Ein neues Fußballstadion für den Bundesligisten SC Freiburg kostet samt neuer Infrastruktur am Wolfswinkel auf dem Freiburger Flugplatzgelände rund 110 Millionen Euro. 70 Millionen für bis zu 35.000 Plätze, 38 Millionen für die neue Infrastruktur. Eine ganze Reihe von der Stadt beauftragter Gutachter hat bisher keine K.-o.-Kriterien für den Standort gefunden. Und das Finanzierungskonzept steht jetzt auch. Ein letztes K.-o.-Kriterium – neben etwaigen rechtlichen Attacken – könnte der Bürgerentscheid am 1. Februar sein.

 

Denn an jenem Sonntag stimmt Freiburg darüber ab, ob die Stadt den SC beim Bau des Stadions auf Grundlage des Finanzierungskonzepts unterstützen soll. Es ist nach dem zum Bau des Konzerthauses (1988), zum Erhalt des Flugplatzes (1995), zu der Linienführung der Tram über den Rotteckring (1999) und dem zum Verkauf der Freiburger Stadtbau GmbH samt Wohnungsbestand (2006) der fünfte Bürgerentscheid in der jüngeren Vergangenheit. Der Ball liegt erneut beim Bürger. Das erste Spiel im neuen Stadion soll 2019 angepfiffen werden.

Flugplatz Freiburg

Landeplatz fürs Stadion: Hier soll die neue Arena gebaut werden. Bild: Norbert Blau

 

Es ist der 22. November 2011, der die entscheidende Wende bei der Standortsuche für ein neues Stadion markiert. An diesem Tag schreibt die Grünen-Fraktionschefin Maria Viethen an ihren Parteikollegen und Oberbürgermeister Dieter Salomon und beantragt eine Ergänzung zur Beschlussvorlage G-11/252. Diese sah vor, den Flugplatz als Option nicht weiter zu verfolgen. Es geht nur noch um die Kleingartensiedlung Hettlinger zwischen Messe und Güterbahnlinie und um die Hirschmatten am Zubringer Mitte. Die Grünen sind zwar noch skeptisch, ob es überhaupt ein neues Stadion braucht. Wenn aber, dann soll der Flugplatz auch geprüft werden. Heute bezeichnet Salomon den Wolfswinkel als „einzig möglichen Standort im Stadtgebiet“.

 

Den Laien mag es erstaunen, dass ein Stadion so dicht an eine Landebahn gebaut werden kann. Die Experten aber sehen darin offenbar kein grundsätzliches Problem. Geplant sind neben dem Stadion noch zwei Trainingsplätze, rund 2100 Parkplätze, getrennte Busparkplätze für einheimische und auswärtige Fans, eine neue Straßenbahnhaltestelle westlich der Madisonallee, eine neue Verbindungsstraße zwischen derselben und der Granadaallee, Ausgleichsflächen für den Eingriff in die Natur sowie die Sicherung und teilweise Entsorgung der einstigen Deponie Wolfsbuck.

 

Weichen müssten die Segelflieger und die Fallschirmspringer, für die das Rathaus bereits ein Grundstück im Gewerbepark Breisgau an der Rollbahn reserviert hat, auf das die Vereine umziehen könnten. „Wenn das Stadion kommt, werden wir uns für die Zukunft des Segelflugs einsetzen“, versprach Finanzbürgermeister Otto Neideck. Der Motorflug und die Organflüge wären unberührt. Zusätzliche Sicherheit soll die Installation eines GPS-gestützten Anflugverfahrens bringen.

 

Die 70 Millionen Euro für die Arena sollen zu weiten Teilen vom Sportclub aufgebracht, die Infrastruktur aus dem städtischen Haushalt bezahlt werden. Sicher, dagegen regt sich Widerstand. Und die Fraktionen im Rathaus (siehe Seite 10) sind auch unterschiedlicher Auffassung. Die Stadtspitze geht davon aus, dass das Land Baden-Württemberg mindestens elf Millionen Euro zuschießt. „Man kann schon sagen, dass das unsere Minimalforderung ist. Elf Millionen hat der KSC bekommen und der spielt in der zweiten Liga“, sagt OB-Sprecher Walter Preker. Man sei mit dem Land in Gesprächen. Es wäre gut, wenn eine konkrete Zusage bereits bis zum 18. November da wäre, denn an jenem Dienstag soll der Gemeinderat seinen Grundsatzbeschluss fassen. Salomon glaubt fest an eine Mehrheit zugunsten des Neubaus. Spätestens aber am 1. Februar, wenn die Stimme des Volkes über das neue Stadion entscheidet, müsste diesbezüglich Klarheit herrschen. Die Entscheidung liegt beim Koalitionsausschuss der Landesregierung.

 

Wenn es nach dem Willen der Stadt geht, wandern diese elf Millionen plus X in die neu zu gründende SC Stadion Freiburg GmbH & Co. KG, die das 70 Millionen Euro teure Stadion bauen und betreiben soll. 20 Millionen hat der SC auf der hohen Kante, blieben, wenn das Land nur die Minimalforderung erfüllt, maximal 39 Millionen, die finanziert werden müssten. Für 80 Prozent dieser Summe bürgt die Stadt. Das garantiert möglichst niedrige Zinsen, weil das Risiko des Geldgebers an die GmbH & Co. KG damit äußerst gering ist.

