Er steht lieber hinter der Kamera als davor. Zahlen kann er sich keine merken, Gesichter umso besser. Eigentlich ist er ruhig, doch er wird überschwänglich, wenn es um seine Leidenschaft geht: das Filmemachen. Bereits Simon Schneckenburgers erster Kurzfilm „Nimmerland“ ist ein Erfolg – er sahnte beim Grand-Video-Slam des Freiburger Studierendenwerks den Publikumspreis ab.

Jung, skeptisch, erfolgreich: Simon Schneckenburger.

 

„Mach mal die Augen zu!“ – „Und warum?“ – „Mach einfach.“ – „Schmeckst du die salzige Luft?“ – „Was soll ich schmecken?“ – „Na, du musst es dir vorstellen. Anouk, komm schon, bitte.“ Also schließt Anouk die Augen. Und Finn erzählt vom Meer. Die beiden Jugendlichen liegen auf Asphalt, umgeben von Beton. Im Hintergrund erstreckt sich eine triste Hochhaussiedlung.

 

In der Freiburger Mensa ist es während dieser Szene mucksmäuschenstill. Die letzten Bilder von Schneckenburgers Film flackern über die Leinwand und immer noch – Stille. Erst nach und nach beginnt das Publikum zu klatschen. „Bei den anderen Filmen wurde viel gelacht, und ich habe mir nur gedacht, o je, über meinen Film lacht niemand“, erzählt der junge Regisseur. „Ich habe daher nicht geglaubt, dass er gut ankommt.“

Finn träumt davon, zum Meer zu reisen und erzählt Anouk von einsamen Inseln, Baumhäusern und Zuckerwattemaschinen.

 

Der 23-Jährige hätte sich keine Sorgen machen brauchen: Beim universitären Video-Slam im vergangenen Juli wird Nimmerland als bester Kurzfilm gekrönt, die Zuschauer geben ihm fast die volle Punktzahl. Sie scheinen den ruhigen Film zu mögen, mit seinem Tiefgang und den nachdenklichen Gesprächen der beiden Jugendlichen. „Eigentlich wird man 25 Minuten lang vollgequasselt“, sagt der Filmstudent und lacht. Der Preis ist undotiert, bringt aber die zweifache Ausstrahlung als Vorfilm im Harmonie-Kino.

 

Schneckenburger spricht über Finns Träume und lässt seinen Blick in die Ferne schweifen, als hätte er das Meer genau vor Augen. „Mit der Fantasie kann man sich alles ausmalen“, erklärt der gebürtige Freiburger seinen Protagonisten, „du kannst mit einer Rakete zum Mond fliegen, du kannst übers Meer fahren oder mit dem Mädchen, das du magst, durch die Straßen schlendern.“

Hochhaus, Beton, Asphalt: Grund genug, einmal auszubrechen und weit weg zu fahren?

 

Das Thema für den Kurzfilm, den er für sein Studium Medien, Gestaltung und Produktion an der Hochschule Offenburg dreht, steht für ihn deshalb schnell fest: die Macht der Fantasie. „Die Ideen zu einem Drehbuch kommen immer plötzlich. Tagelang denke ich an nichts anderes und dann schreibe ich fix alles runter.“

 

Was danach kommt, ist nicht mehr so unproblematisch. Zwar sind die Filmcrew und die Schauspieler schnell gefunden, die Drehgenehmigung lässt jedoch auf sich warten. Der Grund: Gedreht werden soll auf einem Kinderspielplatz in einer tristen Hochhaussiedlung, und das Freiburger Location Office macht sich Sorgen, dass der dafür infrage kommende Stadtteil schlecht dargestellt werden könnte.

 

Auch als die Genehmigung kurz vor Drehbeginn noch eintrudelt, gestalten sich die Arbeiten nicht ganz einfach: Schon beim Aufbau des Equipments umringen neugierige Kinder das Team, überschütten es mit Fragen, wollen das Catering probieren und beim Dreh mithelfen. „Einer durfte mal die Klappe schlagen, das wollten die vierzig anderen dann natürlich auch. Man konnte sich einfach nicht auf das Wesentliche konzentrieren. Eigentlich hätte man auch noch Kindergärtner sein müssen.“

The making of: Fünf Menschen vor einer Betonwand. Jungregisseur Schneckenburger hockt gebannt hinter der Kamera.

 

Als der Student das Material im Nachhinein sichtet, ist er deswegen auch nicht zufrieden und fasst den Entschluss, noch einmal zu drehen. Er ändert den Drehort, zieht teilweise sogar in seinen eigenen Garten um, und nach einer Woche hat er den Film im Kasten.

 

Das war im Frühsommer und schon bastelt er an seinem nächsten Projekt „Den Regen im Blick“. Er verfilmt das Drehbuch seines Freundes Tobias Gralke, des Freiburger Slam-Poeten. Und er hat seiner Kunst jetzt einen Namen gegeben: Unter „Fahrtwind Film“ werden seine zukünftigen Projekte erscheinen. Ideen hat er genug. „Ich bin gespannt, was noch so kommt“, sagt er und lacht. „Filmemachen ist ein Fulltimejob. Aber immerhin macht’s Spaß.“

 

Text: Maren Dürr / Fotos: © Maren Dürr; Dominik Sackmann; Christophorus Halsch

 

Nimmerland
Deutschland 2014
Genre: Kurzfilm
Regie: Simon Schneckenburger
Verleih: Fahrtwind Film
Laufzeit: 23:55 Minuten
Anschauen: 2015 auf Vimeo