Sensationeller Fund vor den Toren Freiburgs: In Ettenheim stoßen Archäologen auf mehrere Tausend Jahre alte Artefakte. Sie finden Knochen, Pfeilspitzen und verkohlte Getreidekörner. Doch die Zeit drängt: Während die Grabung noch läuft, entsteht nur einige Meter entfernt ein Neubaugebiet – eine Gratwanderung zwischen Vergangenheit und Zukunft.

 

Die Hitze ist am schlimmsten. Unerbittlich brennt die Sonne, lässt das Gras gelb werden und den staubigen Lehmboden aufplatzen. Hans-Jürgen Wiedemann hasst solche Tage. „Allein an dieser Stelle habe ich acht Liter Wasser getrunken“, erzählt der 50-Jährige, während er in einem Erdloch in Ettenheim kniet. Seit einem halben Jahr wühlen Wiedemann und seine Kollegen im Dreck, schaufeln Löcher, reißen den Boden mit Spitzhacken auf. Wenn sie ins Erdreich schauen, blicken sie in die Vergangenheit: Relikte, die mehr als 4500 Jahre alt sind – eine archäologische Schatzkammer vor der Haustür.

 

Archäologische Grabungsstätte in Ettenheim

HInter der Grabungsstätte entstehen die Neubauten. Bilder: Steve Przybilla

 

Nach Wochen der Bruthitze regnet es zum ersten Mal. Wiedemann ist glücklich. „Das ist immer noch ein Knochenjob“, sagt er, „aber so lässt es sich besser aushalten.“ Sein Overall, der mal weiß war, sieht inzwischen braun gefleckt aus. Wie ein Gärtner buddelt er im Lehm, greift abwechselnd zu Spitzhacke, Spaten und Handpickel. Der Begriff „Knochenjob“ trifft es auf den Punkt: Im Februar fanden die Archäologen gleich mehrere Gräber mit erhaltenen Skeletten. Geschätztes Alter: 4500 Jahre – und damit noch einmal wesentlich älter als die bisherigen Funde, die etwa 300 Jahre alt waren.

 

In Ettenheim treffen Alt und Neu aufeinander. Während zehn Mitarbeiter des Freiburger Regierungspräsidiums (RP) nach Relikten der Vergangenheit suchen, rollen zehn Meter weiter schon die Bagger. Zwischen der B3 und dem Wohngebiet Fürstenfeld-West entstehen neue Häuser. Dass die Geschichte nicht einfach überbaut wird, ist der Behörde zu verdanken: Weil schon bei der Erschließung des bestehenden Baugebiets Fundstücke aus der Keltenzeit aufgetaucht waren, entschlossen sich die Experten zu einer vorsorglichen Untersuchung. Mit Erfolg: Die ersten Funde (Pfeilspitzen und Keramikscherben) ließen nicht lange auf sich warten.

 

Andreas Groß bei seiner Pause an der Grabungsstelle.

Andreas Groß bei seiner Pause an der Grabungsstelle.

 

„Durch diesen Fund können wir nun sicher sein, dass die ersten Siedler schon im Jahre 1000 vor Christus hier lebten“, schwärmt Grabungsleiterin Jutta Klug-Treppe. Der fruchtbare Boden und die Nähe zum Wasser eigneten sich perfekt für menschliche Ansiedlungen. „Das ist heute nicht anders“, sagt Klug-Treppe mit Blick auf die Bagger. „Schließlich entsteht hier gerade ein neues Wohngebiet.“ Zuvor aber sammeln die Archäologen alles, was sie im Erdreich finden können. 250.000 Euro kostet die mittelbadische Expedition: 80 Prozent bezahlt die Gemeinde, 20 Prozent das Land.

 

Ein paar Schritte weiter zündet sich Andreas Groß eine Zigarette an – Pause an der Grabungsstelle. „Wir arbeiten uns Fläche für Fläche vor“, sagt der 43-Jährige und lässt den Blick über das 12.000 Quadratmeter große Areal schweifen. Neben ihm liegen mehrere Sandschippen, das kurzärmelige Hemd weht im Wind. Im Erdloch kauernd sieht er ein bisschen aus wie ein Soldat im Schützengraben. Nur dass der Feind hier das Wetter ist. „Im Winter hatten wir eine richtig lange Frostperiode, danach kam der Dauerregen“, erzählt Groß. „Und im Hintergrund gibt’s den Zeitdruck, weil das Neubaugebiet hier herkommen soll.“

 

Endlich gute Wetterbedingungen nach Frost und Dauerregen.