 

SC-Stadion

Unklare Zukunft: Der SC würde das Schwarzwaldstadion gerne zum Trainieren behalten. Foto: ns

 

Die Stadt hat trotz der historisch niedrigen Zinsen mit 3,5 Prozent kalkuliert (keiner weiß, wie hoch sie in zehn, elf Jahren sind) und einer Laufzeit von mindestens 25 Jahren. Das würde auf 39 Millionen Euro Kredit eine jährliche Zinslast von anfänglich 1,365 Millionen bedeuten. Hinzu kämen Tilgungen und Abschreibungen auf den Wert der Immobilie (3,6 Prozent per anno). Solange der SC erstklassig spielt, zahlt er 3,8 Millionen Euro Pacht, in der zweiten Liga 2,5 Millionen – womit die Zinsen immer noch lässig bedient werden könnten. Nur die dritte Liga brächte die Stadt in die Bredouille. Für SC-Boss Fritz Keller ist das ein „absolut vertretbares“ Risiko.

 

Zudem bringt das Rathaus das – im Wert noch nicht bezifferte – Grundstück als Einlage in die neue Gesellschaft ein. Es sei, so Salomon, ein „sehr gutes Finanzierungsmodell“, das gemeinsam mit dem Sportclub erarbeitet worden ist. Neideck sprach von einer „sehr konservativen Rechnung“ mit Luft für Einsparungen. Dass der SC, der siebtgrößte Gewerbesteuerzahler in Freiburg, mit seiner Pacht die Arena weitestgehend selber finanziert, ist bundesweit beileibe keine Selbstverständlichkeit.

 

Das sagen die Fraktionen: Von „Positiv überrascht“ bis „Grandiose Fehlpolitik“

 

Gerhard Frey, Vize-Fraktionsvorsitzender „Die Grünen“, 11 Sitze:

Wir waren nicht erstaunt über die Summe, weil im Vorfeld bereits die Rede von 100 bis 130 Millionen war. Wir sind hingegen positiv überrascht, dass der SC solch eine ordentliche Rücklage gebildet hat und bereit ist, sie einzubringen. Wir sehen den SC als Profisportverein als wichtige Institution nicht nur der Stadt, sondern der gesamten Region. Als größte Stadt dieser Region müssen wir unserer Rolle gerecht werden und den Verein unterstützen. Wir werden uns dafür aussprechen, dass das Stadion an dieser Stelle gebaut wird.“

 

CDU, 9 Sitze: Die Fraktion muss sich mit der Frage erst noch befassen.

 

Eine Stellungnahme möchte Renate Buchen, Fraktionschefin der SPD, 8 Sitze, noch nicht abgeben, dafür seien noch zu viele Fragen offen: „Welchen Wert hat das Stadiongrundstück? Werden die Infrastrukturkosten so bleiben, wie sie jetzt geschätzt werden? Was passiert, wenn der Landeszuschuss geringer ausfällt? Wir haben noch viele offene Fragen, vor allem zum Verkehrskonzept und der Finanzierung.“

 

Michael Moos, Fraktionsvorsitzender der Fraktionsgemeinschaft Unabhängige Listen, 7 Sitze: „47 Millionen Euro sind ein Betrag, der für uns überraschend hoch ist. Wir haben viele Fragen zu den Risiken für die Stadt als Bauherrin und Kreditnehmerin. Was ist etwa, wenn die Zinsen in zehn Jahren doppelt so hoch sind?“

 

Coinneach McCabe, Vize-Vorsitzender der Fraktion „Junges Freiburg / Die Partei / Grüne Alternative Freiburg“, 4 Sitze: „Die Stadionfrage wird in der Fraktion unterschiedlich bewertet. Mir persönlich sind die Investitionen der Stadt zu hoch. Zu den 38 Millionen kommt noch das Grundstück, und ich glaube auch nicht, dass es dabei bleiben wird: In der Politik ist es gang und gäbe, dass die erste Kostenschätzung zu niedrig ist.“

 

Gerlinde Schrempp, Vize-Vorsitzende der Fraktion „Freiburg Lebenswert / Für Freiburg“, 4 Sitze: „Wir halten die Berechnungen für unseriös, schließlich stehen noch Gutachten aus. Die veranschlagten fünf Millionen Euro für das Abtragen der ehemaligen Mülldeponie kann man nur als Scherz bezeichnen, jeder Gutachter kann Ihnen sagen, dass das nicht reicht. Außerdem sind die 47 Millionen ja nur ein Teil: da kommt zum Beispiel noch der Landeszuschuss – das sind ja auch Steuergelder –, so dass wir nach unseren Berechnungen bei 60 Millionen liegen. Das Ganze ist eine grandiose Fehlpolitik – es kann nicht sein, dass ein Profisportverein solche unglaublichen Summen in den Hals geworfen kriegt.“

 

Johannes Gröger, Fraktionsvorsitzender Freie Wähler, 3 Sitze: „Das ist ein sehr großer Happen Geld, den die Stadt bringen muss. Fast 50 Millionen nur für die Infrastruktur.  Es gibt hier noch einigen Klärungsbedarf. Im Grunde unterstützen wir, dass der SC ein neues Stadion kriegt. Ob es schlau ist, in der Beschlussvorlage 11 Millionen Euro vom Land reinzuschreiben, wenn man eigentlich mehr will, weiß ich nicht.“

 

Nikolaus von Gayling-Westphal, FDP-Stadtrat, 2 Sitze: „Erstens sind die Kosten fürs städtische Grundstück noch nicht drin und zweitens werden die Summen wie bei allen großen Bauvorhaben am Ende höher liegen. Ich möchte, dass der SC mal alle Zahlen offenlegt. Grundsätzlich bin ich aber dafür, dass der SC ein neues Stadion kriegt. Aber die exakten Zahlen müssen auf den Tisch, bevor ich meinen Arm hebe.“

 

Text: Lars Bargmann