesprächen in den entsprechenden Gremien nicht vorgreifen.

chilli: Bekannt wurde immerhin, dass das Zukunftskonzept die Jury offenbar nicht überzeugt hat. Hat die Uni Ihre Hausaufgaben da nicht gemacht?
Schiewer: Das ist reine Spekulation. Ich habe gerade ein Interview mit Herrn Braunstein (französischer Spitzenforscher, der als Gutachter bei der Exzellenz-initiative mitgewirkt hat; Anm. d. Red.) gelesen. Demnach war jeder der Anträge sehr stark.

chilli: War die Uni mit dem nach außen erfolgreichen Eliteinstitut FRIAS (Freiburg Institute for Advanced Studies) zu selbstsicher?
Schiewer: Wissenschaftler sind nie selbstsicher, sondern eher selbstkritisch. Es wurde von keiner Seite bestritten, dass sich das FRIAS in den letzten fünf Jahren sehr erfolgreich entwickelt hat.

chilli: Offenbar nicht erfolgreich genug …
Schiewer: Auch das würde ich als Spekulation zurückweisen. Wir müssen die Begründung abwarten. Fakt ist, dass sich das FRIAS auch in die Universität hinein von Jahr zu Jahr erfolgreicher entwickelt hat. Vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften haben wir einen enormen Aufschwung beobachtet.

chilli: Sie haben angekündigt, das FRIAS weiterzuführen. Wie wollen Sie das finanzieren, wenn die Förderung wegfällt?
Schiewer: Wir stehen hier in der Verantwortung, denn in den letzten fünf Jahren ist viel Geld in diesen Freiraum unserer Universität investiert worden. Wir haben etwa 80 Prozent der Fördermittel (50 Millionen Euro; Anm. d. Red.) bewusst ins FRIAS investiert, um eine sichtbare Struktur zur Förderung der Spitzenforschung aufzubauen.

chilli: Einige Fakultäten fühlten sich beim FRIAS von vornherein ausgesperrt. Wenn Sie bei denen nun Geld einwerben wollen, werden die auch ins Institut drängen. Ist Ärger vorprogrammiert?
Schiewer: Wir stehen jetzt schon vor der Aufgabe, vor der alle geförderten Universitäten in fünf Jahren (dann läuft die Exzellenzförderung aus, d. Red.) stehen werden. Es geht überhaupt nicht um das Geld der Fakultäten. Die Frage ist vielmehr, wie wir mit den Ressourcen umgehen, die wir noch bekommen. Das Zukunftskonzept wird immerhin mit einer Auslauffinanzierung von bis zu 13 Millionen Euro gefördert. Wir wissen aber noch gar nicht, wie wir dieses Geld überhaupt verwenden dürfen. Wir müssen die Fakten kennen. Bis dahin müssen wir Geduld zeigen – obwohl wir alle ungeduldig sind.

chilli: Nach der ersten Exzellenzrunde hatten sich die Ministerpräsidenten anderer Länder beschwert, dass der Süden besser gefördert wird als der Rest der Republik. Glauben Sie, dass der regionale Proporz jenseits der wissenschaftlichen Expertise eine Rolle gespielt hat?
Schiewer: Ich glaube weiterhin, dass dies ein rein, wie auch Politiker immer wieder betonten, wissenschaftsgeleitetes Verfahren war.

 

Das Haus der Spitzenforscher: Trägt das renommierte FRIAS eine Teilschuld?

 

chilli: Ein zweiter möglicher Grund, der bereits die Runde machte: Das mit vielen Millionen Euro aus der Exzellenzinitiative insgesamt Erreichte sei zu wenig gewesen, um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen. Was sagen Sie dazu?
Schiewer: Die Universität Freiburg hat in den letzten fünf Jahren eine historisch einmalige Steigerung der Forschungsleistung erreicht. Im Förderranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft stehen wir auf Platz 6. In allen internationalen Rankings gehören wir zu den fünf besten deutschen Volluniversitäten. Wir gehören mit zwei Exzellenzclustern und einer Graduiertenschule zu den Top-Ten-Universitäten beim aktuellen Exzellenz-wettbewerb. Bei der Einwerbung von Drittmitteln haben wir uns von 80 Millionen Euro im Jahr 2007 auf 160 Millionen im Jahr 2011 gesteigert. Wenn man diese Zahlen sieht, versteht man zunächst nicht, warum unser Zukunftskonzept nun nicht mehr gefördert werden sollte.

