Mixed Martial Arts. Der Kampf Mann gegen Mann. Es gibt wohl keinen härteren Sport als diese Mischung aus vielen verschiedenen Kampfsportarten. Vielerorts als pure Prügel-Arie abgestempelt, ist der Sport in den USA ein Multimillionendollargeschäft. Mittendrin ist ein Freiburger: Pascal Krauss bereitet sich derzeit auf seinen großen Kampf in der amerikanischen Profiliga UFC vor.

Am 5. Mai geht für den 24-jährigen Freiburger Sportstudenten eine lange Leidenszeit zu Ende. Und eine neue beginnt. Jedoch eine, nach der er sich sehnt. Maximal 15 Minuten wird sie dauern, unterteilt in drei Runden, sein Gegner ist John Hathaway aus England – ein in der Szene bekannter Name. Austragungsort wird in einer Arena in New Jersey das Oktagon sein, ein achteckiger Käfig, der das Markenzeichen der amerikanischen Liga Ultimate Fighting Championship ist. Der dort gezeigte Sport Mixed Martial Arts (MMA) verbindet Faustkampf wie beim Boxen, Tritt-, Knie- und Ellenbogentechniken wie beim Thaiboxen, Wurftechniken wie beim Ringen und Judo, sowie Bodenkampf wie beim Brazilian Jiu Jitsu. Der Fernsehsender FOX wird das Spektakel live übertragen und über das Internet werden Menschen weltweit dabei sein. „Ich kann es nicht mehr erwarten“, sagt Pascal Krauss.


Bis dahin sind es noch ein paar Wochen. Es ist früher Mittag an einem Frühlingstag. Die Sonne scheint zwar, aber sie wärmt noch nicht. Krauss kommt gerade von der ersten Trainingseinheit des Tages. Er trägt eine dicke Jacke, darunter einen weiten Kapuzenpullover, auf dem Kopf sitzt eine Wollmütze. Wir treffen uns in der Freiburger Innenstadt in einem Lokal, Krauss bestellt Pellkartoffeln mit Kräuterquark: Kohlenhydrate müssen her. Danach geht es zum Schwimmen, mindestens 90 Minuten lang will er seine Bahnen ziehen. Es ist ein ganz normaler Tag im Leben eines nicht ganz normalen Freiburger Studenten. „Ich quäle mich gerne, das macht mir Spaß“, erzählt der wuchtige Kampfsportler, der nach dem Kampf ins letzte Semester seines Sportwissenschaftsstudiums an der Uni startet.

Krauss ist 1,85 Meter groß, wiegt 85 Kilogramm (Kampfgewicht 77) und hat in den vergangenen vier Jahren einen kometenhaften Aufstieg von lokalen Veranstaltungen über die europäische Spitze mit dem Titelgewinn beim englischen Cage Warrior Verband bis hin ins Mekka seines Sports, der amerikanischen UFC, hingelegt. Sein Spitzname ist Panzer. In ein paar Tagen wird er in die USA fliegen und sich in einem Trainingscamp noch viel intensiver auf seinen Kampf vorbereiten. „Mit diesem Kampf kann ich mir einen Namen in den Staaten machen“, erzählt er. „Ich hoffe, dass ich dort erfolgreich und bekannt genug werde, mich nur noch auf den Sport konzentrieren und mir aussuchen kann, was ich sonst mache. Das ist das Ziel und der Traum.“

Aktuell verdient Krauss mit einer Kampfgage wohl so viel wie seine Kommilitonen mit Nebenjobs während des ganzen Studiums. Die Stars in der UFC verdienen mit Werbeverträgen mindestens in den Hunderttausendern – und steigen pro Jahr höchstens vier bis fünf Mal in den Käfig. Wer auf dem Weg nach oben ist, aber ein, zwei Mal verliert oder – in den Staaten noch schlimmer – nicht unterhaltsam ist, kann im harten Geschäft schnell von der Bildfläche verschwinden. „Aber wenn ich die nächsten zwei, drei Gegner weghaue, dann kann sich da schon was entwickeln“, erzählt der gebürtige Freiburger, „dann stehen mit die Wege schon offen“. Nach seiner Kampfsportkarriere kann er sich vorstellen, als Personaltrainer etwa von Hollywoodstars in den USA zu arbeiten. Doch bis dahin sind es noch ein paar Jahre.


