Für die einen ist es ein gelungener Beitrag zur Resozialisierung, für andere ein Angriff auf den freien Markt: In der JVA Freiburg gehen 475 von derzeit 558 Gefangenen arbeiten. Weil sie mit einem Durchschnittsverdienst von zwei Euro pro Stunde unschlagbar günstig sind, lassen viele Großunternehmen im Gefängnis produzieren – für den Mittelstand eine ernstzunehmende Konkurrenz. Die Handwerkskammer warnt vor Wettbewerbsverzerrung.

 

Wenn’s um die Arbeit im Kittchen geht, wird das Justizministerium kreativ. „Wir lassen Sie nicht sitzen“ lautet das durchaus doppeldeutig gemeinte Motto, mit dem die Behörde das „Vollzugliche Arbeitswesen“ präsentiert. Dass der Staat gut lachen hat, verwundert nicht, denn von Arbeitsbedingungen, wie sie hinter Gittern herrschen, können die meisten Arbeitgeber nur träumen: Der durchschnittliche Insasse verdient zwei Euro pro Stunde. Es gibt eine Arbeitspflicht, aber keine Gewerkschaften. Wenn die „Angestellten“ Feierabend haben, benötigen sie nur wenige Meter bis nach Hause – in ihre Zellen.

Während Gefängnisse oft als abgeschottete Gebilde wahrgenommen werden, hat sich hinter den Mauern längst ein schlagkräftiges Wirtschaftssystem etabliert. Für die meisten Insassen bedeutet die Arbeit eine willkommene Abwechslung von der Monotonie des Zellen-Daseins – sie werden in der Tat nicht sitzen gelassen. Außerdem können sie eine Ausbildung zum Schreiner, Koch, Metzger, Industriemechaniker, Teilezurichter, Modenäher, Schweißer, Gabelstaplerfahrer oder Gebäudereiniger machen. Jenseits der Mauern, in der freien Wirtschaft, stoßen die staatlich subventionierten Handwerksbetriebe jedoch nicht immer auf Gegenliebe.

„Bis ein Schreiner sich eine moderne CNC-Maschine leisten kann, hat die JVA schon zwei neue“, sagt Bernd Schwär. Als Obermeister der Freiburger Schreiner-Innung hält er sich oft im Gefängnis auf, weil er den Insassen auch die Gesellenprüfung abnimmt. „Dort ist alles nagelneu, besser als in einer normalen Schreinerei“, sagt Schwär. Im Vergleich zum Knast sei das Preisniveau draußen mindestens zehn Mal so hoch. Die Folge: Auftragsverluste. „Einmal sollte ich Wahlplakate für eine Partei herstellen“, erzählt Schwär, „die JVA hat fünf Euro pro Stück verlangt. Als ich 17 Euro geboten habe, wurde ich ausgelacht.“

Hinter Gittern: Zur Abnahme der Schreiner-Gesellenprüfung kommt der Innungsmeister vorbei – und ist dann schon mal neidisch auf den Maschinenpark.

 

 

Solche Fälle sind allerdings die Ausnahme, beteuert die JVA. Anstaltsleiter Thomas Rösch sieht nicht hiesige Mittelständler als Wettbewerber an, sondern Billiglohnländer. „Die Frage ist doch, ob ein Unternehmen im Ausland produzieren lässt oder bei uns.“ So diene die JVA vielen Großkunden im Ländle als „verlängerte Werkbank“. Mal polieren die Insassen Mercedes-Sterne, ein anderes Mal produzieren sie Porsche-Auspuffe. Zurzeit läuft die Herstellung von Modell-Autos der Firma Faller auf Hochtouren. „Dadurch sichern wir Arbeitsplätze in Deutschland“, verteidigt Rösch die Maloche hinter Gittern.