Endlich gute Wetterbedingungen nach Frost und Dauerregen.

 

Aus einem Eimer holt Groß seinen wichtigsten Fund hervor: ein kleines schwarzes Kügelchen, nur etwas größer als ein Stecknadelkopf. „Das ist ein historisches Getreidekorn“, erzählt der Archäologe. „Ich hab’s beim Abschälen des Bodens gefunden.“ Dass es noch immer erhalten ist, führt er auf ein Feuer zurück. „Hier muss es damals gebrannt haben. Das Korn wurde verkohlt und dadurch konserviert.“ Das Spannendste an seinem Job sei das Unbekannte, sagt Groß. „Selbst wenn wir nur eine kleine Scherbe finden, ist diese Scherbe Tausende von Jahren alt.“

 

So oder ähnlich äußern sich viele an der Grabungsstelle. Die wichtigsten Werkzeuge der Archäologen sind ihre Hände; ihre Augen die besten Sensoren. Schon die kleinste Verfärbung im Boden kann ein Hinweis auf eine längst vergessene Zivilisation sein. Das alles geschieht im Freien, geschützt nur durch ein paar sporadisch aufgestellte Planen. „Trotzdem stehen die Studenten Schlange, um bei einer solchen Ausgrabung mitzumachen“, erklärt Grabungsvorarbeiter Jürgen Kordsmeyer (61). Es gebe sogar Wartelisten. So sind die meisten Mitarbeiter in Ettenheim nicht fest angestellt – das RP bucht sie je nach Bedarf. „Dieses Los teilen sich fast alle Archäologen“, weiß Kordsmeyer, „sie müssen nehmen, was sie kriegen. Schließlich kann nicht jeder nach Ägypten gehen.“

 

"Die Studenten stehen Schlange", weiß Grabungsvorarbeiter Jürgen Kordsmeyer.

“Die Studenten stehen Schlange”, weiß Grabungsvorarbeiter Jürgen Kordsmeyer.

 

Für Hans-Jürgen Wiedemann ist Ettenheim bereits die dritte Kampagne. So nennt man es, wenn Archäologen zu einer Ausgrabung gerufen werden. „Dabei habe ich das Fach gar nicht studiert“, erzählt er, „ich bin über einen Geschichtsverein in die Materie eingestiegen.“ Über Wasser halten könne er sich damit allein aber nicht: „Ich bin selbstständiger Bildbearbeiter. Hin und wieder ruft mich dann das Regierungspräsidium an und ich springe ein.“

 

Kurz darauf am Rande der Baustelle: In einem kleinen Container brütet die Ausgrabungsleiterin über einem Plan. „Wenn alles klappt, schauen wir uns nächstes Jahr einen anderen Bereich näher an“, sagt Klug-Treppe – dort, wo kürzlich die Skelette gefunden wurden. Viel Zeit wird auch dafür nicht bleiben, da direkt nebenan dann wieder neue Häuser hochgezogen werden. Erst lagerten die Artefakte Jahrtausende im Boden, nun wird ihre Bergung zum Wettlauf gegen die Zeit.

 

Ein wenig Ruhe wird erst einkehren, wenn die Fundstücke nach Freiburg ins Archiv kommen. Dann katalogisieren die Spezialisten jedes Artefakt, ziehen Rückschlüsse, schreiben Berichte – und verfügen schließlich wieder über ein historisches Puzzlestück mehr.

 

Bis Oktober noch können die Archäologen ihrer Arbeit nachgehen, danach wird an den jetzigen Fundstellen weitergebaut. „Ein guter Kompromiss“, findet Klug-Treppe, muss aber dann doch zugeben, dass sie die Überbauung ein wenig traurig stimmt. „Schön hergerichtete Funde im Museum mag jeder, aber die wenigsten interessieren sich dafür, wie viel Aufwand und Geld dahinter steckt.“ Außer natürlich, die Expedition findet auf dem eigenen Bauland statt. Dann sei die Euphorie über die historischen Funde oft ganz schnell verpufft.

 

Text: Steve Przybilla