In seiner Jugend begann Krauss mit dem Boxen, war Landesmeister und Deutscher Vizemeister bei den Junioren, später auch erfolgreicher Ringer. Bei einem Urlaub in den USA sah er die UFC im Fernsehen und war sofort angefixt. Er lernte den Freiburger Judo-Trainer Gregor Herb kennen, selbst MMA-Fighter, begann 2007 mit Brazilian Jiu Jitsu und bestritt wenig später seinen ersten Kampf im Mixed Martial Arts (MMA). Seither reist er in den Semesterferien durch die Welt und besucht Trainingscamps in Rio de Janeiro, Las Vegas und Los Angeles. „Es ist schon ein Privileg, das alles machen und erleben zu dürfen. Die Hälfte des Jahres bin ich unterwegs, meistens in den Staaten“, erzählt Krauss, „aber man braucht sehr viel Disziplin, um sich im MMA durchzusetzen.“ Zehn solcher Kämpfe hat er bis heute absolviert, jeden gewann er.

Vor 17 Monaten stand er zuletzt im Ring – besser gesagt: im Käfig. Da gab Krauss bei der bislang einzigen UFC-Veranstaltung in Deutschland sein Debüt, gewann und bekam die Auszeichnung für den unterhaltsamsten Kampf des Abends, nachdem er sich über die volle Kampfdis-tanz ein hartes Duell mit seinem Gegner geliefert hatte. „Das war das erste Mal, dass ich über die gesamte Distanz gehen musste. Es war ein ausgeglichener Kampf. Wir haben uns im Stand geprügelt, Würfe gezeigt und auf dem Boden gekämpft. Die ganze Zeit ging es in hohem Tempo hin und her“, erinnert er sich. „Es war ein harter Kampf, ich musste ganz schön viel einstecken. Aber die ganze Halle in Oberhausen stand hinter mir, 11.000 Leute, das war der Wahnsinn.“

Wenig später verletzte er sich im Vorfeld des zweiten von vier vertraglich vereinbarten Kämpfen beim Training an der Schulter und konnte fast ein Jahr lang kaum trainieren. Für den ehrgeizigen Sportler eine Katastrophe. Seither arbeitet er sich wieder an seine alte körperliche Form heran. Neben den Rückschlägen durch Verletzungen und Angriffen von Gegnern muss er sich auch immer wieder gegen Stimmen von Kritikern wehren. Dem Sport haftet ein Stigma an: MMA sei nichts weiter als wüste Prügelei. „Die Leute kennen den Sport nicht und sehen ihn durch eine oberflächliche Berichterstattung mit den falschen Augen“, entgegnet Krauss, der wie auch sein Freiburger Trainer Gregor Herb schon schlechte Erfahrungen mit den Medien – von der BILD-Zeitung bis zum SPIEGEL – gemacht hat. „Es ist eine Aufklärungssache“, sagt Herb. „Wenn man diesen Sport nur aus Zehn-Sekunden-Sequenzen mit den härtesten Knockouts kennt, weiß man nicht, dass es sich auf dem Niveau, auf dem Pascal antritt, um anspruchsvollen Hochleistungssport handelt. Die Leute müssen akzeptieren, dass es sich um einen normalen Sport mit seinen Eigenheiten handelt.“ In Herbs Trainingszentrum trainieren ganz normale Menschen aus allen Schichten MMA. Die Medien würden oft unterschiedliche Maßstäbe ansetzen, das berichten, was zum Vorurteil passt, was sich am besten verkaufen ließe. „Es ist ein harter, aber kein brutaler Sport“, sagt Krauss, bevor er sich an diesem Frühlingstag ins Training verabschiedet. Mittlerweile ist er in den USA. Bis zu seinem Kampf sind es nur noch ein paar Tage. Sportlich steht Krauss vor den wichtigsten 15 Minuten seines Lebens.

Text: Daniel Weber / Fotos: Promo