Das jüdische Kaufhaus Knopf in Freiburg
war Teil einer bedeutenden Warenhauskette

Im Jahr 2012, vor wenigen Monaten, hätte das Warenhaus Knopf in der Freiburger Kaiser-Joseph-Straße 192 sein 125-jähriges Bestehen feiern können – doch schon die Feier zum 50-jährigen Jubiläum, das im März 1937 fällig gewesen war, musste ausfallen: Zum 1. April 1937 ging das jüdische Warenhaus samt seiner südbadischen Filialen in Emmendingen, Lörrach und Schopfheim nach massivem Druck der Nationalsozialisten in „arischen“ Besitz über. Arthur Knopf, der Sohn des Kaufhausgründers Sally Knopf, konnte sich 1939 als 60-Jähriger noch in die Schweiz retten, seine damals 53-jährige Schwester Betty aber brachten die Nazis 1940 „als minderwertiges Leben“ in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb in der Gaskammer um. Dass das Freiburger Kaufhaus Knopf Teil einer großen, bedeutenden Warenhauskette mit bis zu 70 Filialen war, wussten in Südbaden bis zuletzt nur wenige – und die Familie Knopf selbst trug erstaunlich wenig dazu bei, diese Lücke zu schließen.

Das Warenhaus Sally Knopf in Freiburg um das Jahr 1930. Links zu sehen der 1904 errichtete neobarocke Teil, der 1932 verändert werden musste.

 

 

Ein Verhalten, das unter jüdischen Unternehmern aber gar nicht so selten war: Angesichts des schon Ende des 19. Jahrhunderts im Deutschen Reich grassierenden Judenhasses vermieden viele wirtschaftlich erfolgreiche Juden, wo es nur ging, öffentliches Auftreten und Aufsehen – so zogen viele es auch vor, ihr Unternehmen nicht mit ihrem eigenen Namen zu kennzeichnen. Knopf war da unverdächtiger, da dieser Name nicht nur von Juden getragen wurde. Und doch verlief die Gründung der Freiburger Firma eigenartig: Als „Straßburger Engros-Lager M. Knopf“, Kaiserstraße 32, stellte sich das Unternehmen im März 1887 der Öffentlichkeit vor, dabei offenbarte das Handelsregister wenig später eindeutig, dass Inhaber der Firma von Anfang an Sally Knopf (1845–1922) und seine Frau Rebekka (1851–1935) waren. Klang Sally zu jüdisch?

Sally Knopf auf einem Gemälde aus dem Jahr 1920.

M. Knopf – das stand für Moritz Knopf, den sieben Jahre jüngeren Bruder, der auch schon 1881 mit seinem Namen Pate gestanden hatte für die erste Knopf-Gründung in Süddeutschland: für das Stammhaus der Geschwister Knopf in Karlsruhe. Auch da dauerte es sechs Jahre, bis aus der Firma von M. Knopf in der Kaiserstraße 147 offiziell das Leinen-, Wäsche- und Weißwaren-
geschäft Geschwister Knopf wurde. Auch die Geschwister Knopf geben bis heute Fragen auf: Gemeint waren damit Max Knopf (1857–1934) und seine zehn Jahre ältere Schwester Johanna, über deren Schicksal bis heute kaum etwas zu erfahren ist. Max Knopf war der jüngste von vier Brüdern und wohl der erfolgreichste. Als er 1934 starb, wurde sein Teil der Warenhauskette Knopf auf einen Wert von etwa 12 Millionen Reichsmark geschätzt.

 

 

Seit der Eröffnung des Karlsruher Stammhauses 1881 hatte Max Knopf in mehr als zwei Jahrzenten 28 Filialen gegründet: von Luxemburg bis München, von Konstanz bis Frankfurt, von Colmar bis Bayreuth. Dies zum Teil mit den beiden Schwagern Rudolf und Herrmann Schmoller, unter deren Namen die Häuser etwa in Mannheim, Frankfurt, Bayreuth, Nürnberg und München liefen. Diese wurden aber von 1904 an allein im Eigentum von Max Knopf betrieben, nachdem sich die Schmollers als wohlhabende Privatiers nach Berlin zurückgezogen hatten.