chilli: Oder lag’s an der Internationalen Graduiertenakademie (IGA). Dort sollten alle Doktoranden der Uni nach den gleichen klaren Regeln ihre Promotion machen. Nach Protesten aus den Fakultäten, die sich nicht in ihre eigenen Regeln reinreden lassen wollten, machte das Rektorat einen Rückzieher – ein Fehler?
Schiewer: Aus meiner Sicht haben wir hervorragende Strukturen für die Betreuung unserer Doktoranden entwickelt. Auch hier müssen wir abwarten, was in der Begründung steht.

chilli: Befürchten Sie nun, weniger Drittmittel einzuwerben, weil sich potenzielle Geldgeber lieber an Unis mit Elite-Stempel wenden?
Schiewer: Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Es war bisher eher so, dass die Exzellenzuniversitäten die Sorge hatten, bei der Drittmittelvergabe benachteiligt zu werden, weil sie schon über zusätzliche Fördermittel verfügten. Es sind wissenschaftliche Leistungen, die zur Zuweisung von Drittmitteln führen – nichts anderes.

chilli: Was bedeutet es denn in der Praxis, ohne Elite-Status dazustehen?
Schiewer: Wir sind erst mal deprimiert und enttäuscht, das ist klar. Man darf aber trotz der Enttäuschung nicht vergessen, dass wir sehr viele hervorragend arbeitende Wissenschaftler haben. Wir sind außerdem die einzige baden-württembergische Universität, die ein neues Exzellenzcluster (Brainlinks – Braintools, d. Red.) nach Baden-Württemberg geholt hat – was leider oft übersehen wird.

chilli: Forschen Wissenschaftler nicht lieber an einer Elite-Uni?
Schiewer: Wissenschaftler beurteilen den Wert einer Universität vor allem nach dem wissenschaftlichen Umfeld und der Infrastruktur, auf die sie zurückgreifen können. Ein aktuelles Beispiel: Wolfram Burgard, Professor für Autonome Intelligente Systeme am Institut für Informatik und Sprecher des neu gewonnenen Exzellenzclusters Brainlinks – Braintools, hat gerade einen Ruf an die TU München abgelehnt, der mit der Leitung des Instituts für Robotik und Mechatronik am Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen verbunden gewesen wäre. Das zeigt, dass Freiburg ein hervorragender Forschungsstandort ist.

chilli: Hat der Verlust des Elite-Titels Folgen für die Kooperation mit der amerikanischen Elite-Universität Harvard?
Schiewer: Nein, überhaupt nicht. Das Projekt ist sehr erfolgreich.

chilli: Wie reagieren Sie auf die Forderung ehemaliger Professoren nach Ihrem Rücktritt?
Schiewer: Was ich bekommen habe, ist ein Brief eines einzelnen ehemaligen Professors. Innerhalb der Universität gibt es keine Debatte über einen Rücktritt.

chilli: Täuscht die Exzellenzinitiative nur darüber hinweg, dass es insgesamt zu wenig Geld für die Hochschulen in Deutschland gibt?
Schiewer: Die Grundfinanzierung und die Drittmitteleinnahmen befinden sich vielerorts in einem ungesunden Verhältnis. Deshalb halte ich es für wichtig, durch eine Grundgesetzänderung das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in der Hochschulfinanzierung zu lockern. Die Mittel, die bisher für die Exzellenzinitiative ausgegeben wurden, müssen auch in Zukunft den Universitäten zur Verfügung stehen – in welcher Form auch immer.

chilli: Herr Schiewer, vielen Dank für dieses Gespräch.

Fotos: Schilling, Steve Przybilla