Wie sieht Freiburg in zehn Jahren aus? In zwanzig, oder in fünfzig? Das sind Fragen, die bei vielen politischen, vor allem städtebaulichen Entscheidungen im Rathaus eine tragende Rolle spielen. Wie viel Wohnraum soll wo entstehen, in welchen Gebieten kann sich Industrie ansiedeln? Einen Blick auf das Freiburg der Zukunft zu werfen, ist nicht leicht. Ein gewisser Herr Löhl hat ihn gewagt. Allerdings gehört diese Zukunft schon längst wieder der Vergangenheit an. „Freiburg im Frühling 1980“ lautet der Titel des fiktiven Reiseberichts, den der Unbekannte im Jahre 1890 veröffentlichte – und den das chilli im Museum für Stadtgeschichte gefunden hat. Daniel Weber hat sie sich angesehen, diese Zukunft der Vergangenheit.


„Wir waren mit dem neuerbauten elektrischen Schiffe Zukunft von Straßburg nach Breisach gefahren und dort auf dem Rheinkanal nach Freiburgs Hafen […] eingebogen. Ein frischer Morgenwind kam uns von den Höhen der Schwarzwaldberge entgegen, die Luft war klar und aus der Ferne grüßten uns die majestätisch ragenden drei Thürme des Freiburger Münsters, zu deren Neubau in riesigen Dimensionen fast ganz Deutschland beigesteuert hatte.“



So beginnt der futuristische Reisebericht von Löhl anno 1890, als Freiburg rund 50.000 Einwohner hatte. „Wer das ist, weiß man nicht. Man kennt auch keinen Vornamen. Vermutlich ist Löhl ein Pseudonym“, erklärt Peter Kalchthaler, der Museumschef. Rund 50 Seiten zählt der Bericht, den der Verlag Rombach trefflicherweise im Jahr 1980 mit Bildmontagen und weiteren Erklärungen wiederveröffentlichte. 50 Pfennig kostete das Original damals, der Erlös war dem Münsterbauverein bestimmt.

Mit der eröffnenden Beschreibung der Ankunft am Freiburger Hafen und dem Blick auf das Münster mit seinen drei Türmen stehen die zwei größten Kuriositäten direkt am Anfang von Löhls Zukunftsbild. Das aber sei nicht einfach einem fantastischen Sinne entsprungen, sondern baue sich auf den Verhältnissen und Zuständen der damaligen Gegenwart auf, wie der Autor wissen lässt. „Im Prinzip ist das wie Jules Verne, der hat seine Utopien ja auch auf der Basis seiner Zeit aufgebaut“, zieht Kalchthalter einen Vergleich zum Vorreiter der Science-Fiction-Literatur.



Die Reise zum Mittelpunkt der Erde tritt Löhl auf den folgenden Seiten nicht an, dafür chauffiert ihn ein Kutscher Richtung Freiburger Zentrum in die Volksfürstenstraße (die frühere Kaiserstraße), vorbei an der „noch ziemlich neuen Clarakathedrale“ (die heutige Stühlinger Kirche, mit deren Bau tatsächlich erst drei Jahre später begonnen wurde), wo am Monumentalbrunnen wie auf allen Plätzen der Stadt eine Kapelle spielt.

Hier befindet sich ein Knotenpunkt, der die Trambahnen in alle Richtungen verbindet. Darüber kreuzt die Hochbahn zwischen den beiden Hauptbahnhöfen in Zähringen und Georgen mit der Bahnlinie London-Paris-Freiburg-Konstantinopel. Auch eine der drei großen Markthallen befindet sich hier, fantasiert Löhl. Einen Freizeitpark gibt es auch, den sogenannten Moosgarten im Westen. Dann geht es vorbei am Siegesplatz, der so heißt, weil hier vor Jahren einmal das Siegesdenkmal gestanden hat. Das hält aber inzwischen an der südwestlichen Ecke des Schlossbergs Ausschau. Diese will Löhl später auch genießen, also geht es mit einer Seilbahn nach oben.



Auf halber Höhe
befindet sich das Krematorium, das die Urnen der Toten birgt. Einen Friedhof gibt es in Löhls Zukunft nämlich nicht mehr. Ein paar Meter weiter oben steht das Gefängnis und auch ein großes Sanatorium befindet sich in erhöhter Lage, in der Gegend des Güntersecks. Der Blick vom Schlossberg streift nordwärts in das Studentenviertel der Stadt, das auch als Herdernviertel bezeichnet wird.

So finden sich neben Kuriosa an vielen kleinen Stellen des Reiseberichts aus dem Jahr 1890 tatsächlich überraschende Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit von heute. Allerdings nicht im letzten Satz. Denn da sitzt Löhl am Ende seines ereignisreichen Tages in einem Hotelzimmer und schaut auf die tanzenden Lichter auf dem Lorettosee.



Text: Daniel Weber / Fotos: Rombach Verlag