Ein Jugendstil-Juwel war das 1904 eröffnete Straßburger Warenhaus von Moritz Knopf.

 

Und Moritz Knopf? Obwohl er in Freiburg wie in Karlsruhe als Inhaber der Stammhäuser und als Einwohner gemeldet war, hatte er schon 1882 Straßburg zu seinem Hauptsitz gewählt. Auch hier schuf er aus kleinen Anfängen ein großes Warenhaus, das 1904 in einen von den renommierten Jugendstil-Architekten Berninger & Krafft entworfenen Neubau in den Gewerbslauben (jetzt Rue des Grand Arcades) umzog.

Heute ist dieser an Pariser Vorbildern orientierte Prachtbau hinter einer belanglos modernen Glasfassade verborgen. Nur der 1911 fertiggestellte Erweiterungsbau am Neukirchplatz (Place de Temple Neuf), ebenfalls von Berninger & Krafft, verrät noch deren besondere architektonische Handschrift – und natürlich die Villa Knopf in der Rue Schiller 10, eine Perle der Nouveau Art. Moritz Knopf, auch er von seiner Frau Flora tatkräftig unterstützt (sie hatte Prokura), engagierte sich vor allem im Elsass, in Lothringen und im Saarland, wo er die meisten seiner 24 Filialen errichtete. Auch wenn die Brüder Knopf das Gebiet im Südwesten des Deutschen Reichs und in der Schweiz unter sich aufgeteilt hatten, gab es Ausnahmen von der Regel. So eröffnete Moritz Knopf Filialen in Lahr (1892) und Offenburg (1891–1905), also eigentlich in dem Gebiet von Sally Knopf. Dessen Sohn Arthur Knopf versuchte es in Offenburg zwischen 1929 und 1933 noch einmal mit einer Filiale, scheiterte letztlich aber auch. Max Knopf dagegen „räuberte“ in Colmar und Diedenhofen, aber auch in Schaffhausen und Winterthur. Die Schweiz gehörte zum „Stammland“ von Sally Knopf, der 1895 in Basel in der Freiestraße sein erstes Warenhaus präsentierte (es war 1978 auch das letzte Warenhaus im Besitz der Familie Knopf, ehe es an C & A verkauft wurde). Sally Knopf kam zu seinen besten Zeiten auf 16 Filialen, davon zehn in der Schweiz, etwa in Genf, Bern, Fribourg, Luzern und Interlaken. Wenig von sich reden machte der vierte der Knopf-Brüder namens Albert. Er betrieb in Zürich und in Baden in der Schweiz ein Warenhaus, mehr weiß man bislang nicht.

An Frankfurts Einkaufsmeile, der Zeil, entstand 1904 das Warenhaus Hermann Schmoller, das ebenfalls Max Knopf gehörte.

 

 

Drei Stammhäuser in Freiburg, Karlsruhe, Straßburg – und doch eine Einheit, zumindest was den Einkauf angeht. Dieser wurde für alle Geschäfte zentral in Karlsruhe organisiert, womit Knopf große Warenmengen direkt in den Fabriken bestellen und damit vor Ort die Konkurrenz aus selbstständigen Detailgeschäften regelmäßig unterbieten konnte: Barzahlung, feste billige Preise, freie Besichtigung, Rückgabemöglichkeit – und das alles nach der Devise: großer Umsatz – kleiner Gewinn. Das war das Erfolgsrezept aller großen Warenhäuser jener Zeit.

Sie waren bis auf Karstadt fast alle von Juden gegründet worden – und was noch mehr erstaunt: Nahezu alle der großen Warenhausgründer stammten aus Birnbaum, einem ehemals polnischen Städtchen an der Warthe, das um 1850 aber zum damals preußischen Bezirk Posen gehörte. 30 Prozent der Bewohner waren Juden – und auf dem Sprung nach Westen, da gerade den Tuchmachern und Kaufleuten unter ihnen durch die polnische Teilung ihr Absatzmarkt im Osten versperrt war.

