Es ist kein leichter Job, er hat ihn – streitbar zuweilen, lustvoll zuweilen, politisch zermürbt zuweilen – 28 Jahre lang gemacht. Wulf Daseking, einst jüngster Leiter eines deutschen Stadtplanungsamts, seit 1984 Chef der Freiburger Behörde, ist in den Ruhestand gegangen. Seine letzte Dienstfahrt unternahm er zusammen mit chilli-Chefredakteur Lars Bargmann – auf dem Fahrrad durch Freiburg.

Er kommt ein paar Minuten zu spät. Daseking klingelt in der Sternwaldstraße 49 und verzichtet auf den Aufzug. Er begrüßt den Autor und dessen Frau auf dem Balkon und fängt sofort an zu schwärmen: „Das ist das beste Neubauquartier in Freiburg. Hier kommt alles zusammen, was gute Stadtplanung ausmacht: Kurze Wege zum Bäcker, eine dichte, aber luftige Bebauung, ein guter Wind durch kluges Stellen der Gebäude, Vielfalt in der Architektur, kaum Verkehr, ein paar Meter bis zur Straßenbahn, ein paar Meter zum Wald, ein super Beispiel für gelungenes Bauen im Bestand.“ Nicht für all diese Vorzüge kann er was. Wo liegt die „Schuld“ des Stadtplanungsamts? Das Büro Böwer-Eith-Murken hatte ein Grundkonzept gemacht. Die Vorgaben: Eine ordentliche Ausnutzung des Areals, das Berücksichtigen der Windsysteme, verkehrsreduziert, und der Grünstreifen, der sich von der Günterstalstraße entlang der Urachstraße in die Wiehre hineinzieht, sollte beibehalten werden. An diesem Konzept wurde so lange weiter gearbeitet, bis alles passte, wackelte und Luft hatte – inklusive einer durchaus intelligenten Entwässerung des neuen Quartiers am Wasserschlössle und einem großen Anteil an Baugruppen und einer Genossenschaft. Stolz in der Stimme schwingt mit, wenn Daseking zeigt, was die Bewohner wissen: Dass die südliche Hausreihe in einem leichten Bogen gebaut wurde, und die neue Richard-Kuenzer-Straße zur Dreikönigstraße hin noch einen kleinen Schwung macht. Daseking zeichnet ihn mit dem Arm nach. Einen Kaffee? Nein, danke.

 

Nun nicht mehr in Dienstkleidung: Wulf Daseking bei der städtebaulichen Radtour durch Freiburg.

 

Dann geht’s aufs Rad. Aus einem neuen Teil der Wiehre durch alte Strukturen hin zum Alten Messplatz. Höher und dichter zueinander stehen hier die Häuser. Zum Platz hin der geförderte Wohnungsbau (richtig, sagt Daseking), das Zentrum Oberwiehre als Stärkung des Stadtteils („da haben wir sogar den Aldi in den ersten Stock reingekriegt, das soll man mir woanders in Deutschland zeigen“), die Punkthäuser zum Wohnen. Das Quartier sei „vielleicht ein bisschen weniger gelungen, aber als Stadtplaner ist man immer auch an Rahmenbedingungen gebunden“, sagt Daseking. Der Rahmen war am Messplatz dadurch vorgezeichnet, dass das Rathaus viel Geld für den Bau der Neuen Messe brauchte. 15.000 Quadratmeter für Geschäfte, 15.000 Quadratmeter zum Wohnen. Der Wert von Grundstücken wächst mit der Ausnutzung.

