Auf dem Feldberg geht heute eine Ära zu Ende. Nach fast 100-jährigem Bestehen stellt die Messstation des Deutschen Wetterdienstes auf vollautomatischen Betrieb um – eine Sparmaßnahme. Kritiker fürchten, dass sich die Qualität der Vorhersagen nun verschlechtert.  1500 Meter über dem Meeresspiegel pfeift ein eisiger Wind. Die Sicht ist perfekt, der Himmel strahlendblau. Norbert Laile muss sich beeilen. „Wenn ich um 11.58 Uhr noch keine Daten durchgegeben habe, klingelt das Telefon“, sagt der Leiter der Wetterstation auf dem Feldberg. Seine Finger huschen über die Tastatur: Temperatur minus 5,3 Grad, am Horizont ein paar Kumuluswolken. Fehlt nur noch die Windgeschwindigkeit. Eigentlich sollte Laile den Parameter nun auf seinem Bildschirm sehen.

 

Die-Station-ist-nur-per-Pistenraupe-erreichbar-(Foto---Steve-Przybilla-500

 

Doch das Feld bleibt leer, weil der Windgeschwindigkeitsgeber eingefroren ist. Jetzt muss improvisiert werden. Schnell steigt der 63-Jährige aufs Dach, um per Hand zu messen. Zurück am Schreibtisch tippt er, gerade noch rechtzeitig, den verbliebenen Wert ein: Windgeschwindigkeit vier Meter pro Sekunde. Das Telefon bleibt stumm. Solche unvorhergesehenen Ereignisse könnten ein Vorbote für kommende Zeiten sein. Nach fast hundertjähriger Betriebsdauer wird die zweithöchste Messstation des Deutschen Wetterdienstes (nach der Zugspitze) heute auf vollautomatischen Betrieb umgestellt.

 

Wenn dann ein Sensor ausfällt, wird so schnell mehr niemand einspringen können, denn Personal ist auf dem Feldberg nicht mehr vorgesehen. Für Norbert Laile kommt die Umstellung nicht überraschend. „Wir wussten seit Jahren, dass es irgendwann soweit kommen würde“, sagt der Wetterdienstler, der seit 40 Jahren auf dem Feldberg arbeitet. Zu Hochzeiten waren auf der Station fünf Beamte beschäftigt, 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Seit 2011 wird das Personal sukzessive reduziert – zum einen, weil bei der Behörde gespart werden muss; zum anderen, weil die Technik leistungsfähiger geworden ist. Das sieht sogar Laile so: „Ob ein Mensch oder eine Maschine das Wetter abliest, ist egal.“

 

Bundesweit geht der Trend schon länger zur Automatisierung. Von 179 hauptamtlichen Wetterwarten wurden nach Auskunft des Deutschen Wetterdienstes (DWD) bereits 112 auf den Computerbetrieb umgestellt. Damit sollen nicht nur Personal-, sondern auch Betriebskosten eingespart werden. So ist der Aufwand auf dem Feldberg bisher enorm: Im Winter ist die Station nur per Pistenraupe erreichbar. Außerdem muss sie jeden Morgen freigeschaufelt werden. Strom-, Wasser- und Heizkosten summieren sich zusätzlich.

 

Trotz des großen Einsparpotenzials betrachten viele die Umstellung kritisch. „Immer mehr Wetterextreme suchen uns heim“, betont ein Insider, der die Automatisierung für einen „fatalen Fehler“ hält. Unwetter wie der Orkan Lothar, gefährliches Blitzeis oder tennisballgroße Hagelsteine könnten von einer Maschine oft nicht richtig beurteilt werden. „Nur ein Wetterbeobachter kann bei solchen Phänomenen sofort eine Wettermeldung absetzen.“

 

Bergwetterwarte-Feldberg-(Foto---Steve-Przybilla)-500

 

Sogar die Behörde räumt auf Nachfrage ein, dass gewisse Nachteile existieren. „Ein Automat kann einen Menschen niemals ersetzen“, sagt DWD-Sprecher Thomas Schuhmacher. Als Beispiel nennt er die Bestimmung der Wolkendecke: „Wenn über dem Sensor eine kleine Wolke hängt, meldet dieser einen bedeckten Himmel – selbst wenn ringsherum die Sonne scheint.“ Werden Wettervorhersagen also in Zukunft schlechter? „Diesen Sprung würde ich nicht gehen“, so Schuhmacher. „Der Mensch kann einfach mehr.“

 

Letzter Arbeitstag für Norbert Laile: Weil der Windgeschwindigkeitsgeber eingefroren ist, misst er mit der Hand. Foto: Steve Przybilla

Letzter Arbeitstag für Norbert Laile: Weil der Windgeschwindigkeitsgeber eingefroren ist, misst er mit der Hand. Foto: Steve Przybilla

 

 

Frust empfindet Norbert Laile nicht, wenn er an die Zukunft denkt. „Ich bin froh, die Zeit auf dem Feldberg miterlebt zu haben“, sagt der Wetterexperte, der bis Freitag noch alle 30 Minuten seine Daten durchgibt. Temperatur, Feuchtigkeit, Sichtweite, Luftdruck, Niederschlag: All das wird in Zukunft ein Computer übermitteln. Immerhin ein Trostpflaster bleibt den Mitarbeitern: Als Bundesbeamte müssen sie nicht um ihre Jobs fürchten. „Ein Kollege geht nach Freiburg, ein anderer nach Nürnberg“, sagt Laile. „Die Zeiten ändern sich eben.“

 

Text und Fotos: Steve Przybilla

 

Stichwort: Deutscher Wetterdienst

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) mit seinem Hauptsitz in Offenbach am Main ist eine Bundesbehörde, die dem Verkehrsministerium untersteht. Ihr jährlicher Gesamtetat beträgt 292 Millionen Euro, davon 107 Millionen an Personalkosten. Der Wetterdienst liefert pro Jahr etwa 90.000 Vorhersagen sowie 300 Millionen Klimadaten für Forschung und Lehre. Aktuell sind rund 2200 Mitarbeiter beim DWD beschäftigt. (prz)

 

Eingefroren-(Foto---Steve-Przybilla-500

 

Mehr zum Thema: www.chilli-freiburg.de/pdf/archiv/09_03/local.pdf