Den 24. Dezember verbringen die meisten Menschen in Deutschland im Kreis ihrer Familie. Es wird gemeinsam gegessen, in die Kirche gegangen, beschenkt. Dass es nicht überall friedlich zugeht, weiß Polizeisprecher Karl-Heinz Schmid: „Wir haben viele Gewalttaten im sozialen Nahbereich.“ Wie die Polizisten sind auch viele andere am Heiligen Abend nicht zu Hause. Was macht ein Feuerwehrmann, wenn überall in der Stadt Kerzen angezündet werden? Auf welches Christkind wartet eine Hebamme? Wie verbringen verurteilte Verbrecher das Fest der Liebe? Worauf richtet man sich im Notfallzentrum ein? Die etwas andere Freiburger Weihnachtsgeschichte.

 

 

Bernd Lienhart: Ein entspannter Tag. Bild: Felix Holm.

Bernd Lienhart: Ein entspannter Tag. Bild: Felix Holm.

 

Das Weihnachtsfest fängt für Bernd Lienhart – wie seit nunmehr 32 Jahren fast jedes Jahr – bereits am 23. Dezember an. Um elf Uhr abends steht er in seiner Bäckerei am Schwabentor und beginnt, Teig anzurühren, zu kneten und in den Ofen zu schieben. Ab 1.30 Uhr werden dann die ersten Nachtschwärmer, die in den Kneipen der Stadt bereits in den Geburtstag von Jesus Christus reingefeiert haben, bei ihm ans stadtbekannte Hintertürchen klopfen und sich für den Heimweg mit den ersten frischen Backwaren eindecken. „Eigentlich ist das ein entspannter Tag“, freut sich der 47-Jährige auf seinen Einsatz am 24. Dezember, „alle sind ziemlich entspannt, und für mich endet in dieser Nacht die stressige Weihnachtszeit.“ Am frühen Morgen, wenn die Partypeople längst im Bett liegen, darf auch er endlich in den Feierabend. Andernorts ist man davon aber noch weit entfernt.

 

Knast: Hochemotionale Geschichte. Bild: Lars Bargmann.

Knast: Hochemotionale Geschichte. Bild: Lars Bargmann.

 

6.45 Uhr: Normalerweise würden die Schließer in der Freiburger Justizvollzugsanstalt jetzt die Häftlinge wecken und zum Frühstück beordern. Doch heute dürfen sie länger schlafen, denn heute ist auch hinter den hohen Mauern ein ganz besonderer Tag. Es gibt – um 8.05 Uhr – Müsli (statt Brot), einen Rinderbraten zu Mittag und Hähnchenschlegel zum Abendessen (statt Brot). Und weil von den 590 Gefangenen mindestens die Hälfte christlich ist, gibt es am Nachmittag auch einen ökumenischen Gottesdienst. Über all das wacht an diesem 24. Dezember der Wochenenddienstleiter Michael Winterhalter, der auf seine private Weihnacht verzichten muss. Der neue Anstaltsleiter Harald Egerer hat am Heiligen Abend, am ersten und zweiten Weihnachtstag auch die Besuchszeiten ausgeweitet. Eingepackte Geschenke aber dürfen die Angehörigen nicht mitbringen, dafür gibt es von den Seelsorgern Kerzen, Weihnachtsbrötchen und Kalender. „Weihnachten ist für unsere Gefangenen schon eine hochemotionale Geschichte“, sagt Egerer. Schon vorher, am 15. Dezember, wird es in der Sporthalle sogar eine richtige Weihnachtsfeier mit Kaffee, Kuchen und belegten Brötchen für die Häftlinge und ihre Familien geben. „Für die nicht gefährlichen jedenfalls“, erzählt Egerer. In der Halle werden übrigens auch 100 Exemplare der aktuellen chilli-Ausgabe liegen, die der Verlag den Gefangenen zu Weihnachten geschenkt hat.

 

Caroline Busche: Normaler Wahnsinn. Bild: Cathrin Pflüger.

Caroline Busche: Normaler Wahnsinn. Bild: Cathrin Pflüger.

 

Oberärztin Caroline Busche muss heute früher aufstehen als die Häftlinge. Um 7.45 Uhr beginnt im Universitäts-Notfallzentrum der Weihnachtstag wie jeder andere Arbeitstag mit der Visite. Für Busche herrscht an Weihnachten der ganz normale Wahnsinn: „Wir arbeiten mit voller Besetzung, da es erfahrungsgemäß immer mehr wird.“ Mit ihr sind zwei internistische Ärzte im Einsatz, die Unfallchirurgie ist ähnlich gut aufgestellt. Das ist auch nötig, denn Busches Erfahrung nach war es in den vergangenen beiden Jahren an den Weihnachtsfeiertagen extrem voll, da die Hausärzte nicht arbeiten.