Die Grünspange vom Sternwald rüber zum Hirzberg blieb immerhin unangetastet. Unterm Wasserschlössle gebe es nur 1A-Lagen, hier auch mal 2er Lagen. Die alte Knopfhäuser-Siedlung passe „super“ zu den Neubauten. Und auf der anderen Seite des Viertels steht das Ensemblehaus. „Nächster Halt: Klangzentrum-Ost“ hatte das chilli getitelt. „Richtig“, sagt der Stadtplaner, „wenn wir die Stadthalle erhalten und für die Musik nutzen können.“

Durch die Hansjakob-Straße geht es weiter ostwärts, Daseking will die Bebauung in der Heinrich-Heine-Straße zeigen. „Was wir hier gemacht haben, ist Stadtentwicklung par excellence. Die Menschen aus den umliegenden Häusern sind in die neue Seniorenwohnanlage gezogen, haben Platz für junge Familien gemacht, deswegen ist das hier so gut durchmischt, und zudem gibt es fußläufig erreichbare Geschäfte, die den täglichen Bedarf decken.“

Die Schwarzwaldstraße westwärts, vorbei an der wenig ansprechenden Bebauung der Leo-Wohleb-Straße („da passt ein Erotik-Markt doch gut hin“) vorbei an der Schlossbergnase („die Stadt muss auch so etwas haben, eine Stadt braucht auch Krumpel“), durch die Innenstadt zum neuen Quartier Unterlinden. Daseking lobt, aus dem Sattel steigend, den einstigen Sparkassenchef Horst Kary („der ist mit uns zwei Tage rumgefahren, um den richtigen Stein fürs Gebäude zu finden“). Der Solitär nebenan sei auch gelungen, selbst wenn der neutrale Betrachter die Maßstäblichkeit mit anderen Ecken der Innenstadt nicht sehen kann. Daseking lenkt den Blick Richtung Westen: „Uns ist es aber nicht gelungen, die Rosastraße vom Fahnenbergplatz bis zum kleinen Bahnhofsturm zu beleben. Da müssten eigentlich überall in den Erdgeschossen Läden sein wie hier der Drexler“, und zeigt aufs Wein-Restaurant.

An der Bismarckallee angekommen, kritisiert der radelnde Reporter, dass dem Hauptbahnhof ein anständiger Vorplatz fehlt. „Wir hatten eine Planung mit einer tiefer gelegten Bismarckallee“, räumt der Amtsleiter ein. Aber die Post sei damals noch in der Eisenbahnstraße gewesen, die Straße sei zu wichtig für den abbiegenden Autoverkehr gewesen. Mit einer tiefen Trasse hätte man das nicht lösen können. So ist es eben. Ein bisschen „krumpelig“ für einen Bahnhofsvorplatz, aber auch das sei freiburg-like. Wichtiger sei derweil gewesen, dass die Stadt, bevor sie den Bahnhof gemacht hat, den Stühlinger saniert habe: „Erst den vorhandenen Stadtteil gestärkt, dann was Neues, das ist die richtige Reihenfolge.“

Die Bahnhofsachse beginnt von hier mit dem Xpress („städtebaulich völlig in Ordnung, Fassade nicht so“), dann geht’s durch den Stühlinger zum Güterbahnhof, wo die Radler eine Pause auf dem Platz vor dem Zollhof einlegen. Es sei richtig, nach zehn Jahren Stillstand hier nun auch Wohnen zuzulassen, aber ein richtiges Wohnquartier werde das nicht geben. An die für ihn unabdingbare Nahversorgung glaubt Daseking hier nicht: „Sie kriegen ja auch in Ebnet keine gescheite Ladenstruktur hin. Die Investoren rechnen den möglichen Umsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche, es würde mich überraschen, wenn das hier gelingen würde.“
Rüber zum Flugplatz. Auch den könne man wegen einer möglichen Wohnnutzung „durchleuchten“, allerdings sei das Industriegebiet sehr nah dran, zudem sei der Flugplatz für die Durchlüftung von nördlichen Stadtteilen wichtig. Vom politischen Prozess mal ganz abgesehen.

