Alzheimer als unvermeidbares Schicksal? Wenn es nach Michael Nehls geht, nicht. In seinem Sachbuch „Die Alzheimer-Lüge“ behauptet der Freiburger Arzt und Extremsportler, dass Alzheimer nur dann entsteht, wenn der Mensch seine Bedürfnisse nicht befriedigt – etwa, sich gesund zu ernähren, viel zu bewegen oder soziale Kontakte zu pflegen. Seine Schlussfolgerung: Wer gesund lebt, bleibt nicht nur körperlich, sondern auch geistig fit bis ins hohe Alter. chilli-Redakteurin Tanja Bruckert hat er erläutert, wie Fernsehen das Alzheimerrisiko erhöht, warum es nie eine Pille gegen diese Krankheit geben kann und die Industrieländer auf einen Kollaps ihrer Gesundheitssysteme zusteuern.

Arzt und Autor Michael Nehls

 

chilli: Es ist bekannt, dass eine gesunde Lebensweise auch bei Volkskrankheiten wie Fettleibigkeit und Diabetes hilft. Dennoch werden die Menschen immer dicker. Es fällt schwer zu glauben, dass durch Ihre Ergebnisse ein Umdenken einsetzen wird.
Michael Nehls: Wenn wir nur so und nicht anders handeln könnten wie in unserer heutigen Kultur üblich, in der viele mehr Zeit am iPhone oder auf facebook verbringen als mit dem Lebenspartner, dann hätten Experten recht, die behaupten: Alzheimer ist unvermeidbar. Doch ich hätte das Buch nicht geschrieben, wenn ich nicht glauben würde, dass sich der Mensch ändern kann – wenn er das Wissen hat und darin Vorteile sieht. Wer Alzheimer vorbeugt, gibt seinem Leben nicht nur mehr Jahre, sondern den Jahren mehr Leben. Das sollte zumindest für manche Motivation genug sein.

chilli: Lässt sich durch die richtige Lebensweise ein hundertprozentiger Schutz erreichen?
Nehls: Wer die wesentlichen Mängel in allen Lebensbereichen behebt, dem bleibt nur noch ein vernachlässigbares Restrisiko – das ich Leben nenne – übrig. Ich selbst habe keine Angst vor Alzheimer mehr, seit ich durch meine Recherchen für das Buch herausfand, was ich für mich ändern musste.

chilli: In welchem Alter bringt eine Umstellung der Lebensweise noch etwas, um Alzheimer vorzubeugen?
Nehls: In jedem. Selbst wenn Alzheimer schon als mögliche Diagnose im Raum steht, kann eine Änderung der Lebensweise noch etwas bewirken. Aber eines ist klar, je früher man aufhört, sein Gehirn zu schädigen, desto effizienter ist es. Die Prävention müsste schon in der Kindheit mit der Zielsetzung beginnen, dass sich Kinder geistig gesünder entwickeln: Denn die Hirnschädigung geht schon los, wenn sie zu früh zu viel still sitzen müssen, obwohl man herausfand, dass Bewegung die geistige Fitness erhöht. Auch ein Mangel an familiären Interaktionen schadet, wenn man die Kinder lieber vor den Fernseher setzt, als sich mit ihnen zu beschäftigen. Dazu noch eine mangelhafte Ernährung und oft ein Zuwenig an Schlaf, der für die Gehirnreifung nötig wäre, wenn man sie schon viel zu früh passend zu den Arbeitszeiten der Eltern taktet.

chilli: Welche Auswirkungen hat es auf unser Gesundheitssystem, wenn wir so weiterleben wie bisher?
Nehls: In den USA prognostizieren Experten, dass alleine die auf uns zurollende Alzheimer-Epidemie bis spätestens 2050 dafür sorgen wird, dass die Sozialsysteme zusammenbrechen. Gleiches gilt auch für uns. Ein lebenswerter Lebensabend wird dann für die meisten schlichtweg nicht mehr finanzierbar sein.

chilli: Wenn Alzheimer eine Mangelerkrankung ist, so folgern Sie, wird es dagegen nie ein Medikament geben. Wieso eigentlich? Kann man einen Mangel nicht medikamentös beheben?
Nehls: Ein Beispiel: Nehmen Sie an, Sie haben Durst, bekommen aber nichts zu trinken. Sie werden dann neben dem Durstgefühl weitere unangenehme Symp-
tome entwickeln. Gegen die auftretenden Krämpfe gibt es Muskelrelaxantien. Dann spielt Ihr Kreislauf verrückt. Kein Problem, auch dafür gibt’s Medikamente. Am Ende fangen Sie an zu halluzinieren. Wieder kein Problem, denn dafür hat man Neuroleptika entwickelt. Sie werden sich dann etwas besser fühlen, aber dennoch verdursten. Kurzum, ein essentielles Bedürfnis kann man nicht medikamentös befriedigen, höchstens die Symp-
tome abschwächen. Deshalb scheitert bisher auch die Entwicklung wirksamer Medikamente gegen Alzheimer.

chilli: Sie behaupten, dass mehr als 50 Prozent des Alzheimer-Risikos in unserer Gesellschaft aus unseren Fernsehgewohnheiten resultiert. Sollen wir jetzt alle unsere Fernseher wegschmeißen?
Nehls: Ich sehe auch ganz gerne fern, vor allem Dokus. Aber man sollte sich klar darüber sein, dass der Tag stundenmäßig begrenzt ist: Wenn wir acht Stunden am Tag am Schreibtisch sitzen, dann mit dem Auto nach Hause fahren und dann noch unsere wenige Freizeit vor der Glotze verbringen, dann fehlt nicht nur Zeit für Bewegung, sondern auch für das soziale Miteinander oder Schlaf, sodass wir morgens immer seltener mal richtig ausgeschlafen sind.

chilli: Halten Sie sich selbst an alle Empfehlungen oder schlagen Sie auch mal über die Stränge?
Nehls: Wer tatsächlich alles umsetzen möchte, versucht sich an einem Ideal, und das ist wie alle Ideale zum Scheitern verurteilt. Aber es genügt schon, die wesentlichen individuellen Mängel zu kennen und dann die Lebensweise ein wenig zu ändern. So ist mir zum Beispiel beim Recherchieren klar geworden, dass es nicht Sport sein muss, um das Gehirn zu schützen, sondern dass jegliche Art der Bewegung dazu beiträgt. Seither macht mir sogar das Geschirrspülen Spaß.

 

 

Alzheimer-Luege
Michael Nehls
Die Alzheimer-Lüge. Die Wahrheit über eine vermeidbare Krankheit
464 Seiten, Taschenbuch
Heyne Verlag, 2014
16,99 Euro