Gut leben und gut sterben – das will die Hospizgruppe Freiburg ermöglichen. Eike Schüler und Regine Schröder sind zwei der 56 Ehrenamtlichen, die Sterbende begleiten. Beide sagen: Hospizarbeit macht ihr Leben schöner.

 

Vor jeder Sterbebegleitung hält Regine Schröder an der Schwelle zum Patientenzimmer kurz inne. „Dann lege ich meine eigenen Päckchen ab.“ Ihre Gedanken und Sorgen werden am Sterbebett zur Nebensache. „Alles was ich habe, gebe ich dem Menschen“, erzählt die 57-jährige Profi-Geigerin.

„Ich lege deren Hand in meine.“

 

Seit sieben Jahren engagiert sich Schröder bei der Freiburger Hospizgruppe. Etwa 25 Sterbende hat sie begleitet – im Krankenhaus, zu Hause oder im Pflegeheim. „Das ist eine tolle Erfahrung“, sagt Schröder, „eine der intensivsten des Lebens.“ Mal werde gesprochen, mal geschwiegen. „Vor dem ersten Treffen bin ich immer etwas nervös.“ Denn teilweise erwartet sie „harte Kost“: Tumorpatienten mit starken Schmerzen. Menschen, die ins Koma fallen. Menschen, die gegen den Tod rebellieren.

 

Als Erstes stellt sie sich den Sterbenden vor, fragt, wie es ihnen geht und ob sie etwas auf dem Herzen haben. Oft werde sie gefragt, wie das Wetter ist, was sich in Freiburg tut. „Ich bin dann das Bindeglied zur Welt.“ Wird geschwiegen, versucht sie anders präsent zu sein: „Ich lausche dem Atem, beobachte die Augen.“ Wichtig ist ihr auch Körperkontakt. „Ich lege deren Hand in meine.“

 

Ein Besuch dauert ein bis zwei Stunden. „Dann gehe ich zurück in mein Leben“, sagt Schröder. Der Moment sei berauschend: „Ich sehe den Himmel, die Blätter, spüre, dass ich lebe.“ Den Tod zu sehen, nehme ihr die Angst vor dem eigenen.

Mit dem Tod vertraut: Eike Schüler und Regine Schröder sind seit vielen Jahren Hospizhelfer.

 

Einer der wenigen Männer der Hospizgruppe ist Eike Schüler. Der 79-Jährige begleitet seit fast 13 Jahren Sterbende. Der Tod seines Vaters hat ihn zur Hospizarbeit gebracht. Sein erster Fall war gleich der schwierigste: Ein Obdachloser um die 40, Raucher und Trinker mit Metastasen in Hals und Kehle, er hing an Schläuchen. „Das war furchtbar“, erinnert sich Schüler. Er zog es dennoch durch, betreute ihn mehrere Wochen.

 

Mehr als 60 Menschen hat er seitdem begleitet – und dabei viel Schönes erlebt. Nach den Besuchen seien die Menschen in der Regel ruhiger und bereit zu sterben. Dafür bietet Schüler das, was Ärzte aus Zeitmangel nicht leisten können: in Ruhe am Bett sitzen, gemeinsam reden, gemeinsam schweigen. „Sie müssen überhaupt nichts sagen“, ist einer der ersten Sätze. Schweigen könne erfüllend sein. „Aus der Stille des Daseins entsteht etwas.“

 

Eine Begleitung war besonders aufwühlend: „Der Mann hatte große Angst vor dem Tod und hat mit Windeln nach mir geschmissen.“ Schüler projizierte dessen Sorgen auf sich, war verzweifelt. Doch als er dem Sterbenden anvertraute, dass er selbst Angst vor dem Tod habe, sei das Verhältnis schlagartig besser geworden.

 

Zu den schönsten Fällen gehörten zwei Männer, die im Laufe der Begleitung Frieden mit dem Leben schließen konnten. „Am Ende hatten sie ein buddhistisches Lächeln auf den Lippen.“ Da hatte Schüler das Gefühl: „So möchte ich auch sterben. Friedlich und zu Hause.“ Die Begleitungen sind für ihn meditativ. „Ich kann dabei etwas wahrnehmen, das frei von Ego und Ich ist.“ Sorgen werden relativ.

 

Text: Till Neumann / Fotos: © iStock.com/BingoPixel, tln

 

 

Hospizgruppe
Begeleiten, Beraten, trösten


Die Hospizgruppe Freiburg betreut seit 25 Jahren Sterbende. Die Begleitung findet zu Hause, im Pflegeheim oder im Krankenhaus statt. Auch Gespräche für Angehörige und Trauernde werden angeboten. Wer als Sterbebegleiter arbeiten möchte, kann die Hospizgruppe kontaktieren. Weitere Infos – auch zum Jubiläumsprogramm – gibt’s auf www.hospizgruppe-freiburg.de