Der Sportclub Freiburg ist nur noch zweitklassig. Und auch wenn alle Verantwortlichen stets betonen, dass das normal sei und natürlich immer zweigleisig geplant werde: So richtig vorbereitet war auf den vierten Abstieg der Breisgauer niemand. „Die Gelassenheit ist einer unserer größten Schätze. Den geben wir niemals her“, hat SC-Präsident Fritz Keller mal gesagt.

Es war vielleicht ein bisschen viel Gelassenheit, ein bisschen viel Harmonie. Es wäre deutlich leichter gewesen, in der Liga zu bleiben, als in der kommenden Saison den direkten Wiederaufstieg zu schaffen. Die Sorglosigkeit, gepaart mit viel Unglück, Pech und Unvermögen, kostet den Verein wohl bis zu 25 Millionen Euro.

Nicht zum Hinschauen: Christian Streich erlebte eine an Intensität nicht zu überbietende Saison und kämpfte am Ende mit den Tränen.

 

„Es werden schlimme, schlimme Wochen.“ Christian Streich stockte, hatte mit den Tränen zu kämpfen. Das 1:2 in Hannover hatte gerade den Abstieg aus dem Oberhaus besiegelt. Es wurde real, was 90 Minuten vorher allenfalls fernes Kalkül war. Der „worst case“ war eingetreten.

 

Es war ein trauriges Finale einer Saison, die von Anfang an nicht richtig gut lief. 34 Mal sind die Freiburger aufgelaufen, nur sieben Mal kehrten sie mit dem Lächeln der Sieger zurück. Erst am 2. November, am 10. Spieltag, reckten die Spieler nach dem Elfmetertor von Darida erstmals die Fäuste in den Kölner Abendhimmel. Dann kam Schalke – und war beim 2:0 chancenlos. Und dann gewann der SC bis zur Winterpause wieder kein Spiel mehr.

 

Mit der Roten Laterne ging es in die Winterpause. In der kam aus Bremen Nils Petersen, sah und siegte: Sein Hattrick beim 4:1 gegen Frankfurt (der erste in der SC-Geschichte) machte Mut, aber das 1:2 gegen den Vorletzten aus Paderborn am 31. Spieltag trieb den Fans dann endgültig tiefe Sorgenfalten auf die Stirn.

 

Hatte Streich zu oft eine Aufstellung gewählt, die nicht verlieren sollte? Und die, mit der er eher auf Sieg spielen kann, zu oft nicht gebracht? Der grandiose Sieg gegen die Bayern wandelte Lethargie in Euphorie. „Wir können es selber so gestalten, dass wir eine an Intensität nicht zu überbietende Saison zu einem guten Ende führen“, sagte Streich vor dem Finale in Hannover. Und: „Wir wollen nicht einen Punkt, wir wollen die schlagen.“ Nur gespielt haben sie so nicht. Warum? Schwer zu erklären. Sind im Kader zu wenig Siegertypen?

Präsident Keller: Vielleicht zu viel Harmonie im Verein?

 

Die in vielerlei Hinsicht starke Mannschaft der vergangenen Saison ist jetzt Geschichte. Jonathan Schmid (Marktwert laut transfermarkt.de: 4,5 Millionen Euro) geht nach Hoffenheim, der insgesamt enttäuschende Admir Mehmedi (6 Millionen) spielt Champions-League-Quali in Leverkusen, Nils Petersen – der Sportbild-Informationen zufolge 250.000 Euro Leihgebühr kostete und in der Rückrunde 750.000 Euro in Freiburg verdient hat – geht vorerst zurück zu Werder. Oliver Sorg wechselt für rund 3,5 Millionen Euro zu Hannover 96, Sebastian Mielitz nach Fürth, Unglücksrabe Pavel Krmas ist weg. Daniel Batz geht nach Chemnitz und Roman Bürki für wohl 4,5 Millionen Euro nach Dortmund. Als wahrscheinlich gilt, dass auch Vladimir Darida den SC verlässt (so war der Stand bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe).