1928 bezog Arthur Knopf die Villa in der Beethovenstraße in Freiburg. 1935 musste er sie verkaufen, heute ist darin ein Montessori-Kindergarten.

 

 

In der Synagoge des Orts trafen sie sich jede Woche: die Familien Tietz, Joske, Ury, Wronker und Knopf und beratschlagten wohl danach, was zu tun ist und wovon ihre vielen Kinder später mal leben sollten. Hermann Tietz (1837–1907), der auf seinen Handelsreisen weit herum kam und auch bei Verwandten in Amerika war, brachte von dort die Idee mit: die Gründung von Textil- und Gemischtwarenläden, die sich durch gemeinsamen Einkauf und den schnellen Umschlag der Waren zu Warenhäusern entwickeln können. Anzunehmen, dass die Birnbaumer schon damals das Reichsgebiet unter sich aufteilten – und den Knopfs den Südwesten zuwiesen.

Aus der Familie Tietz entsprangen zwei große Warenhauskonzerne: Hermann Tietz, in der NS-Zeit „arisiert“ zu Hertie und später Union, und Leonhard Tietz, aus dem der „arische“ Kaufhof wurde. Wie Karstadt war vor allem Hermann Tietz in der Wirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre als Aktiengesellschaft so hoch verschuldet, dass der Konzern staatlicher Hilfe bedurfte – die selbst Adolf Hitler nicht verweigern mochte, obwohl das eindeutig dem Parteiprogramm der NSDAP widersprach: Hunderttausende von Arbeitsplätzen hingen davon ab.

Die Knopfs, bis 1918, als alle Filialen im Elsass und in Lothringen enteignet wurden, die größte Warenhauskette im Deutschen Reich, gingen nicht den Schritt zur Aktiengesellschaft, zum großen Kapital. Ihr Wachstum war organisch, wie auch der Verzicht auf Filialen, die nicht liefen. Die eigene Unabhängigkeit galt den Brüdern als höchstes Gut – bis die Nazis brutal eingriffen. Spätestens von 1937 an zwangen sie die verbliebenen jüdischen Warenhäuser zum Verkauf, zur Aufgabe – und nahmen den ins Ausland, die Schweiz oder die USA, fliehenden Knopf-Erben vorher so gut wie alles weg. Ihr Leben konnten sie retten – nicht aber das von Betty Knopf, der geisteskranken Tochter von Sally Knopf. Und auch Dr. Georg Schmoller, Sohn von Rudolf Schmoller und Röntgenarzt in Berlin, wurde er 1944 in Auschwitz umgebracht.

Text: Bernd Serger
Fotos: Kreisarchiv Breisgau-Hochschwarzwald, Sammlung Serger, Stadtarchiv Lörrach

Aus Knopf wurde 1937 Richter: Stolz präsentierte das „arisierte“ Kaufhaus sich und den Wagenpark.

 

„Arisierung“
Die Nazis überließen die Warenhäuser Knopf in Freiburg, Emmendingen und Lörrach 1937 dem bisherigen Prokuristen Fritz Richter und dem Justitiar von Knopf, Walter Roth. Beide erwarben 1939 auch die Gebäude zu äußerst günstigen Bedingungen. Die Sparkasse Freiburg sicherte sich 1939 das Eckgebäude Kaiser-Joseph-Straße 190 in Freiburg, musste dafür aber Anfang der 50er Jahre 50.000 Mark nachzahlen. Auch die Warenhäuser von Max Knopf wurden 1938 „arisiert“: Das Stammhaus in Karlsruhe ging an Friedrich Hölscher, der dies, mit Einverständnis der Knopf-Erben aus den US A, 1954 an Karstadt verkaufte.