Doch längst nicht nur die Großindustrie steht auf Produkte aus dem Gefängnis. Jeder kann sie kaufen und zuvor in einem 111-seitigen Hochglanzkatalog im Internet studieren (http://vaw-baden-wuerttemberg.de). Dort werden Tische, Schränke und Büromöbel der knast-eigenen Marken „Stilisto“ und „Classico“ präsentiert („Auch über Eck eine runde Sache“). Ab einem Wert von 150 Euro erfolgt die Lieferung frei Haus. „Trotzdem gibt es im Zweifel einen Tisch bei Ikea billiger“, gibt Rösch zu bedenken. Immerhin entstünden im Gefängnis Kosten, die es in der freien Wirtschaft nicht gebe: „Wir müssen ständig für Sicherheit in den Werkstätten sorgen. Da soll schließlich niemand ein Schießeisen bauen.“

Von außen betrachtet funktioniert das vollzugliche Arbeitswesen tatsächlich wie ein Konzern: In Stuttgart dirigiert die Zentrale ihre 18 Niederlassungen, wobei die JVA Freiburg laut Rösch weitgehend autonom agiert. Schaut man sich die Betriebsergebnisse an, legte der Landesbetrieb als Gesamtkonzern 2011 einen Gewinn von 1,86 Millionen Euro hin, wobei in den „Filialen“ große Schwankungen auftreten: So machte das Mannheimer Gefängnis 156.617 Euro Verlust, während die JVA Ulm einen Gewinn von über einer Million Euro erwirtschaftete. Freiburg schreibt seit 2006 schwarze Zahlen (siehe Infobox) und peilt für dieses Jahr einen Gewinn von 120.000 Euro an. „Das Geld können wir wiederum investieren“, sagt Rösch. Aktuell stehe die Anschaffung einer 300.000 Euro teuren CNC-Maschine für die Schreinerei an.

Bringt das die ortsansässigen Mittelständler weiter in die Bredouille? Die Handwerkskammer Freiburg gibt sich zurückhaltend: „Die Ausbildung ist ein wichtiger Bestandteil der Resozialisierung und verbessert die Wiedereingliederung in die Gesellschaft“, erklärt Handwerkskammer-Sprecher Martin Düpper auf chilli-Anfrage. Solange ausschließlich für öffentliche Gebäude produziert werde, werte man dies nicht als Konkurrenz. „Kritisch wird es, sobald für den freien Markt gefertigt wird. Da für die Gefängniswerkstätten andere Voraussetzungen bestehen, was beispielsweise Entlohnung und Besteuerung angeht, erkennen wir hierin eine Wettbewerbsverzerrung.“

Nur nichts mit in die Zelle nehmen: Nach der Schicht in der Werkstatt werden die Gefangenen sorgfältig kontrolliert.

 

 

Auch Obermeister Bernd Schwär will den Teufel nicht an die Wand malen. „Mal abgesehen vom Preis bietet die freie Wirtschaft viele Vorteile“, so Schwär. Dort könne man individueller und beweglicher arbeiten, die Produktivität sei um ein Vielfaches höher. „Was machen Sie denn, wenn ein Möbelstück nicht passt? Bringen Sie es dann in die JVA zurück?“ Er habe beim Neubau des Freiburger Regierungspräsidiums die Möbel eingebaut, die vorher hinter Gittern gefertigt worden waren: „Die Maße haben nicht gestimmt, die Qualität war schlecht und die Mengen waren auch falsch“, erzählt er. Weil aber die JVA ihre Mitarbeiter nicht nach draußen schicken kann, profitieren auch andere Schreinereien indirekt von den Aufträgen. Der Schaden halte sich in Grenzen. „Das betrifft eher die großen Möbelbauer. Wenn ihnen die JVA einen Auftrag wegschnappt, sind schnell mal 100.000 Euro weg.“

Text: Steve Przybilla / Fotos: Lars Bargmann, Steve Przybilla

Betriebsergebnisse 2001-2011:
2001: -434.780,58 Euro
2002: -493.197,38 Euro
2003: -289.408,19 Euro
2004: -163.270,92 Euro
2005: -148.926,75 Euro
2006: 74.237,46 Euro
2007: 209.792,00 Euro
2008: 188.554,00 Euro
2009: 46.999,82 Euro
2010: 252.563,34 Euro
2011: 132.049,00 Euro