Dass etwa verdorbene Mägen, Verletzungen nach Familienstreitigkeiten oder Suizidversuche aufgrund einer Weihnachtsdepression häufiger vorkommen, stimmt hingegen nicht. „Wir haben ein normales Patientenspektrum. Ich glaube, das hängt eher von der Wetterlage als den Feiertagen ab“, meint Busche. Wann sie am Weihnachtstag Feierabend hat, weiß sie noch nicht: „Mein Tag ist erst dann zu Ende, wenn alles einigermaßen ruhig verläuft.“

 

Thomas Schlatterer: Lauter Verrückte. Bild: Felix Holm.

Thomas Schlatterer: Lauter Verrückte. Bild: Felix Holm.

 

Unruhig geht es auch auf den Straßen zu: Bevor die Leute an Weihnachten in ihren Wohnzimmern sitzen, müssen sie meistens noch irgendwohin. Das Fleisch fürs Abendessen abholen, noch schnell das letzte Geschenk besorgen, den alljährlichen Anstandsbesuch bei Verwandten machen, zum Gottesdienst – oder später auch wieder in die Stadt, um der ganzen Besinnlichkeit schnell wieder zu entfliehen. Viele dieser Rastlosen werden Thomas Schlatterer begegnen: Der 49-Jährige wird den Weihnachtstrubel vom Steuer einer Straßenbahn oder vom Lenkrad eines Busses aus beobachten. „Tagsüber sind die ganz Verrückten unterwegs, da geht es derart hektisch zu“, wundert sich der VAG-Mann. Für ihn bedeutet das volle Konzentration: „Die Leute sind gehetzt und haben den Tunnelblick, da ist es richtig anstrengend, durch die Stadt zu fahren.“ Zwischendurch wird’s dann ruhiger, aber gegen 22 Uhr „kommen die ganzen Jugendstrümpfe in die Stadt und dann ist‘s eigentlich wie an jedem Wochenende.“

 

Urban Heck: Feiern mit bunter Schar. Bild: Tanja Bruckert.

Urban Heck: Feiern mit bunter Schar. Bild: Tanja Bruckert.

 

Im Psychiatrischen Zentrum in Emmendingen erklingen um 16 Uhr in der kleinen Kirche auf dem Gelände der Anstalt die ersten Noten von „Maria durch ein Dornwald ging“. Die knapp hundert Besucher stimmen ein, unter ihnen der katholische Klinikseelsorger Urban Heck. Er steht neben einer hölzernen Krippe, zu der bunte Fußabdrücke führen. Klassisch ist das nicht. Aber überhaupt ist an dem ökumenischen Weihnachtsgottesdienst wenig klassisch – mal steht die Figur einer schwangeren Maria im Altarraum, mal tritt ein Pantomime auf, mal weichen die Stuhlreihen einem Gang aus Kerzen. Und am wenigsten „klassisch“ sind eben die Besucher: Sie sind christlich oder muslimisch, manisch oder von Wahnvorstellungen geplagt, sind als Besucher auf dem Gelände oder wohnen hier, weil es ein Gericht so angeordnet hat.

Heck mag es, dass die Schar so viel bunter ist als beim Gottesdienst einer Gemeinde. Mag die herausfordernden Fragen, wenn Patienten wissen wollen, ob sie nach einem Selbstmord in die Hölle kommen oder ob die Stimme in ihrem Kopf die von Gott sei. Er weiß, dass gerade die Weihnachtszeit für viele sehr schwer ist. Schwer, weil Erinnerungen an frühere Feiern im Familienkreis aufkommen, weil es die Zeit ist, zu resümieren, ob das Jahr wie erhofft verlaufen ist.

 

Harald Spengler und Bernhard Weber: Würfeln im Mannschaftszimmer. Bild: Felix Holm.

Harald Spengler und Bernhard Weber: Würfeln im Mannschaftszimmer. Bild: Felix Holm.

 

Wenn um 16.30 Uhr in vielen Haushalten die ersten Kerzen angezündet werden, beginnt auch in diesem Jahr wieder der stellvertretende Wachabteilungsführer Bernhard Weber seine Nachtschicht. Zum vierten Mal in Folge ist er am Heiligen Abend dafür zuständig, dass aus Adventskränzen und Christbäumen kein Brandherd wird. „Die Schichtpläne laufen bei uns durch, da ist nichts mit Feiertag“, erklärt er. Schon seit 1981 arbeitet Weber für den Brandschutz, wann er allerdings zuletzt einen Christbaum löschen musste, daran kann er sich nicht erinnern: „Weihnachten ist eigentlich entspannt. Auf der Straße ist es ohnehin ruhig und Christbaumbrände haben wir äußerst selten, auch weil die Bäume noch ganz frisch sind.“ Und so sitzt er würfelnd mit seinem 19 Mann starken Löschzug im Mannschaftszimmer mit Blick auf die östlichen Gutleutmatten. „Das hat auch etwas – es ist der einzige Abend, an dem wir so zusammensitzen.“  Sogar ein Weihnachtsbaum steht im Zimmer. Dessen Lichter brennen auch dann weiter, wenn die Alarmglocke schallt und die Männer an der Stange hinunter zu den Einsatzfahrzeugen rutschen. Er hat Elektrokerzen.