 

Die bisherigen Verpflichtungen lassen indes einen Blick auf die klammere Kassenlage eines Zweitligisten zu: Es kommen Tim Kleindienst vom Drittligisten Energie Cottbus, Lukas Kübler ablösefrei vom Zweitligisten SV Sandhausen, Vincenzo Grifo vom Zweit- ligisten FSV Frankfurt (gehörte der TSG Hoffenheim) und der albanische Nationalspieler Amir Abrashi ablösefrei (kicker) vom Grasshopper Club Zürich. Alexander Schwolow und Vegar-Eggen Hedenstad (beide verliehen) kehren zurück. Von Bayern München kommen soll U-19-Nationalspieler Marco Hingerl.

Der Erste, der weg war: Jonathan Schmid schnürt seine Kickschuhe künftig für die TSG Hoffenheim.

 

SC-Geschäftsführer Oliver Leki ließ eine Anfrage des chilli über die künftigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unbeantwortet. Klar ist, dass der SC allein 16,6 Millionen Euro an TV-Geldern verliert. Nach BZ-Informationen würde Trikotsponsor Ehrmann in Liga zwei nur eine statt bisher zweieinhalb Millionen zahlen – wenn der Vertrag verlängert wird. Und auch bei Kartenverkäufen und Merchandising drohen massive Einbußen. Auf 20, 25 Millionen Euro wird Leki wohl verzichten müssen. Auf der anderen Seite steht das Saldo aus den Verkäufen teurer und dem Kauf günstigerer Spieler. Es wird ein Kraftakt für Streich, unter diesen Bedingungen den direkten Wiederaufstieg zu packen. Aber der will ihn anpacken: „Wir werden zurückkommen und wieder so Fußball spielen, damit die Leute, die uns zuschauen, wieder ihre Freude daran haben.“

 

Text: Lars Bargmann & Fotos: © ns & SCF

 

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Nachtreten – im Fußball gibt es dafür die Rote Karte, im normalen Leben ist dies oft unangebracht, im Journalismus hingegen opportun. Nachtreten tut immer weh, so wie der Abstieg des SC Freiburg. Das 1:2 in Hannover brachte einen schluchzenden Trainer, eine konsternierte Mannschaft, enttäuschte Fans und einen angefressenen Präsidenten – der aber immer gerne wiederholt, dass die Zweite Liga eben auch zum SC Freiburg gehöre, dass dies ja eigentlich der Normalfall sei. Nebenbei: Wenn man badisch-behäbig diese Mantra immer wieder herunterbetet, dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn die Spieler saftlos spielen. Absteigen? Gibt doch Schlimmeres. Als Underdog sollte man sich anders, nämlich kämpferischer und selbstbewusster, inszenieren.

 

Die Frage nach dem „Warum“ hat bislang noch keiner beantwortet. Gerne hat Trainer Streich auf die vielen Missgeschicke verwiesen, mit dem Fußballgott und den Schiedsrichtern gehadert. Doch reihenweise verschossene Elfmeter und Gegentore in der Nachspielzeit kommen nun mal nicht aus heiterem Himmel. Jammern ist zu einfach, oftmals war es peinlich – und genauso wenig souverän wie die meisten Auftritte seiner hasenfüßigen Psychotruppe. Nur Bürki und Petersen haben einen exzellenten Job gemacht. Die anderen waren mit sich selbst beschäftigt, schienen ausgelaugt, nur begrenzt bundesligatauglich, hatten Angst und ließen jegliche Idee und Kreativität im Spiel nach vorne vermissen. Zudem war Freiburg seinen Gegnern – im Gegensatz zu früheren Saisons – auch physisch nicht gewachsen, daher die regelmäßigen Einbrüche kurz vor Abpfiff. Und warum wunderten sich Außenstehende jeden Spieltag aufs Neue über die Aufstellung? Darüber, wer welche Position spielt? Allein auf die Verletzungsmisere zu verweisen, das ist nicht nachvollziehbar. Es fehlte an Konstanz, die Rochaden wirkten plan- und hilflos.

 

Und nun, Herr Streich? Eigentlich können Sie es doch: Junge Spieler begeistern, ein mental starkes Team formen, attraktiven, erfolgreichen Fußball spielen. Also, an die Arbeit.

 

Text: Dominik Bloedner & Foto: ns