Sie ist nicht leicht zu greifen, die IT-Branche in Südbaden. Aber sie ist eine, die in den vergangenen Jahren immer stärker geworden ist. Allein in Freiburg sind nach Erhebungen des regionalen Technologieverbands Baden-Württemberg: Connected (bwcon) Südwest mittlerweile mehr als 18.000 Menschen bei IT- und Medienunternehmen beschäftigt. In der Region südlicher Oberrhein sollen es 41.000 Beschäftigte in 5150 Hightech-Unternehmen sein. Jahresumsatz: 4,7 Milliarden Euro.

 

Neben der etablierten Haufe-Lexware-Gruppe reüssierten viele einst kleinere IT-Schmieden wie Oxid eSales, Jedox, Virtual Identity, re-lounge, die Leitwerk-Gruppe, badenIT, Inxmail, Ciber oder United Planet. Es gibt eine ganze Reihe von hidden champions wie datadirect, HRworks, Geo-Solutions-Freiburg oder den Textanalytiker Averbis – der beim Deutschen Gründerpreis 2013 unter den Top 3 landete. „Silicon Breisgau“, titelte das Freiburger Stadtmagazin chilli schon im April 2010. „Freiburg ist das Silicon Schwarzwald“ war die Schlageile über einem Bericht der Computerwoche im vergangenen August, der sich auf Recherchen der Wirtschaftswoche stützte.

 

Die jüngste Nachricht in der südbadischen IT-Szene war, dass Jedox-Gründer Kristian Raue sein 2002 gegründetes Unternehmen an die Finanzinvestoren eCAPITAL Partners und Wecken & Cie. verkauft hat. Die Jedox AG hatte unlängst den Innovationspreis IT der Initiative Mittelstand gewonnen und hat heute mehr als 100 Mitarbeiter. Bedeutend für den Erfolg war die Forschungskooperation mit der Universität Freiburg bei der Nutzung von Grafikkarten (statt langsamerer Prozessoren) für die Beschleunigung von Datenbank-Abfragen. Denn Jedox-Geschäft ist big-Data-Geschäft. Der Umsatz lag zuletzt bei mehr als acht Millionen Euro. Mitbewerber sind etwa SAP oder Oracle.

 

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„In der Wirtschaftsregion Freiburg gibt es sehr viele, sehr erfolgreiche IT-Unternehmen, die sehr wenige kennen“, sagt Freiburgs oberster Wirtschaftsförderer Bernd Dallmann. Die von ihm geleitete Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH (FWTM) könne sich das direkt „nicht ans Revers heften“, aber das Schaffen von guten Standortfaktoren sei für Unternehmen, die für ihre Arbeit eigentlich an keinen bestimmten Standort gebunden sind, sehr wichtig. „Die Firmen siedeln sich hier an, weil hier die Lebens- und Arbeitsbedingungen stimmen, weil sie hier Mitarbeiter kriegen, die sie nicht überall kriegen.“

 

Die FWTM hatte 1999 die Gründung eines Branchennetzwerks, des Medienforums Freiburg, initiiert – und bis 2012 gemeinsam mit dem Freiburger Rathaus mit mehr als 350.000 Euro gefördert, wie FWTM-Sprecherin Franziska Pankow zusammenrechnet. Das Medienforum fusionierte 2012 mit bwcon.

 

Dennoch: Auch in der Wohlfühlregion Südbaden haben es viele Firmen schwer, Fachkräfte zu finden. „Was für die Großen der Branche gilt, gilt für die kleineren noch mehr“, sagt Katja Schwab vom Freiburger bwcon-Regionalbüro. Der größte Player ist unangefochten Lexware, wo Jörg Frey und Isabel Blank die Geschäfte – und rund 300 Mitarbeiter – führen. Lexware ist einer der erfolgreichsten Softwareanbieter in Europa – es gibt im Buchhaltungs- und Finanzbereich nahezu nichts, für das die auf Freiberufler und Mittelständler spezialisierte Softwareschmiede keine gute Lösung parat hätte. Die Haufe-Lexware-Gruppe füllt sogar rund 1300 Lohntüten, 850 allein in Freiburg.

 

Der Intranet-Spezialist United Planet, 1998 von Axel Wessendorf gegründet, hat mittlerweile auch 80 Mitarbeiter. Zu den weniger bekannten Firmen zählt die HRworks GmbH, Marktführer in der browserbasierten Reisekostenabrechnung. Gegründet 1996 von Thomas Holzer. In Freiburg. Es gibt einen ganzen Haufen von südbadischen Schmieden, die europa- oder weltweit agieren. „Wir haben sehr viele Betriebe, die Innovationspreise gewinnen und sich offenbar am Markt auch durchsetzen“, sagt Schwab.

 

Wer weiß schon, dass die 1998 in Freiburg gegründete datadirect GmbH mit Geschäftsführer Thomas Nieberle unter anderem für die IT-Sicherheit deutscher Unternehmen in China sorgt – was bekanntlich in dieser Hinsicht nicht gerade als Fort Knox bekannt ist?  Oder dass die Geo-Solutions-Freiburg von Ralph Elsaesser für die European Commission Development, die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die Japan International Cooperation Agency, die Weltbank oder einen ganzen Bauchladen voller Ministerien, Länder und Kommunen arbeitet?

 

Wer kennt Dr. Hornecker Software-Entwicklung und IT-Dienstleistungen aus der Leo-Wohleb-Straße, bei der das Team um Achim Hornecker auch mal für die Deutsche Börse in Frankfurt spezielle Kompressionsverfahren zur Verbesserung des Eurex-Handelssystems entwickelt. Oder die Paragon Software Group aus der Heinrich-von-Stephan-Straße, für die mehr als 200 IT-Experten in den USA, in Deutschland, China, Japan und Polen an Big data Datensicherheit arbeiten?

 

Wem sagt die highQ Computerlösungen GmbH etwas, bei der die Geschäftsführer Christian Disch und Thomas Hornig  in der Schwimmbadstraße längst nicht nur für den ÖPNV mit PlanB und TicketOffice leistungsfähige Softwarelösungen erarbeitet haben?

 

Eine kleine Rolle beim Erfolg der südbadischen IT-Szene spielt vielleicht auch die nahe Hochschule in Furtwangen, wo etwa Roland Fesenmayr, der Gründer der Oxid eSales AG, die äußerst erfolgreich Shopping-Software fürs Internet vertreibt, studierte. Oder Ralf Heller, Mitgründer der Freiburger Virtual Identify AG. Auch Heller kennt das Problem mit den Mitarbeitern: die Gründung der Büros in München, Berlin und Wien zeugt davon. „Wir haben aber auch in Freiburg mit der Technischen Fakultät mittlerweile eine Institution“, sagt Dallmann, „die beim Erfolg der IT-Szene in Freiburg und Region sicher ein kleines bisschen schuld ist.“

 

Text: Lars Bargmann