 

Anna Faller: Gedanklich bei den Armen. Bild: Tanja Bruckert.

Anna Faller: Gedanklich bei den Armen. Bild: Tanja Bruckert.

 

Besinnlich geht’s bei Anna Faller zu. Sie stimmt ein Weihnachtslied auf der Mundharmonika an, ihre beiden Töchter stimmen mit Saxophon und Flöte ein. Die 54-Jährige ist aber nicht ganz bei der Sache, sie denkt an all jene, die sie von ihrer Arbeit als Betriebsleiterin des Freiburger Essenstreffs kennt, und die nicht wie sie Weihnachten in einer warmen Stube feiern. An jene, die auch an einem verschneiten Weihnachtstag unter freiem Himmel schlafen müssen, an jene, die sich von ihrer schmalen Rente kein festliches Essen leisten können und an jene, die keine Familie haben, mit der sie gemeinsam musizieren können.

Sie stehen heute beim Freiburger Essenstreff vor verschlossenen Türen. Nicht, weil Faller lieber mit ihrer Familie feiert, sondern weil heute die Heilsarmee zum Menü im weihnachtlich geschmückten Paulussaal einlädt. Trotzdem wird Faller den Maria-Hilf-Saal schmücken, mit Äpfeln auf den Tischen, Reisig an den Wänden und einem Tannenbaum, denn am zweiten Weihnachtsfeiertag erwartet sie rund 300 Menschen.

 

Nicole Junker: Warten aufs Christkind. Bild: Cathrin Pflüger.

Nicole Junker: Warten aufs Christkind. Bild: Cathrin Pflüger.

 

In der Fichtestraße 29 bleibt die Küche an dem Tag kalt und die Türen sind geschlossen – zumindest theoretisch, denn die Hebammenpraxis „Lichtblick“ hat Betriebsferien. Nicole Junker, die Leiterin des Geburtshauses, wird den Tag wohl trotzdem nicht zu Hause verbringen. Geburten lassen sich nun mal nicht verschieben und es passiert fast jedes Jahr, dass sie oder eine ihrer Kolleginnen am Weihnachtstag in den frühen Morgenstunden oder nachts nach der Bescherung eine Geburt begleiten. „Ich war bisher bei der Geburt von vier Christkindern dabei, zum Glück wurde ich aber nur einmal aus dem Familienfest gerissen“, erzählt Junker. Auf die Aussicht, ein Christkind zu bekommen, reagieren die meisten werdenden Eltern ihrer Erfahrung nach wenig begeistert. Sie wünschen sich viel mehr, dass es gerade da nicht kommt. „Falls es dann aber so ist, herrscht immer eine ganz besondere Stimmung – fast ein bisschen heilig“, schwärmt Junker. Auch dieses Jahr ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es ein Christkind geben wird, denn das Team betreut derzeit so viele Frauen wie nie und mehrere sollen ihre Kinder rund um Weihnachten bekommen.

 

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Was er vergangene Weihnachten gemacht habe? Ibrahim Sarialtin setzt die Lesebrille auf und blättert in seinem Terminplaner. Worauf die meisten Christen sofort eine Antwort parat haben – in der Kirche gewesen, Weihnachtslieder gesungen, Braten gegessen –, ist eine Frage, bei der Sarialtin erst nachdenken muss. Für den muslimischen Stadtrat ist der 24. nämlich nicht Heiligabend, sondern einfach der 24. Was nicht heißt, dass Sarialtin die Weihnachtszeit kalt lassen würde. „Ich finde die Stimmung zur Weihnachtszeit so schön“, schwärmt er, „die Familie kommt zusammen, der Alltagsstress lässt nach, die Menschen sind fröhlich.“ Als die Kinder noch klein waren, gab es bei der Familie sogar ab und zu einen Weihnachtsbaum und zu Neujahr Geschenke. Damit sich die Kinder nicht ausgeschlossen fühlen.

Denn wie sich das anfühlt, weiß der in einem bayerischen Dorf aufgewachsene Türke noch aus seiner eigenen Kindheit. „Wenn die anderen Kinder von ihren Weihnachtsgeschenken erzählt haben, habe ich gelogen, ich wollte nicht als Der-ohne-Geschenke blöd dastehen.“ Doch ob Christ oder Muslim, Weihnachten oder kein Weihnachten – für Sarialtin spielt das eine untergeordnete Rolle: „Im Vordergrund steht der Mensch selbst, der Mensch als Weltbürger, und erst dann kommen seine Kultur oder sein Glaube.“

 

Text: Tanja Bruckert, Felix Holm, Lars Bargmann