Weiter geht’s ins Rieselfeld, 78 Hektar groß, einen Stadtteil „mit starker städtebaulicher Ausprägung“: großzügige Straßenräume, weite Plätze, Vielfalt in der Architektur, eine hohe soziale Durchmischung, Ausländer, „so wie man eben ganz normal zusammenlebt, auch in alten Gebieten“. Stadtplanung bedeute, den Zufall durch Strategie zu ersetzen. Das Rieselfeld sei als Stadtteil auch in London denkbar, das Vauban nicht. Es habe aber hier auch andere Bedingungen gegeben: das Rieselfeld gehörte der Stadt, Vauban nicht. Die Freiburger Bauträger wollten – wegen der hohen Energiestandards – erst gar nicht ran, aber als ein Bauträger aus dem Saarland hier Grundstücke kaufte, zogen die einheimischen nach.

Was er zur Forderung der Fraktionen nach einem neuen Stadtteil im nördlichen Rieselfeld sagt? „Ohne ein neues, größeres Baugebiet kommen wir in Freiburg nicht klar.“ Freiburg wächst weiter, es gebe zwar entlang der S-Bahn-Linie nach Breisach oder in Bad Krozingen Potenziale, die aber reichten nicht. Das schon gebaute Rieselfeld bewertet Daseking als vollen Erfolg, an dem auch sein Amt nicht schuldlos war. „Wenn Sie von etwas überzeugt sind, müssen Sie auch dafür kämpfen.“

Verloren hat Daseking den Kampf, auch im Vauban freie Räume zu behalten. „Wir wollten hier 15.000 Quadratmeter vorhalten, dafür waren aber kein Geld und keine Mehrheit da.“ Deswegen fehlt den Kindern von einst, die heute Jugendliche sind, Freiraum im Quartier.

Auf der anderen Seite der Merzhauser Straße stehen die Solarsiedlung und die Bebauung dahinter Richtung Hexental. „Auf die Bebauung hätte man auch verzichten können, das ist nicht Freiburg, aber man hat eben dem Disch (Solarsiedlungserfinder, d. Red.) nicht zugetraut, die ganze Fläche erfolgreich umzusetzen.“

Auf dem Weg zurück in die Wiehre stehen wir am Basler Tor. „Das hat mein Vorgänger gemacht“, und schon sitzt Daseking wieder im Sattel. Ums Eck steht das – tatsächlich gelungene – Gebäude der PSD Bank. Hier verweilt er, erklärt, wie die Grundstücksform einen besonderen Baukörper erzwungen habe, wie wichtig Architekten und Bauherren sind, die Ratschläge von den Stadtplanern annehmen. Wir radeln zur Kleingartensiedlung an der Wonnhalde (siehe auch Seiten 16 bis 18), wo es derzeit Aufruhr gibt, weil sie als mögliche Fläche für eine Wohnbebauung im Gespräch ist. „Das wäre Irrsinn hier, die Kleingärten sind wichtig für die Belüftung der Wiehre, außerdem grenzen da ja nur Einfamilienhäuser an die Siedlung, wollen Sie hier Geschosswohnungsbau machen“, fragt Daseking und sitzt schon wieder auf dem Rad.

Auf dem Balkon im Lieblingsquartier: „Stadtplanung ist, den Zufall durch Strategie zu ersetzen.“

 

Die Stadtrundfahrt mit Stadtplaner endet auf der Dachterrasse des Verfassers in Dasekings Lieblingsquartier. Einen Burgunder, ein Blick ins Viertel. Jetzt freue er sich auf seine Vorträge an der Universität – natürlich über Stadtplanung. Das Kapitel „Daseking für Freiburg“ übergibt er beim Sonnenuntergang anhand einer 70-seitigen Broschüre. Das Editorial endet mit dem Satz: „Freiburg hat viele Potentiale, die nur aktiviert werden müssen.“ Er weiß, dass das „nur“ die Lage verharmlost. Und wegen der Debatte darüber geht der scheidende Stadtplanungsamtschef auch ein paar Minuten später.

Text & Fotos: Lars Bargmann